2021,020: Kontinuität

Vielleicht schon seit einhundert Jahren?

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Schon wieder geht es um Bücher, oder besser: um ein Buch und ein Zitat daraus. Ich brauchte ein wenig Zeit, viel Suchmaschinerei und drei Anrufe, bis ich mich zufriedengab mit der Tatsache, heute nicht mehr über dieses Buch in Erfahrung zu bringen als das, was im Impressum zu finden ist. Mittlerweile ist es 71 oder auch schon 72 Jahre alt. Und nebenbei lernte ich auch wieder etwas über korrekten Schriftsatz, insbesondere von Ligaturen in Fraktur. Es ist viel »Vorgeplänkel«, ehe ich zu dem komme, was der Titel des Eintrags verspricht.

Impressum eines Buches von 1950 – der vollständige Text ist im zugehörigen Beitrag zu finden.

Das Impressum eines Buches von 1949 oder 1950
Enthaltener Text hier im Beitrag unter dem Bild.

»Diese Lizenzausgabe erscheint mit Genehmigung der Firma Johannes Herrmann,
Zwick au (Sach sen). Veröffentlicht unter der Lizenz-Nummer 352 der SMA.
— Druckgenehmigungsnummer 1004/50—410/49 —
Druck von Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen) — 9«

Ich habe es im Text einmal genau so gemacht, wie es in Fraktur üblich war: Nur die zweifachen Minuskelligaturen (früher zwei miteinander verbundene Kleinbuchstaben auf einer Type) ch, ck, tz, ſt bleiben verbunden, nur diese vier werden also nicht mit gesperrt (und das ß sowieso nicht). Jaaaaaa, wieder was gelernt.

 

Ach ja, das Buch. 1949 oder 1950 in Zwickau gedruckt (wie gerade zu lesen war). Aber diese Lizenzausgabe erschien in der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin, in Ostberlin (weswegen ja auch die Sowjetische Militär-Administration zuständig war). Auf dem Haupt­titelblatt steht: »Tägliche Hausandachten Im Namen der Mitarbeiter herausge­ge­ben von Matthias Schulz und Heinrich Willkomm«, das Impressum steht auf dessen Rückseite. Es ist eines der Bücher, die mir von meiner Mutter im vergangenen Jahr mitgegeben wurden. Ich denke, daß es aus dem Haushalt ihrer Elten stammt.

Tägliche Hausandachten. Was will ich mit einem solchen Buch? Ich bin ja gläubig, nur nicht so sehr vebunden mit der Institution Kirche. Ab und zu lese ich auch in einer (alten) Bibel, die neueren Übersetzungen sagen mir nicht zu. Hausandachten halte ich nicht, nein, dazu habe ich dieses Buch auch nicht. Außerdem kann ich mit den Datierungen der täglichen Andacht wenig anfangen. Wann ist denn Mitwoch nach dem 3. Sonntag nach Epiphanias? Und wann Septuagesimä und Sextuagesimä und Estomihi? Ich habe es mir für vergangenes und dieses Jahr mit Bleistift oben auf den Seiten notiert, für alle dieje­ni­gen der 376 Tage, die diesmal vorkommen. Warum 376? Das hängt mit den beweglichen Festen im Kirchenjahr zusammen: Mal ist hier eine Woche mehr nach diesem, dann dort eine Woche mehr nach jenem – es ist nicht wirklich einfach. Aber gestern, gestern war der 19. Januar 2021, der Dienstag nach 2. Sonntag nach Epiphanias. Und ich las um die Mittagszeit den Text der zugehörigen Hausandacht. Einen Text, der (mindestens) siebzig Jahre alt ist, vielleicht sogar schon einhundert Jahre oder mehr. Und mich erstaunte die Kontinuität der Wahrheit. Der Wahrheit, die im ersten Absatz dieser Hausandacht niedergeschrieben steht:

Erster Absatz einer Hausandacht.

Der vollständige Text findet sich hier im Beitrag unter dem Bild.

 

Wir haben alle keine Zeit. Unser Beruf, unser Geschäft,
unsere Verpflichtungen nehmen uns von früh bis spät in An-
spruch. Wir haben keine Zeit zur Selbsbesinnung, zur Selbst-
prüfung, zur inneren Sammlung. Wir haben auch keine Zeit
mehr für die andern, oft nicht einmal für unsere Familie.
Bittet jemand um einen Dienst, wie oft hört man: Ich habe
leider keine Zeit.

Tägliche Hausandachten. S.57. Andacht für Dienstag nach 2. Sonntag nach Epiphanias.
Weitere Information: Siehe obenstehende Angaben des Impressums
Im Inhaltsverzeichnis ist als Autor dieser Andacht Heinrich Stallmann angegeben.

 

 

So ist es doch heute auch noch, heute, mindestens 71 Jahre später? Genau so! Was für eine Kontinuität! Nur, daß wir nicht mehr davon sprechen, »um einen Dienst« zu bitten. Heute wird eher gefordert, verlangt, erwartet. Und dann? Dann höre auch ich sehr oft: »Ich habe leider keine Zeit.« Heute hörte ich es nicht. Vielleicht gibt es deshalb bald mehr Information zum Buch, wenn ich Antworten auf meine per E-Mail verschickten Nachfragen erhalte. Schon die drei Telefonate heute waren etwas Besonderes.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 20.01.2021 waren positiv drei nette Telefonate, Spaghetti Carbonara, das Wannenbad.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Schwerter.

© 2021 – Der Emil. Eigener Text & beide selbst angefertigten Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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6 Kommentare zu 2021,020: Kontinuität

  1. Nati sagt:

    Wie heißt diese Schriftart genau die du hier aus dem Buch zeigst?

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