Denn der wäre ein vermessenes Unterfangen.
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Als ich das Buch aufschlug, um weiterzulesen, stand als erstes oben auf der neuen Seite:
Abends
Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässiget, fiel mir heute wieder in die Hände, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich in das alles, Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich über meinen Zustand immer so klar gesehen und doch gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch so klar sehe, und es noch keinen Anschein zur Besserung hat.
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. S. 32
115. Hamburger Leseheft © Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee.
ISBN 3-87291-114-7 (Ohne Agabe des Veröffentlichungsjahres)
Goethe also. Eines von mehreren Büchern, in denen ich ja nun wieder lese. (Oh Mann, da fehlt noch immer die versprochene Liste der in meinem #BuchJahr2020 bisher gelesenen Bücher.) Und dieses fiktive Tagebuch, das der Große Meister da aufschrieb. Wieviel Eigenes steckt wohl darinnen? Ich könnte natürlich etwas Sekundärliteratur dazu lesen, nur: Würde ich “Die Leides des jungen Werther” dann besser verstehen, anders fühlen? Jedenfalls … Wenn ich in meinen alten Blogtexten, in meinen alten Kladden – auch in den uralten von vor 1990 – lese, habe ich auch immer wieder solche Momente. In denen ich die Unmöglichkeit einer Lösung (damals) erkenne. Da mir schummerig wird, weil mir das eigene Geschriebene so guttut und so gut gefällt (was ich niemals zugeben würde). Aber darf ich mich mit Goethe vergleichen? Nein, das ist unmöglich. Er schrieb das, was mittlerweile Weltliteratur genannt wird. Und ich schreibe auf, was mich beschäftigt, belastet, erfreut. Ohne den Wunsch oder das Ziel …
Aber dieser Werther. Diese Figur, die es nie gab. Wie er litt und wie er liebte. Wie menschlich er war – nein, wie menschlich er beschrieben wurde. Von einem Menschen. Einem lebenden Menschen. Von einem, der trotz vieler Privilegien als Mensch lebte, als er schrieb und schrieb und schrieb. Goethe war noch nicht die Lichtgestalt. Im Jahre 1774 wurde er beinahe schlagartig dazu, denn in jenem Jahr wurde der Briefroman zur Leipziger Buchmesse im Herbst veröffentlicht. Und ich weiß, daß auch der Geheime Rat aufschrieb, was ihn beschäftigte, belastete, erfreute. Also vergleiche ich mich doch mit ihm?
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Positiv waren am 22.04.2020 die für Freitag produzierte Sendung, ein Gespräch über verschriftlichte Vergangenheit (Briefe und Tagebücher), ein Solidaritätspaket.
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Stäbe.
© 2020 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Solidaritätspakete – ich habe auch eins verschickt – sie tun gut! Dem Adressaten und auch dem Entsender.
Ja, das ist richtig. Ich denk oft an euch …
Das tut gut!
Jede und jeder darf sich im Gegenüber spiegeln, ob dieser dann Goethe heißt oder Atwood oder was weiß ich … es ist doch nur gut das Verbindende, das „Gemeine“ von Mensch zu Mensch zu sehen und sich daran zu erfreuen oder zu reiben. Dass jemand auf einen Sockel gestellt werden und andere nicht sind ganz andere Mechanismen, die weder etwas mit dem Menschen Goethe zu tun haben, noch mit dem Menschen Emil.
Herzlichst, Ulli
Tagebuchschreiben fing ich vor dem Virus WIEDER an und habe es WIEDER nicht durchziehen können. Obwoghl, Von 1999 – 2017 praktisch täglich.
Mir fehlen auch immer mal einzelne bis drei Tage: Immer dann, wenn ich nicht draußen unterwegs bin mit Funkenkutsche (Hallisch für Straßenbahn) und Bus, fehlen Einträge in der Kladde. Es ist wirklich eine essentielle Zutat zu meinem Schreiben, das Hintergrundgeräusch von Menschen, denn das bietet mir die Inspiration, die ich dann weiterschreiben kann.
Verständlich…