Wo geht es denn …
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… hier zurück zu einem Alltag?
Und weil ich hier munter und unsortiert drauflosmeckere, überlege ich mir noch genauer als sonst, ob und welche Kommentare ich freischalte und behalte mir sogar vor, keinen einzigen Kommentar freizuschalten! (Lesen werde ich sie alle, vielleicht sogar per Mail darauf reagieren.)
Ja. Doch. Das frage ich mich heute. Obwohl ich von dem Ereignis, von den Morden gestern nichts unmittelbar miterlebt habe, nur indirekte Folgen zu spüren bekam wie ausgefallene Busse und Straßenbahnen, geschlossene Geschäfte selbst weit, sehr weit weg vom Ort des Geschehens, nämlich in Ha-Neu. Aber vielleicht gibt es … Nein, wahrscheinlich wird der Alltag …
Es wird Zeit, den Alltag zu verändern. Lange genug wurde “das” heruntergespielt von … nun, von Leuten, die sich von Berufs wegen damit zu befassen haben (der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzhes z. B. oder gestandene Politikerinnen der höchsten Ebenen). Es zeigte sich gestern, daß die Relativierung faschistischen, rassistischen, antisemitischen oder sonstwie “fremdenfeindlichen”, rechten Gedankengutes Früchte trägt, die zu verhindern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Doch nur zwei Tage vor dem Mord hier in der Stadt wurden Fördergelder des Bundes für Organisationen, die gegen Rechtsextremismus, gegen Rassisimus usw. usf. tatsächlich arbeiten, gekürzt, teilweise sogar komplett gestrichen.
In meinen Augen sieht das aus, als wären “die da oben” entweder blind für das, was wirklich geschieht, oder aber sie wollen genau solche Eskalationen, damit das Rechtssystem, das politische System allmählich umgebaut werden kann. In welche Richtung? Nun, so schwer zu erkennen ist das nicht: Statt Bürgerrechten und Menschenrechten habe ich nurmehr Konsumenten-(also Verbraucher-)Rechte, irgendwann jedenfalls. Ist es das, was die Lobbyisten und diejenigen, die deren Interessen durchzusetzen versuchen, und vor allem die, deren Interessen da tatsächlich bedient werden, erreichen wollen? Ich gestehe, ich habe meinen Marx gelesen; und seine Analyse des Kapitalismus ist fundiert und hochinteressant. Klar, lange her, in der Zwischenzeit hat sich viel getan, viele der heute verfügbaren Dinge kannte Marx nicht, konnte er nicht kennen. Und doch verhält sich “das Kapital” noch heute so, wie er es damals beschrieb: Alles muß sich dem Wohlergehen des Kapitals, dem Profit, der Rendite unterordnen. Alles. Und Bürgerrechte, sogar Menschenrechte stören da nur. Sozialleistungen schmälern das Ergebnis. Kosten für Daseinsfürsorge, für Bildung und Gesundheit und Umweltschutz und und und schmälern das Ergebnis. — Schluß mit dem Exkurs in die Theorie.
Antifaschismus. Etwas, das sogar im Grundgesetz verankert ist. Lest es! Vergeßt dabei nicht, auch die alten Fassungen der Präambel genau anzusehen!
