Vorhang hoch (Nº 332/2018)

Ein Blick hinter die Fassade.

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Na, ist euch in den letzten drei Wochen hier etwas aufgefallen? Seid ehrlich! Nein, nichts?

Dann habe ich gute Arbeit geleistet.

Dann habe ich es geschafft, hier erfolgreich die Fassade zu erhalten. Wegzuschminken, was hätte stören können. Bedeckt, verdeckt zu halten, was keiner entdecken sollte.

Ich habe nach jahrelanger Einnahme mein Antidepressivum ausgeschlichen. Natürlich weiß mein Arzt Bescheid. Bisher hatte ich auch immer er- und bekannt, daß ich bei Einnahme keine Wirkung des Medikamentes verspürte, aber bei vergessener Einnahme sein Fehlen bemerkte. Weil es eben gerade dieses Medikament (Opipramol, Insidon) ist, gab es vom Hausarzt (der sich auch besonders mit Depressionen beschäftigt) keine Einwände gegen das Ende der Einnahme zu einem von mir bestimmten Zeitpunkt. Und nun warte ich noch ab, ob ich mich ohne AD wieder stabilisiere. Denn ja, ich bemerke deutlich, daß ich die Pillen seit dem ersten dieses Monats nicht mehr nehme. Ja, es war genau die richtige Zeit dafür, denn mir sind Herbst und Winter als Jahreszeiten lieber, fühle ich mich doch in Herbst und Winter ganz sicher wohler als zu anderen Zeiten. Nein, die dunklen Jahreszeiten führen bei mir nicht sowieso zu gedrückterer Stimmung, ganz im Gegenteil. Sind mir doch die Advents- und Weihnachtszeit die liebste Zeit (und erinnert euch daran: bei mir geht die Weihnachtszeit bis Mariä Lichtmeß).

Habt ihr verstanden, was ich euch damit sagen möchte?

Genau, ich habe derzeit Symptome einer Depression. Ich bin nicht depressiv verstimmt. Ich habe eine mittelgradige depressive Episode, und zwar nach Absetzen des Antidepressivums. Das kann vom Absetzen verursacht werden. Noch empfinde ich es als lästig, richtig unangenehm, aber von mir beherrschbar. Noch beherrschbar. Ich gebe mir noch … noch bis zum Freitag vorm Zweiten Advent, also eine gute Woche Zeit. Verbessert sich bis dahin nichts, werde ich wohl zur Einnahme des Medikamentes zurückkehren. Und: Damit bin ich nicht gescheitert. Damit weiß ich nur, daß ich die Krankheit noch immer habe in einer Ausprägung, die ohne medikamentöse Behandlung für mich nicht beherrschbar ist, genau so, wie der Diabetes ohne Medikament für mich nicht beherrschbar ist: Beides sind für mich chronische Erkrankungen, die (wie viele andere chronische Erkrankungen) medikamentöse Behandlung erfordern.

Und hier war von der Depression (hoffentlich) nicht viel zu erkennen. Schließlich ist es typisch für viele daran Erkrankte, daß wir weiter funktonieren, jedenfalls nach außen hin. Aber das erfordert Kraft, viel Kraft, ehrlich gesagt: zur Zeit zu viel Kraft für mich. Deshalb habe ich heute den Vorhang gelüftet …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 28.11.2018 waren EKG und Herzultraschall ohne Auffälligkeiten, Telefongespräche, Linseneintopf.
 
Die Tageskarte für morgen ist 0 – Der Narr.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Vorhang hoch (Nº 332/2018)

  1. wildgans sagt:

    Ach so.
    Mensch, Emil!

  2. Ulli sagt:

    Du hast gelernt deine Krankheit anzunehmen und wenn es mit Medikament besser ist, dann ist das so, ich sehe darin auch kein scheitern!
    Trotzdem wünsche ich dir, dass es ohne gehen möge, wenn nicht jetzt, dann vielleicht später.
    herzliche Grüße, Ulli

  3. Nati sagt:

    Ich habe, ehrlich gesagt, nichts gemerkt. Ich finde es aber gut, dass du den Versuch gestartet hast. Weiß ich doch um deine liebste Jahreszeit. Und wenn es nicht geht, dann ist es so. Ich finde deine Einstellung gut und richtig so. Du musst schließlich damit leben.

  4. Nach dem Schlaganfall hat man mir in der Klinik auch so ein Teufelszeug untergeschoben, das ich nach zwei Jahren Einnahme ausgeschlichen habe. Damals hatte ich enorme Absetzerscheinungen bis hin zu Halluzinationen. Ich kann dir nur raten, erst mal abzuwarten, bis dein Körper sich an die Absetzung gewöhnt hat. Auch deine Psyche muss sich ja zuerst wieder einpendeln. Das braucht Zeit. Hab Geduld mit dir. Viele Grüße,
    Jules

    • Der Emil sagt:

      Es war für mich kein Teufelszeug, sondern hat wirklich geholfen. Aber wie ich schrieb: Wirkung hab ich eher nicht bemerkt, nur bei Nichteinnahme … Deshalb hab ich es genommen. Und nun versuch ich es ohne …

      • evenyleve sagt:

        Nein, Teufelszeug ist es bestimmt nicht, sondern das was eine Ärztin einmal sagte: “ Einen 3.000er besteigt man nicht ohne Eispickel und genau so soll dieses Medikament gesehen werden, als Hilfsmittel, um auf den Berg zu kommen“. Danke für Deinen sehr offenen Text und alles Gute Dir von mir für Deinen Weg!

  5. socopuk sagt:

    Lieber Emil, vielleicht hilft es dir in einem anderen Bereich die Dosis erhöhen, zb beim schreiben, meditieren (?), skizzieren, musik hören, spazieren gehen, kerzen beobachten….?
    Und du hast uns als Leser – du bist nicht allein!
    Lg Anna

  6. frauholle52 sagt:

    Ich würde die Medikamente auch nicht als Teufelszeug bezeichnen. Meiner Mutter schenkten sie eine neue Lebensqualität und sie hatte noch ein paar gute Jahre. Mit oder ohne, egal, Du kannst beurteilen, was besser für Dich ist, wenn Du eine Weile ausprobierst, ohne auszukommen. Liebe Grüße und einen guten Start in die Weihnachtszeit! Regine

  7. Sofasophia sagt:

    Ich habe dich tatsächlich dünnhäutiger empfunden, wusste aber nichts vom
    Medikament.
    Wenn ich ein Mittel hätte, das sich nicht durch schlimme Nebenwirkungen disqualifiziert, würde ich vielleicht auch so reden. Aber die bisherigen Mittel haben leider die Lebensqualität mit der Krankheit nicht verbessert.
    Hast du es denn auch schön langsam ausgeschlichen?
    Das Gehirn braucht seeehr viel Zeit für den Rück-/Neu-/Umbau … (Ich schlich mal etwa 6-8 Monate lang aus.)
    (Ich glaube ja eher nicht so sehr an die bio-chemische ‚Seite‘ der Krankheit. Obwohl meine Thera das Argument mit der Diabetikerin
    auch immer heranzieht.)

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