Diese unerwartete Faszination von fremden Worten.
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Meine Stimmung heute war … eben genau das, unerklärbar. Sehnsüchtig, traurig, glücklich, ganz nah am Wasser gebaut und unzufrieden zufrieden. Nein, das reicht nicht annähernd aus, um halbwegs zu beschreiben, wie ich heute war und bin. Müde bin ich auch noch.
Und dann finde ich beim Aufschlagen eines Buches eine sehr kurze … einen sehr kurzen Text, drei Absätze nur, der mich umhaut, aus den Latschen kippen läßt, mich in die Vergangenheit katapultiert, mich den Atem anhalten läßt – und ich war vor dem dritten Absatz tatsächlich arg- und ahnungslos. (Der dritte Absatz ist im Buch erst nach dem Umblättern zu sehen und zu lesen.) Ja, schon zum dritten Mal zitiere ich aus eben diesem Buch.
Straßentheater
Immer mehr Zuschauer kommen. Das Gedränge um gute Plätze wird immer größer. Die hinteren Reihen stehen auf Zehenspitzen, einige hüpfen sogar auf und nieder, um wenigstens etwas vom Geschehen zu erhaschen, das sich im Licht der Scheinwerfer abspielt. Der Hauptdarsteller liegt neben seinem Motorrad auf der Straße und verrenkt seine Glieder. Feuerwehrleute mit einer Bahre kommen gerannt; ein Arzt beugt sich über den Hauptdarsteller, fühlt mit der Fingerspitze an dessen Halsschlagader. Dann ein Zeichen zum Rettungswagen hin. Zwei weißgekleidete Sanitäter kommen mit großen Taschen, bilden dann mit dem Arzt und drei Feuerwehrleuten um den Verletzten einen Pulk, der den Zuschauern die Sicht nimmt.
Die Polizei, die mit Blaulicht eintrifft, entschädigt die Gaffer. Stimmen werden laut, die alles gesehen haben wollen. Andere Stimmen werden laut, die wissen wollen, was passiert ist. Die Polizei drängt die Zuschauer zurück, damit die Helfer den Verletzten zum Rettungswagen bringen können. Einige Zuschauer sind der Meinung, daß er tot sein, andere wollen gesehen haben, daß er noch atmet. Der Verletzte verschwindet im Rettungswagen. Der Motor heult auf, mit Sirenengeheul setzt sich der Wagen in Bewegung.
Auf der Straße liegt nur noch das Motorrad. Einige wenden sich ab, weil sie kein Blut sehen können. Andere unterhalten sich über die Gefahren des Motorradfahrens. Neun Zuschauer stehen nun als Zeugen im Mittelpunkt. Die Polizei notiert ihre Beobachtungen. Und es dauert lange, bis ein Zuschauer Notiz von einem Mädchen nimmt, das leise vor sich hinwimmert, weil es das Motorrad ihres Bruders erkannt hat.
Wolfgang Gabel: Ganz woanders, aber mittendrin. S. 7f.
© Arena Verlag GmbH, Würzburg 1990. ISBN 3-401-08014-8
Der erste Absatz: Oh ja, das klingt nach Theater oder Film. Aber der Hauptdarsteller wird zum Verletzten. Im zweiten Absatz: Jetzt klingt es nach einem Verkehrsunfall mit einer ganzen Anzahl an Gaffern. Dritter Absatz: Das ist kein Theater, nie Theater gewesen. Unfallaufnahme im alltäglichen Straßenverkehr. Und dann der letzte Satz.
Es ist noch immer dieses Buch von Wolfgang Gabel, das ich lese. Nicht von vorn nach hinten, sondern immer wieder einmal einen Text daraus. Die erste Geschichte hatte ich bisher übersehen. Die bei Wikipedia zu findende Liste seiner Werke zeigt: Dieses Buch war das letzte, daß von ihm veröffentlicht wurde. Ich konnte heute nur diesen kurzen Text lesen. Und war davon so beeindruckt, daß ich ihn komplett zitiere. Mal sehen, was ich später noch in diesem Buch entdecke, vielleicht finde und lese ich sogar andere seiner Werke, irgendwann.
War/ist Wolfgang Gabel einer, den ihr, dessen Bücher ihr kennt?
Erinnerung des Tages:
Das letzte (ähnliche) Buch, das mich gleich von Anfang an so ergriff, war 2013 „Angst auf weiße Zettel schreiben und andere Texte” von Ben Witter.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 29. Januar 2025 war ich zufrieden mit selbstgekochtem Mittagessen (Regensburger, Kartoffelbrei, braune Zwiebeln und braune Butter), mit der Zeit im Bad, mit dem Telefonat mit meiner allerallerallerbesten Freundin.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

