Aus den tiefsten Neunzigern (361/4)

Eine Art Rückblick mit Vorsätzen

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Es scheint also wahr zu sein: Es existiert “ein anderer”. Lange habe ich mich davor gefürchtet, an anderen gemessen/mit anderen verglichen zu werden – und nun, da es soweit zu sein scheint? Ichfühle mich nicht verglichen; ich bin niemandem böse, nur unendlich traurig. Und ich weiß, daß mir nicht einmal das zusteht. Wer konnte sich denn all die Zeit nicht entscheiden? Das war ja wohl ich. Wer wollte denn immer alles auf einmal? Das war ja wohl auch ich. — In den letzten drei, vier Wochen habe ich verdammt viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Und ich glaube, Du hast irgendwo Recht. Ich werde wohl nie (wieder?) die Kraft aufbringen, aus dieser “Familie” auszubrechen, mir zu nehmen, was ich brauche, mir zu suchen, was ich wünsche, und zu leben, was ich bin. Vielleicht ist es auch wahr, daß ich nie wollte, aber wenn ich mir das Wollen tatsächlich nur eingeredet habe, dann tat ich es mit ganzer Kraft, so, daß ich selbst an das Wollen glaubte, auf eine Erfüllung hoffte. Hat es jetzt noch Sinn zu hoffen? Hat es denn auch noch Sinn, mit Dir darüüber zu sprechen? Wenn wir es tun, so werden wir uns gegenseitig verletzen, ich werde mir Vorwürfe machen, Du wirst weinen … Und dann? Dann stellen wir fest, daß alles vorbei ist …

Auch wenn es kaum glaubhaft klingt: Eines werde ich noch lange Zeit tun – Dich lieben. So sehr, daß es mir weh tut. Es klingt abgedroschen, unwahr und künstlich – aber Du warst meine große Liebe … Vor Dir war keine, die so viel von mir erfahren hat (über meine Phantasien, meine Wünsche, mich), und ob nach Dir eine sein wird? Ich weiß es nicht. Auf alle Fälle hoffe ich, einiges gelernt zu haben, z. B. daß ich in Zukunft erst eine Sache vollständig beende, ehe ich eine andere beginne. Daß die Wahrheit der einfachere, aber manchmal schmerzhaftere Weg ist. Daß auch ich Wünsche und Bedürfnisse habe, die sich im besten Falle erfüllen, die ich im schlechtesten Fall wohl unterdrücken, mir abgewöhnen muß. Und ich muß, nein, ich möchte und will in Zukunft für klare Verhältnisse sorgen – von Anfang an. Für uns beide ist es wohl zu spät. Ich wünsche Dir für Deine Zukunft – die wohl nicht meine sein wird – alles Gute; werde glücklich und vergiß mich, wenn Du kannst.

 

 

In meinen Zettelhaufen fand sich dieser Text, der Anfang der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden ist. Ich kann nur anhand meiner Handschrift eine ungefähre Einordnung in die Zeit vornehmen. Inhaltlich … Über seine Fiktionalität/Realität weiß ich nichts mehr … Das stammt aus der Zeit weit vor meinem Weglaufen. Auch heute noch sind die Dinge, die ich damals als “gelernt” hoffte, solche, die ich mir immer wieder vor Augen halten muß.
Sollte ich sie als Vorsätze für das in wenigen Tagen beginnende Jahr …? Nein. Sollte und tu ich nicht.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 26. Dezember 2015 waren die ruhige Schicht im Radio, mein Mut, der Abend bei der allerallerallerbesten Freundin.
 
Tageskarte 2015-12-27: Das As der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Aus den tiefsten Neunzigern (361/4)

  1. Sofasophia sagt:

    Da bin ich wieder – als Lesende.
    Ich denke grad drüber nach, wie das wohl sein muss, wenn man nach einer zerbrochenen Liebe keine neue Liebe mehr zulässt, zulassen will. Eine Weile (sogar ein paar Jahre) verstehe ich das – aber für immer? Es soll ja so Leute geben.
    Ich denke darüber nach, dass unser Körper und unsere Seele auf Selbstheilung angelegt sind.

    • Der Emil sagt:

      Und mir ist gerade beim Lesen Deines Kommentars aufgefallen, daß ich Jahre später doch … Nein, daß ich viele Jahre später so niedergedrückt, so verzweifelt, so ausweglos verfangen war, daß ich doch gehen konnte, sogar mußte, den Kontakt aufJahre ganz abbrach zu der „Familie“.

      Also ist der Text vielleicht doch nicht fiktional … Und nun fällt mir auch ein, an wen der gerichtet sein sollte/gewesen sein könnte. Aber haben diese Worte sie jemals erreicht?

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