Sprachgebrauch (Nº 282/2018)

Mal wieder “Lautes Denken”.

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Ich glaube, es war gestern vormittag, als ich im ZDF eine kurze Gesprächsszene mehr nebenbei mithörte:

Es ging um die Bezeichnung jener Menschen, die bisher als “Versehrte”, “Behinderte”, “Schwerbeschädigte”, “Invalide”, “Schwerbehinderte” oder “Disabled” usw. usf. genannt werden. Ich weiß ja, daß die meisten dieser Menschen behindert werden … Natürlich, es wurde schon versucht, durch die Verkomplizierung der Sprachregelung (jetzt “Menschen mit Behinderungen/Einschränkungen”) das besser zu machen. Aber: viele der Menschen fühlen sich nicht so, als wären sie ohne diesen Anteil erst richtig Mensch, sie sind nunmal Mensch und sie sind so, ihr Leben ist ihr Leben erst mit diesem Anteil. So war es auch bei dem Studiogast, der seinen eigenen Worten nach eben mit seinem Rollstuhl durch das Leben geht, als standup comedian

(Boah, es ist wirklich schwer, das hier alles mit political correctness zu formulieren. Ich selber habe meinen Status ja wieder verloren, hatte nur für drei Jahre einen GdB von 40 %; allerdings kann sich das im nächsten Jahr wieder ändern. Doch trotzdem bleibt die Frage, warum ich hier über dieses marginale Problem nachdenke und schreibe?)

Ab und zu treffe ich besondere Menschen, im Alltag, im Radio, irgendwo. Menschen, die ich innerlich und wie fünfzig Jahre lang schon immernoch “Behinderte” nenne, immer öfter aber auch als “besondere Menschen” bezeichne und beschreibe. Aber das sind sie ja auch nicht und so wollen diese Menschen ja auch nicht genannt werden. Ach, wie ich es auch drehe und wende: Ich weiß mir keine Lösung dafür als die, Menschen als Menschen anzusehen und zu bezeichnen. Vielleicht gebe ich den sichtbaren & unsichtbaren Eigen­schaften, die ja auch nicht immer eine Einschränkung bedeuten, gar keinen verall­gemei­nernden Namen mehr? Und wenn ich fragen kann, dann werde ich diese Menschen fragen, wie ich das und sie benennen soll und darf. Ja, dadurch kann das Schreiben schwieriger werden, auch schwerer verständlich.

Hm. Und nun die obligatorische Frage an euch:
Wie haltet ihr es mit diesen Benennungen? (Ich hoffe nur, es kommt nie jemand auf die Idee, “Menschen mit Einschränkungshintergrund” vorzuschlagen …)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 09.10.2018 waren fertige Wäsche, Kalendereinträge für das nächste Jahr, der erste und absolut zufriedenstellende Einsatz für den neuen Rucksack.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Ritter der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Sprachgebrauch (Nº 282/2018)

  1. Kai sagt:

    Die Frage ist für mich, bevor ich mir Gedanken über ein „Etikett“ mache, ob dieses Etikett in dem Moment überhaupt notwendig ist. Ist die Erkrankung, ist der Behinderungsgrad und -grund, ist die Nationalität, ist der berufliche Hintergrund, ist der Grad der finanziellen Abhängigkeit von Transferleistungen etc. relevant in dem Kontext, in welchem ich über die Person spreche? Da fängt es für mich an. Wenn ich das bejahen kann, kommt die von Dir angesprochene Fragestellung: Wie benenne ich nun die Person. Reduziere ich sie auf diese Eigenschaft, Nationalität, Besonderheit oder mache ich klar, dass es nur ein Aspekt der Person ist, der aber in diesem Moment bedeutsam ist.
    Ich hoffe, ich habe mich nicht zu verschwurbelt ausgedrückt. Aber das gleiche Thema hatten wir heute bei der Leitungskonferenz meines Arbeitgebers, als wir darüber sprachen, wie wie Klienten intern/extern bezeichnen können/sollen/dürfen/wollen/…

