Nachbarin läßt zweifeln (2017: 360)

Eine nicht ganz geschlossene Tür.

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Es klingelt. Schonwieder. Und ehe er aufsteht und zur Tür geht, speichert er das Dokument und schickt es per Mail los. Ein zweites Mal wird geklingelt, und laut “Jadoch!” schreiend geht er zur Tür. Ach, die Nachbarin. Also hat er doch zwei Stunden an dem verflixten Text gesessen. Über die Taxifahrerin und das Gespräch mit ihr während der Fahrt. Er war sich ja wie ein Friseur vorgekommen, so hatte ihn die rothaarige Frau zugetextet. Und nun stand die rothaarige Nachbarin vor der Tür. Im Bademantel. Und sie drückte ihm einen Korb in die Hand. “Was ist jetzt mit ihrem Versprechen?” Er schaut sie völlig verständnislos an. “Sie haben mir vor zwei Stunden die Benutzung ihrer Wanne angeboten. Sie erinnern sich? — Und hier ist mein Wohnungsschlüssel, fall sie mal müssen, während ich in ihrer Wanne liege. Das darf doch eine Stunde dauern, oder? Und machen sie den Rotwein doch bitte inzwischen auf, der muß etwas atmen.” Verdattert geht er ein paar Schritte zurück. Sie kommt herein, schließt die Tür und steht schon lächelnd im Bad. “Nun machen sie schon. Oder wollen sie nicht mit mir über meine Mutter sprechen?”

Sie schließt die Tür nicht ganz, läßt sie angelehnt. Ist das jetzt eine Einladung für ihn, doch einfach gedankenverloren   in sein Bad zu stolpern, genau dann, wenn sie nackt in seiner Wanne liegt? Er schüttelt den Kopf, während er den Korken aus der Rotweinflasche zieht. Nein, eine Einladung kann das nicht sein; diese nicht geschlossene Badtür ist ihrem Alleinwohnen geschuldet, Gewohnheit, mehr nicht. Keine Einladung an ihn, kein erotisches Angebot. Also kann er sich auch wieder an seinen Rechner setzen und am nächsten Text arbeiten. Nach einer Weile verstummt das Geräusch des einlaufenden Wassers, doch nichts deutet darauf hin, daß die Tür geschlossen wurde. So hört er auch noch die Toilettenspülung laufen. Er kommt sich vor wie ein ertappter Spanner, kann aber seiner Vorstellung von einer in die Badewanne steigenden nackten, rothaarigen Frau nicht entrinnen. Mist, mit diesem Kopfkino ist es unmöglich, an einem trockenen Text über Bewertungssysteme zu arbeiten. Als er die Klinke der Badtür schon in der Hand hat, erinnert er sich wieder an seine Nachbarin in seiner Badewanne. “Wo hatten Sie ihren Schlüssel? Ich müßte jetzt doch einmal …” stammelt er durch die angelehnte Tür ins Bad. “Ich bin Ramona. Und den Schlüssel hatte ich in den Korb gelegt.”

In seinem eignenen Bad hätte er sich auch andere Erleichterung verschafft. Aber bei seiner Nachbarin, nein, da hemmte ihn etwas, da schämte er sich. Obwohl sie ihn nun wirklich nicht stören oder ertappen könnte. Er widersteht auch seinem Drang, sich in ihrer Wohnung umzusehen. Das gehört sich doch nicht, da siegte sein Anstand über die Neugier. Doch diesen Geruch, den wird er nicht so schnell vergessen, der wird ihm lange erhalten bleiben. Er geht zurück in seine eigene Wohnung, versucht, ohne jedes Geräusch hinein- und an der Badtür vorbeizukommen. Womöglich zöge sie – Ramona, oder? – aus dem Zeitpunkt seiner Wiederkehr die völlig falschen Schlüsse. Also sitzt er wieder am Tisch, vorm Rechner, mit zittrigen Fingern streicht er über die jetzt gerade nutzlose Tastatur. Er starrt den Bildschirm an, dessen schwarze Fläche wie eine Leinwand für die Bilder wirkt, die durch seinen Kopf taumeln, ihn taumeln lassen, die dafür sorgen, daß klares Denken unmöglich ist.

Seine Phantasie narrt ihn mehr als ihm lieb ist. Glaubt er doch, gerade gehört zu haben, daß seine Nachbarin ihn rief: “Hast Du nicht genug Mut, zu mir hereinzukommen und mir zu helfen?”

 

 

Ja, so mancher Anfang hat hier in den Kladden eine oder mehrere Fortsetzungen. Diese hier gehört zum Schreibdruck. Paßt das zusammen?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 26.12.2017 waren leckerer Nudelsalat, endlich wieder Milch im Kaffee, ein wundervoller Plan (der von einem Arschloch ruiniert wurde).
 
Die Tageskarte für morgen ist 0 – Der Narr.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Nachbarin läßt zweifeln (2017: 360)

  1. Arabella sagt:

    Kein Arschloch dieser Welt zerstört wundervolle Pläne.
    Nacht:-)


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  2. wildgans sagt:

    Immer wieder schade, das mit den Arschlöchern!
    Deine wilde Feinfantasie und Fabulierkraft- so klasse!

  3. Die beiden Texte könnten zusammen passen. Nur Rotwein und Sekt passt nicht. Im Schreibdruck ist am Anfang ein Tippfehler.

  4. Die Rothaarige kommt mir im Schreibdruck schüchterner rüber als im heutigen Text.

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