Dialektisch (Nº 292)

Mundart-Geschichte aus’m Dorf

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Bockau, das Nachbardorf, der Ort, in dem ich die Gartenkneipe bewirtschaftete. Ein Dorf, in dem echtes, urwüchsiges Erzgebirgisch gesprochen wird. In so einem Dorf passiert viel. Und manche Geschichten sind so skurril, so typisch, so bemerkenswert, daß sie jahrelang, jahrzehnte- und jahrhundertelang von Nachbar zu Nachbar, von Onkel zu Nichte, von Oma zu Enkel weitererzählt werden. Das ist wohl in jedem Dorf so und daher habe auch ich die folgende Begebenheit. Die Bockauer haben einige solcher Geschichten aus ihrer “Wurzel-Bucke” (nach der Angelika-Wurzel, die im Dorf angebaut wurde und wird zur Likörherstellung) zusätzlich noch in ein Büchlein gepackt. Wenn ich darin lese, sehe ich so manches Dorforiginal wieder vor mir uns höre den Heimatdialekt und bekomme manchmal auch so eine Sehnsucht nach dieser Gegend.

Ein Beispiel für eine solche Geschichte hab ich heute hier. Hört und lest selbst (unterm Mauszeiger zeigt sich satzweise die “Übersetzung”):

 

 

 
A frommer Wunsch
 

Wenn heitzetoog aans stirbt, machn de Bestattungsinstitute ’s raane Wettrenne, war de Leich kriecht. De Leit mächtn sich direkt Ahgebute hulln, weil de Preis su durchanannerschwirrn, deß ann richtig dörmlich warn kennt.

Früher war des annersch, do gob’s de Leihngfraa, un wetter war nischt netig. De Leihngfraa war sei ganzes Lahm Leihngfraa, des mußt bluß su sei. Manniche hattn a bißl a uhguts Gefihl dr Leihngfraa gehngieber, wemmersche när net geleih brauhng tätn, war’n se gedacht hohm.

Mol is der Werner Hilde is Dorf nauf, un de Leihngfraa stand vor ihrn Haisl. “Glückauf, Hilde, wu willste dä hie un wie gieht dirsch dä su?” freechit se. “Ich muß offn Gottesacker, netzen.” “Ha, m’r hot halt dauernd ze tu”, maanit de Leihngfraa. “Iech hoh gar nischt do, wos ich dr ahbietn kennt, sist hättste a bißl reihkumme kenne.” Do dacht de Hilde, nu Gottseidank, deß se nischt do hot. Des war ahm des uhgute Gefihl.

Noochert saht de Leihngfraa noch: “Iech bie a wing knapp bei de Pfeng, is kennt ball wieder mol aans stahrm.”

Mündliche Überlieferung. Nachgewiesen u. a. in
Dr. S. Schlegel (Hrsg.): A ganze Huck Wurzelgeschichten. S. 42
Selbstverlag Gemeindeverwaltung Bockau (Erzgeb.) 1999

 

 

Meine Großtante hat sie mir öfter erzählt, diese Geschichte. Die Schwester meiner Großmutter, die ihren Mann am 29. Februar 1940 heiratete. Er war der Onkel mit dem Holzbein, der nie übern Krieg sprach, sooft ich auch fragte. Sie waren ein seltsames Pärchen, an das ich mich gerne erinnere. Vielleicht besuche ich sie in diesem Jahr nochmal – oder zumindest ihre Gräber, so es sie noch gibt …

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 19. Oktober 2013 waren das Ausschlafen, die neuen Nachrichten, der Buchfink.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Dialektisch (Nº 292)

  1. Request a translation in german 😉

  2. alltagsfreak sagt:

    Ich war mal in der weiteren Gegend für ein Jahr in der Gegend Reichenbach, Netzschkau ansässig. Die Leute waren gesellig, herzlich aber auch eigen. Die Mundart war ähnlich und schön anzuhören. Manchmal denke ich gerne an einige Momente dieser Zeit zurück!

    • Der Emil sagt:

      Reichenbach und Netzschkau sind Vogtländisch, die „singen“ noch ein wenig dazu …

      Aber die Gebirgler sind wohl beinahe alle so: verschroben, liebenswert und gesellig.

      • alltagsfreak sagt:

        „Du Sau“ war für mich zum Anfang etwas gewöhnungbedürftig. Dachte zuerst sie betitelten sich so gegenseitig. War dort eine harte, aber auch herzliche Zeit.

  3. Brigitte sagt:

    Hach ja, de Wurzelbucke, da hab ich auch mal gearbeitet. Sag bescheid, wenn du dich hier herum teibst .-).
    Tschssi Brigitte

  4. Xeniana sagt:

    Ach wie schön lieber Emil vielen Dank! Erinnert mich an einen wunderbaren Sommer im Erzgebirge und einem Häuschen mitten im Wald mit Schäferhunden, Pferden,Hühnern.Ich liebe diesen Dialekt.Er ist einfach so gemütlich.Überlege gerade ob ich die Idee weihnachten mit den Kindern mal im Erzgebirge zu verbringen nicht doch reaktivieren sollte

    • Der Emil sagt:

      Oh ja, Weihnachten in Schneeberg, Carlsfeld, Schönheide, Schwarzenberg, Johanngeorgenstadt, Annaberg-Buchholz … Wobei ich für Schneeberg plädiere.

  5. Anna-Lena sagt:

    Nach mehrmaligem Hören versteht man es, auch ohne Übersetzung. Ich sagte dir ja schon mal, Du hast eine sehr angenehme Stimme!!! 🙂 .

    Herzlich,
    Ana-Lena

  6. Pingback: Neue Pläne – neue Zeiten | alltagstauglichkeitstest

  7. Gabi sagt:

    Danke für diese Geschichte. Ich mag solche Geschichten und ich mag auch Dialekte gerne.
    Und ich bin ganz stolz auf mich. In Kombination hören und lesen hab ich eigentlich alles verstanden. 🙂
    LG Gabi

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