2021,101: Verdorrt

Vom Bergwerk her kam ich zu ihm.

To get a Google translation use this link.

 

 
 

Ich war immer gern hier.

Kennengelernt hatte ich ihn in meiner Lehre, den Gregor. In der übertägigen Schlosserei. Er zeigte mir, wie richtig gefeilt und geschabt wird. Brachte mir Tricks und Kniffe bei, die er aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Und irgendwann lud er mich zu sich nach Hause ein und wir tranken Tee mit Konfitüre und aßen Kekse dazu. Da hatte ich aber schon ausgelernt und war wie er einer der Pumpenschlosser im Schacht. Wie er war ich auch nur übertägig zugange. Wir hatten beide Angst vor der Enge und der Dunkelheit unten. Wie oft ich ihn besuchte? Einmal in der Woche, der Donnerstag war unser Tee-und-Mühle-Tag. Als er in Rente ging, behielten wir das bei. Wir tranken Tee, spielten Mühle und redeten nicht viel.

Jetzt war ich einige Zeit im Krankenhaus und anschließend auch noch zur Reha. Das Herz. Vier Monate konnte ich ihn nicht besuchen, hatte genug mit mir zu tun. Als ich heute zu ihm gehen wollte, herrschte vor und in seiner Wohnung Hochbetrieb. Ich wurde nach meinem Namen und nach meiner Stellung zu Gregor Jerafimowitsch T. gefragt. Dem alten Herrn, dessen Fehlen wohl längere Zeit niemandem aufgefallen war. Der dann heute vormittag tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Der einen Brief an mich angefangen vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Nichts davon habe ich in diesem Moment wahrgenommen oder gar verstanden. Nichts davon. Durch die offene Küchentür konnte ich nur Gregors sonderbaren Kaktus sehen. Sein Stolz, ein wirklich imposantes Exemplar, das immer die volle Fensterbreite überspannte. Auch jetzt noch, aber in graubraun und verdorrt.

Ich stehe an der Wohnungstür und frage mich nur: Wie lange dauert es, bis so ein Kaktus verdorrt? Und warum habe ich nicht wenigstens einmal versucht, Gregor anzurufen?

 

Dieser Griff zum Telefonhörer, der auch mir immer wieder schwerfällt …

 

Technischer Hinweis: Im neuen Blog hier sind zur Zeit weder Kommentare noch Likes möglich. Es scheint, daß Abos nur unter bestimmten Bedingungen möglich sind, üblicherweise aber nur auf die leere, übergeordnete Instanz zugreifen. Bis diese Probleme geklärt sind, wird das parallele Veröffentlichen beibehalten – auch über den 31.03.2021 hinaus.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 11.04.2021 waren positiv die vergebliche Suche nach dem Fotomotiv (ja, knapp zwei Stunden Spaziergang), Bockwürste, die Zeit in der Wanne.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Vier der Stäbe.

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2021, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu 2021,101: Verdorrt

  1. Pingback: 2021,101: Verdorrt | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.