    • Der Emil sagt:

      Das verstehe ich tatsächlich. Nun, ich habe wegen meines gestrigen Textes und einiger anderer Erlebnisse, bei denen die erste Frage schon geklärt war, eben über die Benennung der Eigenschaften bzw. der Menschen nachgesonnen …

  2. Karsten Seel sagt:

    Schwierige Frage … Aufgewachsen im „normalen“ Umfeld, hatte ich nie direkten Kontakt zu Behinderten. Eine Freundin, ehrenamtlich tätig für die Lebenshilfe änderte das. Das führte dazu, dass ich als Helfer an Wochenendveranstaltungen für und mit „Menschen mit Handicap“ teilnahm.

    Für mich eine überraschende, positive Erfahrung. Trotzdem sind diese Menschen für mich Behinderte. Die „politisch korrekte Bezeichnung“ halte ich für völlig nebensächlich, ähnlich politisch gewollt und gefördert wie die Gleichsetzung des Kampfes um Gleichberechtigung und der unselige Genderismus. Die Menschen, die ich kennenlernen durfte zeichneten sich meist durch eine große Freundlichkeit, Ehrlichkeit, eben Menschlichkeit aus. DAS war für mich eine neue, positive Erfahrung …

    • Der Emil sagt:

      Vielen Dank für Deine Sicht.

      Mir geht es ja mit der pc-Benennung auch so. Zum Beispiel habe ich einen Freund, PoC, der sich selbst „verboten“ benennt und keinerlei Animositäten mit diesem „Unwort“ hat … Deshalb frage ich (so es mir möglich ist) in Zukunft.

  3. Ich kenne nur 2 Behinderte und diese Leute treffe ich nur ab und an, rein zufällig.
    Es ist etwas verstörend, wenn ein alter Mensch in meiner Nachbarschaft (das ist jetzt der 3te) plötzlich mit Rollator auftaucht. Aber das ist eben der Gang der Dinge, wenn man älter wird und dieser Mann sah das auch so.
    Dann gibt es Leute mit Gehhilfe (Stock). Gewöhnlich denke ich mir nichts dabei.
    Ich finde es gut, wenn Leute sichtbare Einschränkungen akzeptieren können und weiter rausgehen.

    Wie ich so jemanden nenne: Vielleicht Menschen mit zunehmenden Alter?!

    Ich denke, man sollte auch offen über Dinge reden können im Beisein von Leuten, die dasjenige nicht mehr können.

    Ich merke, meine Stellungsnahme ist nicht komplett, aber so ist es nun mal im Moment.

  4. piri ulbrich sagt:

    Wer ist wann wie behindert und sehen muss man es auch nicht gleich. Jeder Mensch hat einen Namen – gut, wenn man den nicht kennt?!

  5. Ulli sagt:

    Ich nenne Menschen erst einmal Menschen, weil ich die „Behinderung“ nicht davor stellen will, erst in der Vertiefung sage ich vielleicht, dass der Mensch im Rollstuhl sitzt oder blind ist oder …
    Ganz ehrlich(?), mir gehen manche Sprachdiskussionen auf den Kekes und damit meine ich nicht dich!

  6. Nati sagt:

    Wir haben im Freundeskreis einen Jungen der Schwerhörig ist. Ohne seine Implatate kann er nichts hören. Deswegen gehört er mit seinen 100% zu den Behinderten. Ich sehe ihn aber nicht so. Wenn dann sage ich er ist Hörgeschädigt.
    Wenn ich an meine Sehschwäche denke, müsste ich ja auch sagen ich wäre behindert. Ich habe zwar keine Prozente, kann aber ohne Brille fast nicht machen.
    Ich denke über das Wort Behinderte nicht wirklich nach, es sind auch nur Menschen.

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