2025 – 285: Sonntagsvergnügen, einsames

Ich weiß heute, womit ich meine Zeit „vergeudete”.

 

Kurz vor Acht war ich halbwach, wollte aber einfach nicht unter meiner Decke her­vor­kriechen. Also blieb ich etwa eine halbe Stunde kuschelig warm und luzide träumend liegen. Und dann, nach den ersten beiden Tassen Kaffee, saß ich ab halb Zehn am Schreibplatz.

Zunächst versuchte ich, mit meiner Zettelsortiererei weiterzukommen. Eine Pilzstiege (27½ cm x 37½ cm x 11 cm) ist in dieser Woche nicht viel leerer geworden: Jedes einzelne Stück Papier lese ich, sortiere es in drei Stapel (behalten, prüfen, zerreißen). Mir besonders wichtig erscheinende Texte schreibe ich gleich in ein Notizbuch ab – doch es sind weniger als gehofft. Mir fehlt eindeutig ein (objektiv kalibriertes) System zur Beurteilung dessen, was ich auf den Zetteln meist nebenbei festhielt. Und vor allem wüßte ich bei vielen Zetteln, aus welchem Grund ich das Aufgeschriebene für so interessant hielt.

Einen Zettel fand ich heute, den ich nicht selbst geschrieben habe. Einen fremden Einkaufszettel:

  • Tüten Suppe
  • Peperoni
  • Speck
  • Herzen   Hä-Klein
  • Käse
  • Wurst
  • Spee
  • Zeitung

Bei dem weiß ich noch, warum ich den habe: Einkaufszettel sind interessante Rätsel, ich versuche immer zu erraten, was aus den gelisteten Dingen wohl werden sollte.

Dann war ich in meine Zettel versunken. Für längere Zeit, deren Verstreichen ich nicht bemerkte. Hier und da stiegen Erinnerungen in mir auf, die mit den Worten auf dem Papier zusammenhängen. Nur einmal war das unangenehm, sonst lösten sie alle ein wohliges Gefühl in mir aus. Bei den abgeschriebenen Notizen habe ich das Erinnerte und das Empfinden ergänzt. In fast fünf Stunden habe ich so exakt 50 (ja, leider nicht mehr) Notizen bearbeitet – nur ein wirklich kleiner Teil dessen, was noch immer in der Pilzkiste verbleibt. Sechs schrieb ich ab, und dann auch noch die fünf, die auf dem Behalten-Häufchen lagen. Zweiundzwanzig will ich heute Abend oder morgen ein weiteres Mal prüfen. Siebenzehn (ja, nur 17), unter denen auch dieser Einkaufszettel, sind in kleine Schnipsel verwandelt worden.

Mich mit mir selbst zu beschäftigen, war mir lange Zeit nicht möglich. Es tut gut, heute dazu in der Lage zu sein. Und meinen eigenen Absichten, Intentionen auf die Spur zu kommen, war ein zwar einsames, aber lehrreiches Sonntagsvergnügen.

Nebenbei habe ich natürlich auch meinen ganz normalen Alltag gelebt mit Kochen und Essen, mit dem Aufbrühen von Tee, mit Lesen im Buch und am Rechner. Und nach dem Ende des Tram-Chaos (Mitteldeutschen Marathon, der Marktplatz war für die Straßenbahnen gesperrt) war ich auch noch draußen in der Stadt unterwegs.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich gab einige Notizzettel und mehr anderes Papier in den Aktenvernichter.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 12. Oktober 2025 war ich zufrieden mit meinen Erinnerungen, mit zwei Pläuschchen in der Stadt, mit der Unaufgeregtheit des ganzen Tages.


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Über Der Emil

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