Ein paar Gedanken zur Angst.
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Diesen kurzen Text las ich am vergangenen Freitag in meiner Live-UKW-Radiosendung “Buchfink” vor, er war eine von mehreren Miniaturen von Michael G. Fritz.
Der Raubvogel
Er saß Ludwig in der Kehle, der Vogel nahm die Luft und ließ den Hals schwellen, er spürte ihn schwellen, den Schnabel in ihn dringen, die Krallen, Tag für Tag tiefer in sein Fleisch, und Ludwig hatte Angst. Langsam lief er zum Fluß, der sie Stadt teilte. Ludwig stand auf einer Brücke und sah den schillernden, durch die Wellen zerbrechenden Spiegelungen der Stadt im Wasser zu, sah die Brücke splittern, sich selbst.
Ich habe Angst, sagte Ludwig zu ihm, ich habe Angst vor Dir.
Ich bin deine Angst, erwiderte der Vogel.
Warte, gleich werde ich dich herausreißen, sagte Ludwig.
Ohne mich bist du verloren, sagte der Vogel.
Michael G. Fritz: Der Raubvogel.
In: Temperamente. Blätter für junge Literatur 4/1988. S. 5
Verlag Neues Leben, Berlin, DDR. ISBN 3-355-00755-2
Die Angst als ein im Körper, in der Kehle sitzender Vogel, gar Raubvogel. Da ist auch gleich die Sprachlosigkeit erklärbar, verstehbar, an der ich in Momenten der Angst oft leide, manchmal fürwahr auch verzweifle. Die Angst, die mich schon befallen kann, wenn ich mir von manchem nur Vorstellungen mache, die so vage sind wie die in den Wellen eines Flusses gebrochenen, zerbrochenen Bilder von dem, was am Ufer des Flusses ist. Ja, es sind meiner Meinung nach durchaus treffende Bilder, in denen Michael G. Fritz da schreibt.
Ich selbst weiß, daß ich meine Angst, meine Ängste nicht aus mir herausreißen kann. Es geht nicht, denn ich bekomme sie nicht zu fassen. Wenn ich sie loswerden will, dann verstehen sie sich zu verstecken. Wenn ich gegen sie kämpfen will, sind sie wie Luft und Wasser, ohne Form, ohne Angriffsfläche. Wenn ich sie nicht brauchen kann, dann stehen sie plötzlich neben mir und vor mir und mir oft im Weg. Aber eines habe ich (schmerzhaft) vor zwei Jahren gelernt: Ich bin nicht meine Angst, und ich kann mit meiner Angst nichts oder zumindest nur sehr, sehr wenig erklären, relativieren.
Ohne meine Ängste wäre ich nicht ich. Dann wäre ich – das Ich, das ich jetzt bin – verloren. Natürlich gäbe es dann ein anderes Ich, nur eben nicht mich, nicht mich so, wie ich jetzt bin. Genau davor, vor dem Verlust meines Ich, habe ich auch Angst, ebensolche Verlustangst, wie ich sie bei manchen Menschen meines Umfeldes habe. Ja, solche Menschen gibt es. Nicht viele.
Die Angst ist ein Raubvogel. Kreist hoch droben oder sitzt irgendwo, Ausschau haltend nach Beute. Und die zeigt sich, wenn ich schwache Momente habe, dann stößt sie zu … Oder? Jedenfalls hoffe ich, daß alle meine Ängste durch nur einen einzigen Raubvogel dargestellt werden können. Einen ganzen Schwarm davon mag ich mir in meinem Hals nicht vorstellen.
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 06.08.2018 waren eine geschriebene Postkarte, eine Versandbestätigung, zwei Telefonate am Abend.
Die Tageskarte für morgen ist XV – Der Teufel.
© 2018 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


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Ohne Angst wären wir vielleicht nicht so lebensfähig.
Solange man mit ihr umgehen kann, ist alles gut.
Wenn nicht, braucht man Hilfe.