Nº 319 (2022) – Wegebier

Einen Brauch aus alter Zeit wiedererweckt.

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Wenn wir früher irgendwohin unterwegs waren oder wieder auf dem Heimweg – also nicht von der Schule oder von der Arbeit oder sowas, sondern bei beson­de­ren Unternehmungen –, dann hatten wir – egal ob weibliche oder männliche oder sonstige Menschen aus unserem Grüppchen oder Dorf – immer etwas zu trinken dabei. Und das war mitnichten Wasser oder Cola, sondern ab dem 16. oder 17. Lebensjahr eben Bier. Bis auf die, die mit dem Moped unterwegs waren, denn Autos gab es kaum und es galten in jenem Land 0,0 ‰. Daran haben sich fast ausnahmslos alle gehalten, das heißt: Wer fuhr, trank keinen Alkohol, nichteinmal ein kleines Bier. Die Nichtmototrisierten waren nicht benachteiligt, denn es fuhren Busse von Dorf zu Dorf bis Mitternacht und die Veranstaltungen damals endeten spätestens um Mitternacht. Jedenfalls auf dem Dorf. Da, wo ich herkomme, konnte man beim Wirt dann zm Ende der Veranstaltung auch noch Flaschenbier kaufen. Das war kaum teurer als der Ladenpreis, denn die Preise waren anders geregelt als heute. Und es gab pro Nase nicht mehr als zwei Flaschen davon am Tresen (in einer Dorfdisko sogar am Küchenfenster). Der Durst konnte auf dem Heimweg nicht sehr groß werden, denn wir hatten ja unser Bier für den Heimweg, das Wegebier („e Bier forn Waag oder zweehe”).

Eine ganze Zeit lang saß ich mit vielen anderen Gestalten auf dem Markt hierzustadt. Beinahe täglich traf sich eine lose Gruppe von Punkern, Grufties, schwarzem Gemüse eben – und oft war ich dabei. Auch da wurde Bier, und zwar ganz spezielles Bier, getrunken. Und es ging in den Gesprächen, die geführt wurden, häufig um sehr ernste Themen aus Famile, Kultur, Politik und Wirtschaft. Für den Heimweg holte sich, wer ging, zumeist noch ein Bier beim Dönermann um die Ecke. Ein Bier für den Weg, den Heimweg: ein Wegebier. Aber wirklich nur für den Heimweg …

Letztens war ich auch wieder unterwegs in der Stadt (ja, das bin ich sehr oft, das ist nichts Ungewönliches). Und ich war im Konsum, den es wieder gibt in der Stadt, brauchte zwei Kleinigkeiten. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, nach langer Zeit mal wieder mit der S-Bahn nach Haneu zu fahren. Normalerweise nutze ich dafür die Funkenkutsche (hallischer Ausdruck für die Tram, die Straßenbahn, die Elektrische) und den Bus. Ich kann aber auch mit der S-Bahn und mit einem anderen Bus nachhausekommen. Und da überkam mich vor dem einen Regal, vor dem mit dem Bier, beim Anblick einer Flasche mit Bügelverschluß ein ganz spontaner Kaufanreiz. Eine Flasche davon nahm ich mir für unterwegs mit. Und ich ging zum Hauptbahnhof und rauchte auf dem Bahnsteig noch eine Zigarette und nahm einen ersten Schluck vom Wegebier. Dann fuhr ich mit der S-Bahn und trank noch ein paar Schlucke. Und mit einer weiteren Zigarette an der Bushaltestelle war dann auch das Wegebier ausgetrunken.

Ach, es wird ganz sicher nicht zur regelmäßigen Gewohnheit werden. Aber ab und zu kann ich mir das wieder gönnen, nicht wahr?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 15.11.2021 das Unterwegssein, die gefüllte Keksdose, das Feierabendbier.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte König der Kelche.

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Über Der Emil

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3 Kommentare zu Nº 319 (2022) – Wegebier

  1. klingt idylisch. ich wusste nicht, dass es drüben auch döner gab.

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