034–2024: Tischkasteninhalt

Der Bienenwachsblock des Großvaters.

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Später Nachmittag. Sie ist allein im großen Haus, und lang­sam macht sie sich Sorgen. Immerhin ist er jetzt schon beinahe zwei Stunden länger unterwegs als üblich. Das ist nicht seine Art: Er ist ein Ausbund an Pünktlichkeit, so lange sie ihn schon kennt. Es bleibt Tante Erdmute nichts anderes übrig, als sich selbst einen Tee zuzubereiten.

Das ist schnell erledigt. Und dann bleibt sie entgegen aller Gewohnheit gleich hier in der Küche, an dem uralten, schwe­ren Küchentisch mit den zwei Schubladen. In einer war früher, zu ihrer Kinderzeit, immer das Besteck zu finden. In der ande­ren liegt noch heute das ganze Näh- und Sattlerzeug, mit dem ihr Großvater oft zugange war. Damals wurden Dinge ja noch ausgebessert, repariert, und nicht beim ersten kleinen Loch, bei der ersten aufgehenden Naht weggeworfen und durch Neues ersetzt. Sie hebt die Wachstuchdecke an und zieht diese Schublade heraus, nimmt Dieses und Jenes in ihre Hand und sieht den alten Mann, wie er im Licht einer Petroleumlampe einmal ihre Schultasche mit zwei halbkreisförmigen Sattlerna­deln wieder herrichtete. Den groben Bindfaden, den er dazu benutzte, zog er immer wieder über einen Block Bienenwachs. Auch der ist noch im Kasten, in einer uralten Blechdose. Ja, und sogar von dessen Geruch ist noch etwas übriggeblieben, stellt Tante Erdmute fest.

In diesem Moment kommt er endlich vom Einkauf. Erdmute schiebt den Tischkasten zu, streicht das Wachstuch glatt. Dann hilft sie ihm beim Aus- und Wegräumen all der Dinge, die in den beiden großen Taschen sind. Das erstaunt ihn, erstaunt ihn sogar sehr. Doch das verträumte Lächeln der Gnädigen Frau besänftigt seine Unruhe und steckt sogar an.

 

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Sieben Bücher und zwölf CDs stellte ich in einen öffentlichen Bücherschrank; sieben alte Brillen gab ich beim Mondlandungsoptiker ab, der sie an eine Hilfsorganisation weiterlei­ten wird.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 3. Februar 2024 mit meiner Brillenspende, mit Eisbergsalat, mit ein paar geschriebenen Sätzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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5 Kommentare zu 034–2024: Tischkasteninhalt

  1. C Stern sagt:

    Wunderbar zu lesen, sehr bildhaft beschrieben, auch die emotionale Unruhe von Tante Erdmute.
    Ich fühle mich zurückversetzt, in eine Zeit, als ich in genau so einer Schublade immer nach dem Besteck gekramt habe, um den Tisch bei den Großeltern zu decken. Darin befanden sich auch jederzeit Zwiebeln und Knoblauch, griffbereit, denn beides gehörte zu einer guten Jause einfach dazu.
    Bei mir wird auch heute noch repariert, was möglich ist. Das betrifft Gegenstände des Alltags wie auch Kleidung. Die Wegwerfgesellschaft kapiere ich einfach nicht.
    Liebe Grüße, C Stern

    • Der Emil sagt:

      Erstmal vielen Dank für das Lob.

      Bei meinen Großeltern war das Besteck immer in einem der Kästen des Küchenschranks. Nur im Haisl, einem Wochenendhaus ohne Wasseranschluß, hatte der Tisch eine genutzte Schublade. Und in der war Krimskrams, Nähzeug, Einkaufsbeutel, Schnur, Gummiringe und all so’n Gekruscht.

      Ich hab nichtmal ’ne Nähmaschine und flick meine Jeans mit der Hand.

  2. annette sagt:

    Also mein Küchentisch hat auch eine Art Schublade – so groß wie der Tisch und mit zwei Emailleschüsseln drin. Früher (bei Oma) zum Abwaschen, heute bei mir als Lager für Kartoffeln und Marmeladengläser. An dem Tisch hab ich Essen gelernt – eines hoffentlich fernen Tages werde ich daran wohl auch meine letzte Mahlzeit einnehmen dürfen. Stabilität der 50er Jahre… vielleicht mag mein Sohn ihn noch erben?
    Besteck war nach meiner Erinnerung immer in einer Schublade im Küchenschrank, der wohl aus demselben Jahrgang wie der Tisch stammte, aber nicht mehr existiert.
    Danke für die Geschichte mit Anstups zu Erinnerungen an Details!

    • Der Emil sagt:

      Ah, ein Spültisch. Irgendwo hab ich irgendwann mal einen gesehen. Wir hatten einen Aufwaschschrank (Sideboardhöhe, halb aufklappbar und dann noch die große Schublade mit den zwei Schüsseln ausziehbar).

      Ich glaube, die meisten Möbel heutzutage sind gemacht für eine Lebensdauer von max. zehn Jahren …

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