Ein Scheiß-Brief (Nº 318)

Routinierter Umgang mit dem Posteingang

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Ich hab’s geahnt. Den Weg runter zum Briefkasten hätte ich mir ersparen sollen. Baumarkt-, Möbel- und Autohauswerbung in reichlichen Mengen. Na gut, das Amtsblatt der Stadt lag mit im Kasten. Und dieser verdammt Brief.

Staatsanwaltschaft. Klasse. Hätte ich es wie vor Jahren gemacht und den Briefkasten nicht geleert, läge dieser blöde Brief jetzt nicht hier. Nein, den kann ich nicht auf dem Tisch liegenlassen. Der macht mir zuviel Angst, macht mich zu nervös, weil ich nicht weiß, was drinsteht. Am Ende scheucht er mich rüber in den Discounter und ich hole mir zwei oder drei Flaschen Korn. Für heute und morgen. Nein, erstmal wegpacken den Schriebs. Da zwischen die Bücher schieb ich ihn. Ja, er schaut noch oben heraus, aber ich muß genauer hinsehen, um ihn zu sehen. Von der Staatsanwaltschaft. Gelber Umschlag. Scheiße! Aber die Raten hattte ich doch alle bezahlt, damit war ich doch voriges Jahr im Mai schon fertig. Ist denen jetzt aufgefallen, daß ich vielleicht doch irgendwann einmal die Überweisung vergessen habe? Dann kommen wieder Unsummen an Zinsen hinzu und Gebühren und und und.

Verdammter Mist! Was wollen die von mir?

Wenn nun die Videos vom Dingens ausgewertet wurden, da draußen, beim Dings, na!? Wo ich neben dem Mediamarkt in diesem riesigen Laden war – ach Mist, ich komm nicht auf den Namen. Soll ich mir denn wirklich merken, wo ich mir wegen der günstigen Gelegenheit – und weil das Geld alle war – einfach zwei Päckchen Tabak weggefädelt habe? Dürfen die das, nur wegen dem bescheuerten Video aus einer Überwachungskamera mich anzeigen? Aber woher wissen die dann meine Adresse? Na gut, die Staatsanwaltschaft hat sie sowieso … Aber die dürfen doch nicht so einfach ohne echten Beweis hinrennen und mich dort anzeigen, ohne das ich mich tatsächlich hätte erwischen lassen?

Scheißbrief von der Scheißstaatsanwaltschaft! Meine Ex will wohl wiedermal wissen, warum ich keinen Unterhalt zahle? Ha, soll die doch arbeiten gehen, ich hab das Balg nicht gewollt! Außerdem war ich deswegen doch erst beim Vollstrecker und hab meine EV erneuert. Wenn ich nur wüßte, was die von mir wollen. Läßt mir keine Ruhe. Ich zieh mich mal an, brauch noch Senf. Den kann ich mir ja gleich gegenüber beim Discounter holen. Und was zur Beruhigung …

Halt. Wie bescheuert bin ich eigentlich? Will ich wirklich wieder mit der Sauferei anfangen? Tief Luftholen. Hinsetzen. Brief nehmen. Die können mir nichts. Hab ja auch nichts mehr. Und wenn’s in den Knast geht: Warm, trocken, Vollverpflegung. Egal. Ich mach jetzt auf. Halt endlich still, Du Scheißbrief. Wie soll ich denn da mit dem Brieföffner rein … Boah, Haben die neuerdings festeres Papier?

Okay: «… teilen wir Ihnen mit, dass das gegen Sie als Halter des PKW … mit dem amtlichen Kennzeichen … am 17.04.200… unter dem Aktenzeichen … eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen

  • Herbeiführens eines Verkehrsunfalls mit Personenschaden (§§ …)
  • unerlaubter Entfernung vom Unfallort (§§ … )
  • Körperverletzung (§§ … )

gemäß § … eingestellt wird.» Äh – wie bitte?!?

