Gnadenfrist

Eine rasante Fundsache aus dem Weggeworfenen

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Als ich am Dienstag Abend nachhausekam und die Post – gut, es war ausschließlich Werbung im Briefkasten, die ich sofort in die unter den Briefkästen stehende Altpapierkiste werfen wollte. Das habe ich dann aber nicht getan. Nein, ich legte die gefühlt anderthalb Kilogramm mich nicht interessierender Prospekte zunächst auf den Briefkästen ab und fischte nach meiner Kamera. In der Alpapierkiste lag etwas, das ganz sicher nicht dorthineingehörte:

 

Gnadenfrist

Ein neues Buch erhält eine Gnadenfrist
Ungelesen weggeworfen? Bücher sollte man nie (!) einfach wegwerfen – es findet sich meist ein dankbarer Leser.

 

Da lag ein nagelneues Buch, wahrscheinlich sogar ungelesen, nur von seiner eventuell einmal vorhandenen Polyethylenhülle befreit. Das mußte ich schnell photographisch festhalten. Es war (und ist noch) Arnon Grünbergs 2004 erschienene Novelle “Het aapje dat geluk pakt”, auf deutsch 2006 unter dem Titel “Gnadenfrist” in der Schweiz veröffentlicht. Ich bückte mich, nahm das Buch aus der Kiste, packte die Kamera weg und warf dann die Werbung weg.

Im Fahrstuhl las ich den Rückentext: “Rasant erzählt Arnon Grünberg die Geschichte von einem, der sich raushalten wollte, arriviert zu sein glaubte – da gerät alles aus den Fugen, mit unerhörten Folgen für sein ganzes Leben.” Das ist natürlich ein Satz, der mich auf den Inhalt neugierig machte, sehr neugierig sogar. Aber ich habe ja noch so viele Bücher zu lesen angefangen, die muß ich erst zuendelesen … Also wird die Gnadenfrist noch eine Gnadenfrist bekommen.

So ganz konnte ich meine Neugier allerdings nicht zügeln. Am Dienstag ging es noch, aber gestern, gestern warf ich dann doch einen Blick hinein, zwei Blicke sogar. Ich las die ersten beiden Seiten und die letzte Seite. Ah, ich hätte es besser bleibenlassen sollen, denn diese kurzen Textstücke, die Textstückchenleinchen machten mich nur noch neugieriger. Tja, und so habe ich das kleine Büchlein mit seinen 154 Seiten bis gestern Abend tatsächlich verschlungen, in einer Art Schnellesedurchgang, der ein erneutes, langsameres Lesen erforderlich macht, will ich irgendwann mehr Feinheiten dieser Geschichte mitnehmen. Rasant ist nämlich genau das richtige Adjektiv für die Erzählweise, die der Übersetzer Rainer Kersten wunderbar beibehalten hat.

Entlasse ich euch Leser jetzt ohne ein Zitat aus dem Buch? Nein. Ganz ohne geht es nicht. Und es gibt sicher andere, bessere Stellen zu zitieren als gerade den letzten Absatz der Novelle – aber der hat es mir angetan:

 

Wenn man jung ist, glaubt man noch, daß es normale Leute gibt und man nur das Pech hat, sie nicht zu kennen. Später erkennt man, daß das Unsinn ist, daß es keine normale Menschen gibt. Es gibt nur Patienten. Manche Patienten können sich auf Kosten anderer über Wasser halten, und dann nennen wir sie nicht Patienten. Dann nennen wir sie erfolgreich.

Arnon Grünberg: Gnadenfrist. S. 154
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
© Diogenes Verlag AG Zürich 2006. ISBN 978 3 257 06529 9

 

Bin ich Patient oder bin ich erfolgreich? Oder bin ich – vielleicht – doch einfach (nur) ein Mensch?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 2. Juli 2014 waren ein zustandegekommenes Gespräch, ein zweiter Versuch.
 
Tageskarte 2014-07-03: Die Acht der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Gnadenfrist

  1. Alles liebe dir – egal ob Patient oder Mensch.
    Aber ich denke Mensch und wir Menschen sollten
    das *menschliche* mehr nd mehr achten, würdigen, annehmen,
    zu-lassen, sich einlassen …. ein paar Gedanken die mir in den Sinn kommen, wahrscheinlich aus deswegen weil ich in den letzten Tag sehr viel *menschliches – zwischenmenschliches* erlebt, erfahren, erkannt habe — erkennen durfte.
    Segen!
    M.M.

  2. wildgans sagt:

    Diese tollkrasse Geschichte wirkt auf mich, als hätte es gar nicht anders kommen können….Unsere Welt wird mehr und mehr genormt, auch die Menschen- wir bleiben bunte Buchfinken, sehr verzwitschtert!

  3. irgendlink sagt:

    Klasse, Du lieber Mensch. Das Buch wollte zu Dir. Auch ein schön gewähltes Zitat finde ich. Liebgrüß auch von SoSo

  4. Ulli sagt:

    ich bekam zum Geburtstag eine Karte, da steht in winziger Schrift oben: ich habe keine Macken und riesengross darunter, DAS SIND SPECIAL EFFECTS …
    ich möchte mich nicht als ewige Patientin anschauen, aber bis zur endgültigen Menschwerdung ist es eben ein Weg …
    herzlichst Ulli

  5. Elvira sagt:

    Stimmt, es gibt keine normalen Menschen. Denn dann müsste es den einen geben, der bestimmt, was normal ist. Und das kann keiner! Nicht einer und nicht viele. Dieses Buch möchte ich auch lesen. Gut, dass Du es gerettet hast!

  6. Amelie sagt:

    Das Buch wurde nicht weggeworfen. Es wurde FÜR DICH dort hinterlegt.

    Tolles Zitat.

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