Lesen ist mehr als Kopfkino
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Ich lese viel. Bücher zum Beispiel; in der vergangenen Woche habe ich Band vier, fünf und sechs von Sergej Lukianenkos Wächter-Romanen verschlungen, Paulo Coelhos “Auf dem Jakobsweg” zweimal gelesen. Ein Liebesroman ist noch angefangen, in weiteren, teilweise älteren Büchern stecken Lesezeichen. James Joyces “Ulysses” ist auch noch nicht ausgelesen und einige Lyrikbände stehen recht griffbereit. Zwei noch in Fraktur gedruckte Bücher aus dem Weihnachtspaket sind auch noch dabei. Alle sind angelesen, nur bei wenigen müßte ich im Fall des Falles zwei oder drei Seiten zurückblättern, um mich wieder in die Geschichte einzulesen. Dieser Liebesroman über die Psychologin aus den USA, die für ein paar Monate im irischen Cottage ihrer Urgroßmutter leben möchte: Sie ist erst den dritten Tag im Haus und auf dem Feenhügel, hat aber schon Geister gesehen und sich ihr Verliebtsein in einen der Dorfbewohner noch nicht eingestanden. Im Buch in erzgebirgischer Mundart stehen sowieso nur kurze Schnurren, da muß ich mir keinen Aus- oder Enstiegspunkt merken. (Und Christa Wolfs “Kein Ort. Nirgends.” liegt sowieso immer griffbereit.)
Und ich lese verdammt viele Blogs (fünfhundertundfünf abonnierte); manche unregelmäßig und einige eben sehr, sehr gründlich – das kommt immer auf meine Stimmung und mein durch die Vorschau angeregtes Interesse an.
Einige der Blogs befassen sich (unter anderem) mit Unterwegssein und/oder Reisen, aber eben nicht mit üblichen Urlaubsreisen. Wanderungen wie die #Flußnoten, Radtouren wie #umsMeer und #Gibrantiago und #3wegsam und #unPoinbicicletta oder auch nur Spaziergänge im alltäglichen Umfeld. Wenn durch Worte Bilder in meinem Kopf entstehen, wenn Fotos mir Kleinigkeiten vom Wegesrand zeigen oder das Licht, der Ort mich die Atmosphäre nach- und mitfühlen lassen, dann möchte ich teilhaben an solchen Momenten, Wegen, Abenteuern, Erlebnissen. Vieles davon selbst erleben. Vielleicht macht das, dieses Erwecken von Sehnsucht in mir, die Besehnsuchtung, die mit Blogs stärker einhergeht als mit Büchern, ihre Faszination aus. Nicht die Schnellebigkeit der Blogs, sie nicht, denn oft speichere ich mir Texte, um sie auch später noch lesen zu können, also nicht diese Echtzeitillusion fasziniert mich, sondern die Möglichkeit/Illusion, echten Menschen beim Leben zusehen zu können. Zweimal mußte, nein, durfte ich auch “beim Sterben zusehen” – sogar dreimal: agfabox, Hernndorf, Korten. Aber noch viel öfter lese ich von kleinen und großen Erfolgen, von Überraschungen, Enttäuschungen, von all den “normalen” schönen Erlebnissen. Das ist faszinierend, motivierend, bestätigend…
Die kleinen Erlebnisse mit den Familienhunden und Katzen, am Strand, in der Großstadt, beim Eisessen und bei der Gartenarbeit, beim Zeichnen und Spinnen, beim Arbeiten, Radfahren, Gehen, Leben: Die fesseln mich. Ein andeutendes Halbsätzchen wächst in meinem Kopf zum überlangen Kopfkinofilm, zuweilen gar zur Serie. Und dann kann ich, was beschrieben wurde, miterleben, zwar zeitversetzt, aber doch miterleben. In die Situation eintauchen, fühlen, empfinden. So hole ich mir täglich, gut, beinahe täglich meine Dosis an Besehnsuchtung nach dem Erleben, nach dem Unterwegssein, dem Weg – nicht nach dem Ziel.
Wo holt ihr euch eure Sehnsüchte? Wo findet eure Besehnsuchtung statt?
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 29. August 2016 waren ein ungeplantes Treffen und Gespräch, leckerer marinierter Hering.
Tageskarte 2016-08-30: Die Sechs der Kelche.
© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Hallo Emil,
wirst Du den „Ulysses“ wirklich schaffen? Den habe ich schon ein paar Mal angefangen, aber ich komme einfach nicht bis zu Ende durch. Der bleibt wohl unter „nie fertig gelesen“, genauso wie „Die Zitadelle“ von Saint Exupery und „Atlas Shrugged“ von Ain Rand.
Hab‘ eine feine Woche,
Pit
Meine Sehnsüchte erfülle ich mir auch in Büchern! Bücher sind mein Tor zur Welt – je nach Stimmung, mal kitschig oder realistisch ernst. Wenn ich in den Himmel schaue, dann ’sehnsüchte‘ ich mich nach Liebe – nicht unbedingt nach Sex, nach Geborgenheit, denn das ist eine Sehnsucht, die selten bei mir erfüllt wurde und auf deren Suche ich immer ziellos bin.
P.S.: ich lese auch mehrere Bücher nebeneinander – verschiedene Genre, aber mindestens immer einen Liebesroman…
Erfüllen auch, ja, in Büchern. Blogs aber wecken oft unerkannte Sehnsüchte 😉
Meine Sehnsüchte wohnen in mir, sind u.a.der Wunsch nach einem harmonischen, erfüllten Alltag. Ich koche und backe gern, unglaublich, aber das hilft beim Sehnsucht stillen.
Von außen angeregt wurde noch keine?
Doch, die habe ich inzwischen im Griff.
Hallochen Emil…grüsse von de plgerin Ina aus berlin
Ich überlege gerade, ob ich durchs Bloglesen oder durch Bücher Sehnsüchte bekomme, einmal ja, als ich begann die Bretagne-Krimis zu lesen, aber die Sehnsucht war schon vorher da, wurde dadurch verstärkt- und wenn ich richtig hineinhorche ist es genau so, erst ist die Sehnsucht, die sich dann durch einen Blogbericht oder ein Buch verstärken kann, umgekehrt wüsste ich es nicht.
Herzliche Grüße
Ulli
Vielleicht ist es bei mir die (allgemeine) Sehnsucht nach Unterwegssein, die durch Blogs verstärkt und konkretisiert wird (eher durch Blogs jedenfalls als durch Bücher, da ich nur selten sogenannte Reiseliteratur lese)
Du warst lange in deiner Stadt und in deiner Wohnung, bist lange in dich gegangen, lieber Emil, da ist jetzt wohl die Zeit?!
Ich gehe gerne mit dir, immer wieder …
Von mir viel Glück für den „Ulysses“. Ich finde in jedem Jahrzehnt – mehr als einmal pro Jahrzehnt komme ich durch die Lektüre nicht durch – neue Schätze darin.
Sehnsüchte… hm… bei mir, glaube ich eher Gegenstände. Ich neige dazu Gegenstände „aufzuladen“, natürlich auch das ein oder andere Buch oder Blog. Was bei mir immer gut funktioniert hat, im Sinne von mit Sehnsucht behaftet, war Papier oder Stifte. Ich hatte das früher im Schreiben, dass ich unbedingt dies oder jenes Papier oder diese oder jene Kladde haben „musste“, weil sich dahinter die Hoffnung von Fluss und Weite verbarg. Dasselbe zum Teil mit Stiften. Sonst wüsste ich gerade nicht.