Bis heute wußte ich nichteinmal davon. Und ich habe seit 2003 kein Auto mehr. Auf den Schreck aber brauch ich ’ne Kippe und einen Kaffee.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 13. November 2013 war endlich eine Nachricht, auf die ich sehr lange wartete.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Ein Scheiß-Brief (Nº 318)

  1. Frau Momo sagt:

    Ich bin zwar qua Beruf an solche Briefe gewöhnt, allerdings weniger, wenn sie in meinem eigenen Briefkasten landen. Ich hätte wohl auch erst mal gezögert und gehadert… aber gut, das Du gar nicht gemeint warst, auch wenn der Schreck sicherlich etwas war, auf das Du gut und gerne verzichten hättest verzichten können.
    Trotzdem stößt mir das Blag etwas auf… das kann ja nix dafür.

    • Der Emil sagt:

      Der Protagonist war schon der richtige Empfänger, er hatte nur keine Nachricht über die Eröffnung der Ermittlungsverfahrens bekommen.

      Und die Sätze mit dem Unterhalt: Im (angstbedingten) Streß katastrophisiert mensch vieles, äußert sich (oder dnkt zumindest) nicht bedacht und wohlüberlegt. Wenn schon alles schlecht ist, dann kann mensch den Rest auch noch schlechtmachen.

  2. alltagsfreak sagt:

    Hallo. Mit dem Handy sehe ich nicht unter welchen Tags das steht. Wäre es unter „Erlebtes“ – wirklich ein Scheißbrief. Unter „Erdachtes“ eine packende Story. Hätte mal ein ähnlichen Schriebs wg Zeugenaussage vor etlichen Jahren. Die Verhandlungen wurde eingestellt. War wirklich ein Sch… Erlebnis damals

    • Der Emil sagt:

      Nichterlebt. Nicht so erlebt.

      Aber schon einmal einen Brief bekommen, in dem mir mit der Mitteilung der Einstellung bekannt wurde, daß da überhaupt was ar.

  3. wildganss sagt:

    Emil changiert zwischen fiktiv und real. All meine Gedanken, einschließlich die zum „Balg“ wurden schon geäußert hier. Also. Ein Träumer in voller Ausübung bist Du nicht oder nicht mehr. Doch so ganz kennt man jemanden nie, erst recht nicht rein virtuell, wenn ich auch durch „Buchfink“-Hören Deine Stimme kenne- und die sagt viel. –

  4. Sofasophia sagt:

    gut, dass ich die andern kommentare gelesen habe. weil auf dem phone keine tags angezeigt werden. also „nicht erlebt“.
    deine fiktionen der letzten zeit sind echt saugut. bald hast du eine kurzgeschichtensammlung beisammen (oder hast sie schon).
    toller text!

    • Der Emil sagt:

      Auch diese Geschichte ist von mir von der Realität weit genug entfremdet worden, um „Nichterlebt“ zu sein. Bzw. habe ich hier fünf oder sechs Momente meines Erlebens vermengt, verbunden, durcheinandergebracht.

      Zur Zeit sprudelt eine ganze Menge aus mir (leider nicht das, was ich dringend sprudeln lassen möchte). Mit diesem hier sind es knapp 50 als „Miniatur“ gekennzeichnete Texte …

  5. Pingback: Nachgetragen und umgeschaut… Die fehlende Pointe und virtuelle Besuche… | alltagstauglichkeitstest

  6. Elvira sagt:

    Selbst zwischen den Welten kann Mann nicht in Ruhe leben, irgendein Sche.ß katapultiert einen immer wieder in die reale Hälfte. Aber das gibt Stoff für die andere Seite.

    • Der Emil sagt:

      Ich habe einige Jahre zwischen den Welten gelebt (als ich mich meinem bürgerlichen Namen komplett verweigerte) und es war anstrengend, zu anstrengend. Dieses Leben zwischen den Welten ist eine oszillierende Flucht; auf der Flucht (wovor eigentlich?) hatte ich nie wirklich Ruhe.

      Aber ja, so habe ich Stoff gesammelt für Geschichten und Märchen und Lügen und Wahrheit …

  7. Kippe und Kaffee ist besser als Korn! ;o)

  8. brammbus sagt:

    wenn ich einmal trauriig BINn go..nee Quatsch ..
    kaffe macht mich nervös kinders
    korn blöd und Sahne dicker..
    mit Senf

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