Ich wurde in der DDR sozialisiert, bin dort aufgewachsen. Habe mein ganzes Leben lang dort keine Neonazis, keine wirklich rechten, gar rechtsextremen Gesinnungsgenossen gesehen. Es kann sein, daß es an dem allgemeinen Versteckspiel der eigenen Gedanken vor der Öffentlichkeit (und der Obrigkeit) lag. Oder daran, daß diese Menschen damals eben nicht ganz so offen und öffentlich herumbrüllen konnten, weil gesetzliche Regelungen strenger durchgesetzt wurden (ja, das geschah auch mit pazifistischen und anderen Ausrichtungen, ja, ich weiß, das ging gegen alle, deren Gedankenwelt nicht streng nach der Doktrin der führenden SED ausgerichtet war, ja, damals gab es keine gesetzlich garantierte Meinungsfreiheit für andere, abweichende Meinungen). Ich weiß nicht, warum solch destruktivem Gedankengut in diesem Lande eine so breite Bühne bereitet wird! Nein, Gauland und Weidel und Höcke und viele viele andere sollte in den öffentlich-rechtlichen Medien kein Forum geboten werden. Ihre Sätze, ihre Hetze sollte dort nur kommentiert, eingeordnet wahrnehmbar sein (mit diesem einen Buch funktionierte das doch jahrzehntelang auch). Meinungsfreiheit heißt, daß jeder ungehindert seine Meinung haben und äußern darf; heißt sie aber auch, daß der demokratische Staat durchsetzen muß, daß diese Meinung über viele Medien ungehindert, nicht eingeordnet, ohne Aufklärung über die Folgen dieser Meinung verbreitet werden darf oder gar muß?
Nein, ich verstehe vieles nicht. Ich verstehe nicht, welche ungeheuerlichen Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt werden. Ich verstehe nicht, wieso Organisationen, deren exponierte Mitglieder wieder und wieder gegen den Staat und das System, in dem sie leben und wirken, lauthals wettern und deren Abschaffung immer wieder und wieder sich zu ihrem Ziel und dem ihrer Organisation machen, warum also solche Organisationen nicht wie die KPD und die FDJ einfach so verboten, von Amts wegen aufgelöst werden? (Ich weiß, dafür gibt es Regularien und Formalien. Ich verstehe es trotzdem nicht, wie z. B. einer immer wieder Nazisprech bemühen lauthals benutzen kann und dafür keine – rechtlichen und anderen – Konsequenzen zu befürchten hat.)
Ich erkenne in dem Mord von gestern kein Alarmsignal, wie es unsere Spitzenpolitikerinnen wieder relativierend nennen, zumindest einige von ihnen. Ich erkenne darin die Frucht des jahrelangen Gewährenlassens, des jahrelangen Nichtstuns, der jahrelangen Behinderung des Kampfes/Agierens gegen die Normalisierung rechtsextremen, faschistischen, antisemitischen und anderen fremdenfeindlichen Gedankengutes und seiner Umsetzung in die Wirklichkeit.
Mag sein, daß meine Bildung zum Thema Nationalsozialismus und Rechtsextremismus und Antifaschismus ideologisch vom real existierenden Sozialismus geprägt wurde. Meine Abneigung dagegen ist allerdings wesenhaft für mich. Und mir, der ich kein Politiker bin, war tatsächlich klar und bewußt, daß ein solches Ereignis, so ein Mord, so ein Angriff auf Juden/Frauen/Muslime/Arbeitslose/[beliebige weitere Gruppen anfügen] nach so vielen Jahren des Wegsehens, des Relativierens und Normalisierens zwangsläufig geschehen wird.
Zur Erinnerung: Und weil ich hier munter und unsortiert drauflosmeckere, überlege ich mir noch genauer als sonst, ob und welche Kommentare ich freischalte und behalte mir sogar vor, keinen einzigen Kommentar freizuschalten! (Lesen werde ich sie alle, vielleicht sogar per Mail darauf reagieren.)
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 10.10.2019 waren positiv das schnelle Wirken des Sprays, der erledigte Termin, Mittagsschlaf.
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Stäbe.
© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


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Gut gesprochen, Emil!
Lieber Emil, ich bin ganz bei Dir, auch wenn meine gesellschaftliche Sozialalisierung auf der anderen Seite lag. Trotzdem – oder auch gerade deshalb – ich sehe das wie Du. Unerträglich!
Liebe Grüße Dir, Ev
Ich bin vor allem durch meinen Großvater antifaschistisch sozialisiert, auch durch meine Mutter. Und ich sehe es genauso, es kam leider weder überraschend, noch ist es ein Alarmzeichen. Mal sehen, was aus all den ach so betroffenen Lippenbekenntnissen jetzt wird. Gleichzeitig werden Demokratieprojekten, Aussteigerprogrammen und anderen die Gelder gekürzt oder gar ganz gestrichen.