Waldarbeiter

Das da, das ist kein Baum

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Das war zuviel, da ging etwas kaputt, da zerbrach etwas in ihm. Ab diesem Moment konnte er sich nicht mehr im Spiegel ansehen. Im Kopf kreisten Gedanken umeinander, die er lieber nicht gehabt hätte. Aber hinterm Haus lag schon lange kein Holz mehr, das er noch sägen oder spalten konnte. Blieb ihm wohl nur der Weg in den Wald, um neue Bäume zu fällen, seiner Wut auf sich selbst und seiner Angst vor der Zukunft einen Raum zu geben.

Er ging aus dem Haus, übern Hof, in den Schuppen. Als er dessen Tür quietschend öffnete, wurden die Schweine im Stall lebhaft und grunzten, ihr Futter erwartend. Das gab es sonst immer, wenn er in den Schuppen ging, in dem neben dem Werkzeug auch die Kohlrüben und die Kleie für die Tiere lagerten. Aber jetzt nicht, heute nicht. Jetzt suchte er nur nach der Axt und dem Beil, die er beide in den Rucksack steckte. Platz genug war darin auch noch für die Flasche Selbstgebrannten, die er unter einigen Brettern hervorholte. Ehe er sie zum Werkzeug packte, nahm er einen Schluck, der ihn wie immer zum Husten brachte.

Dann war es getan. Er war bereit. Die Wut rauchte noch in ihm, wartete, lechzte geradezu nach dem Widerstand des Holzes unter dem Blatt der Axt. Die Schuppentür krachte hinter ihm zu, als er mit dem vor Jahren selbstgeschnittenen Stab in der Rechten losstapfte. Auf in den Wald. Dahin, wo die alten Fichten stehen, am Hang über dem Fluß. Die Sonne war zwar schon hell, aber noch nicht heiß, so daß er recht zügig voranschritt. Bei dem Tempo sollte er kaum eine Stunde unterwegs sein, ehe er mit lauten Schreien über seinen Feind herfallen konnte.

Am Fluß begann er dann doch zu schwitzen. Er riß sich Hemd und Hose vom Leib, tauchte in das kalte Wasser zwischen den runden Steinen. Auch dort kühlte seine Wut nicht ab. Zu tief saß, was ihn am Morgen verletzt hatte, zu heiß brannten die Worte ihm im Gedächtnis. Wie sollte er das je vergessen, je verwinden? Wie sollte er je wieder den Anblick des Großmauls ertragen können?

Nackt wie er war, stieg er dann den Hang hinauf, Hemd und Hose in der linken Hand haltend, sich mit der rechten und seinem Stecken sichernd. Nackt stürmte er voran. Das Unterholz schlug ihm gegen die Knie und die Hüften, er spürte es nicht. Endlich stand er oben, unter den alten Bäumen, zwischen den riesigen Fichten. Er fiel auf die Knie, ließ alles neben sich fallen und sah sich nach einem passenden Baum um. Dabei stellte er sich das Gesicht in den Stämmen vor und der Ärger in ihm wallte wieder mächtig auf. Da, das dort, dieser leicht schiefgewachsene – das da, das war plötzlich kein Baum mehr; da waren die Augen, die Nase und der Mund ganz deutlich in der Rinde zu erkennen. Er sprang die Axt ergreifend auf und stürmte mit einem lauten Schrei auf den Baum zu.

Der erste Schlag mit der Axt landete genau zwischen den vorgestellten Augen. Der zweite schlug alle Zähne aus dem Mund. Ab dem dritten Schlag klangen die Axthiebe gleichmäßig. Und wenn er nicht nackt gearbeitet und bei jedem Zuschlagen einen Namen zwischen den Zähnen hervorgepreßt hätte, wäre er für zufällig vorbeikommende Wanderer nur ein ganz normaler Waldarbeiter gewesen …

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Vorgeblogt.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Waldarbeiter

  1. pantoufle sagt:

    Jaaaa!!! Lass es raus!!
    LG
    Das Pantoufle

    • Der Emil sagt:

      Hey, geh einer mal heutzutage in Deutschland in irgendeinen Wald und beginne damit, nackt einen Baum mit der Axt zu fällen …

      Kannste nur hoffen, daß Dich keiner sieht, sonst biste für Jahre inne Klappse.

  2. minibares sagt:

    Genau, starke Bewegung ist gegen Stress das Beste.
    Und das tat er.

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