2021,016: Vermissen

Ich stelle mir schweres, dunkles Holz vor.

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»Der ist nie da!« Die Nachbarin sieht mich mißtrauisch an. »Was wollen Sie eigentlich von dem?« Ich murmele etwas von altem Freund, zucke mit den Schultern und steige die wenigen Stufen zur Haustür hinunter. »Wenn Sie nochmal hier herumlungern, rufe ich …« Die ins Schloß fallende Tür schneidet den Rest vom Satz ab. Hier draußen auf der Straße weiß ich allerdings selbst nicht mehr so genau, wieso ich ihn überhaupt besuchen wollte. Was ich nach drei Jahren überhaupt erwarten könnte. Ja, wir waren Freunde, über mehrere Jahre Freunde, und warum wir von einem Tag auf den anderen keinen Kontakt mehr hatten, weiß ich auch nicht mehr. Mag sein, daß wir beide damals viel zu oft besoffen waren. Aber wieso hat er mir damals nicht beigestanden? Ich würde ihn wirklich gern danach fragen und hoffen, daß er die Frage nicht als Vorwurf auffaßt und versteht.

Vielleicht versuche ich es morgen nocheinmal. Oder Über­morgen. Am Freitag muß ich dann zurückfahren nach O. Soll ich ihm eine Nachricht hinterlassen? Oder mich mit einer Ansichtskarte oder einem Brief bei ihm melden? Aber wer weiß, ob er seine Post wieder liest oder sie wie damals ungelesen in irgendeine Müll­tonne stopft. Morgen denke ich darüber nach, morgen.

[F.M.: Gehn zu (z)weit (unveröff.)]

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 16.01.2021 waren positiv sieben weggebrachte Bücher (und nur ein einziges aus dem öffentlichen Bücherschrank habe ich mitgenommen).
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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7 Kommentare zu 2021,016: Vermissen

  1. castorpblog sagt:

    Wenn es dir wichtig ist, und den Eindruck habe ich, dann lass dich nicht abschrecken und geh morgen hin.

  2. Elvira sagt:

    Abgesehen von der fiktiven Geschichte ist es im wirklichen Leben leider wirklich so, dass manche Freundschaften im Laufe der Jahre im Sand verlaufen und andere von eben auf jetzt enden. Vor ein paar Tagen meldete sich meine beste Freundin aus Schultagen per Mail bei mir. Sie gratulierte zum Geburtstag. Das war so eine im Sande verlaufene Freundschaft. Ich dachte, sie würde wieder an alte Zeiten anknüpfen wollen und habe ihr in einer langen, freundlichen Mail geantwortet – Adresse oder Telefonnummer habe ich leider nicht). Nun schaue ich jeden Tag in meine Postfächer und werde jeden Tag enttäuscht. Wie wird es wohl deinem Protagonisten ergehen?
    Liebe Grüße,
    Elvira

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