Da war ja noch: Wolfgang Herrndorfs «Tschick» (Nº 286)


Erklärter Leseversuch Nr. 1 1/2

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Seit langem hatte ich schon vor, sein Buch «Tschik» zu lesen. Immer dann, wenn ich mich in der Stadtbibliothek an dieses Buch erinnerte, so war es ausgeliehen. Nicht schlimm, dachte ich immer, beinahe ein Jahr lang, denn ich las ja regelmäßig Arbeit und Struktur, sein Blog. Dann aber wurden die Texte dort kürzer. Und es kam Ende August 2013, da ich von seinem Tod las …

Danach nahm ich endlich seine Werke in Angriff. Als erstes las ich «Sand» – und es erschein mir ziemlich mühsam. Ich brauchte mehr als eine Woche für diesen Kriminalroman. Nein, er ist nicht schlecht geschrieben, hat mich sogar nach weit über der Hälfte des Buches noch überraschen können! Aber ich zähle ihn nicht zu den Büchern, die ich unbedingt gelesen haben muß, sondern nur zu den “okayen”.

Nun gut, dann also der «Tschik». Ein hochgelobtes, preisgekröntes Jugendbuch. Ein Buch, das ich mehrere Tage in meinem Rucksack mitnahm, als einziges Buch, um wenigstens unterwegs mit dem Lesen zu beginnen. Neben dem «Sand» las ich ja mindestens drei andere Bücher – das sollte mir mit dem «Tschick» nicht wieder passieren. Dann endlich saß ich gelangweilt irgendwo, und mir blieb keine andere Wahl als entweder selbst zu schreiben oder endlich zu lesen. Ich hatte … Nein, Angst hatte ich vor dem Buch nicht. Und ich wollte es ja lesen! Aber doch nicht jetzt, sagte ich mir immer wieder.

Zwingen mußte ich mich nicht. Die Sprache: gut, wirklich gut, passend zu einem Jugendbuch; und doch ganz anders als bei Ottokar Dommas «Ottokar»-Reihe, von der ich nebenbei bemerkt auch nur die Hälfte gelesen habe bis jetzt (die Nachwende-Bücher fehlen mir alle). Aber während ich die Welt in «Sand» als literarische, fiktionale, mir fremd seiende und bleibende erlebte, die mir mit ihrer für mich schon immer und voraussichtlich für alle Zeit bestehenbleibenden Fremdheit doch annehmbar erschien, ist die von «Tschik» eine – oder sollte eine sein –, die ich selbst erleben konnte und kann, zumindest direkt zu betrachten und zu beobachten in der Lage bin oder war und mit der ich so, wie sie geschildert ist, einfach nicht zurechtkomme.

Schule zum Beispiel bleibt mir in ihrer heutigen Form unverständlich, weil sie in meiner elebten Welt eben ganz anders und für mich absolut richtig war; sie bleibt mir auch im Buch fremd und unannehmbar. Auf diese Weise erscheint mir Maiks ganze Welt zu bekannt und gleichzeitig zu unrealistisch, um mir in der von Wolfgang Herrndorf beschriebenen Form akzeptabel zu erscheinen. Vierzehnjährige, mehrere Tage mit einem geklauten Auto herumfahrende Jugendl Kinder sind weit abseitiger von meinem Leben als jede Tatort-Geschichte.

Was habe ich denn von diesem Buch erwartet? Daß es mich auf eine Reise mitnimmt wie Wolfgang Herrndorfs Blog? Daß es meine Phantasie so anregt wie Stanisław Lems Raumfahrergeschichten? Ich weiß es nicht. Vom Buch bin ich auch nicht enttäuscht, nein, es war ja – nachdem ich einmal damit begonnen hatte – gut und flüssig lesbar. Aber es hat mich nicht gefesselt, nicht fasziniert. Schade eigentlich.

Es bleiben mir noch drei Bücher von ihm. Und so werde ich mich nach und nach in der Zeit rückwärts vorarbeiten, über «Die Rosenbaum-Doktrin» und «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» bis zum Erstling «In Plüschgewittern». Vielleich ist seine Buchsprache doch nicht so verschieden von seiner Blogsprache? Noch habe ich Gelegenheit, es herauszufinden. Und: Den «Tschik» werde ich in fünf Jahren (oder so) ganz sicher noch einmal lesen – irgendwie scheint es mir trotz allem ein “Muß”-Buch zu sein.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 12. Oktober 2013 war der Beginn des Werkleitz-Festivals » Utopien vermeiden! «.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Da war ja noch: Wolfgang Herrndorfs «Tschick» (Nº 286)

  1. christA sagt:

    Dreieinhalb Jahre lang habe ich Herrndorfs Blog bis zu seinem Tod verfolgt. Das hatte einige Gründe. – Ich kenne die Gegend gut, in der er lebte, spazieren oder schwimmen ging oder sich verirrte. Die Kliniken auch… – Die Blogeinträge haben mir mehr gesagt als seine Bücher. – Nein, ich werde seine Bücher nicht noch einmal lesen! Dazu fehlt mir die Zeit. Es gibt so viel anderes zu tun, und nicht häufig ist es möglich und nötig, Bücher von gelobten Schreibern alle und mehrmals zu lesen. Mir reichen manchmal nur wenige Sätze, die einer geschrieben hat. – „Muß Bücher“ will ich nicht lesen müssen. – Neulich habe ich geschrieben, ich will nicht einmal wissen, wie viele Neuerscheinungen der Buchmesse unfruchtbar vergilben. – Herrndorf habe ich als eigenwilligen Eigenbrödler wahrgenommen. Das bleibt mir, und ein paar seiner Gedanken.

    • Der Emil sagt:

      Ich hab irgendwann irgendwo einen Link zu ihm aufgeschnappt und seit „Dreiundzwanzig“ oder „Fünfundzwanzig“ mitgelesen. Ja, auch mir waren die Blogeinträge verständlicher, näher als die beiden bisher gelesenen Bücher.

      Diese „Muß“-Bücher sind solche, die ich lesen mußte, die ich als wichtig für mich selbst empfinde — also keine Empfehlungen von Bestsellerlisten oder Buchmessen …

      • Sofasophia sagt:

        wie seltsam, dass du da so gar nicht reingekommen bist.

        ich habe diese beiden bücher mit grossem genuss gelesen. tschick vor etwa einem jahr (?), sand vor kurzem.
        mich einzuklinken auf eine fiktive welle, die mit meinem eigenen leben so gut wie gar nichts zu tun hat, ist mir zwar bei sand erst nach einigem vorgeplänkel gelungen, aber danach konnte ich mich kaum mehr lösen.
        bei beiden büchern war es denn aber doch mehr die bildsprache als der plot an sich (der bei beiden klar augenzwinkernd, als persiflage, zu verstehen ist), was mich gepackt hatte.

        über originalität oder gar authetizität der geschichten las ich kontroverses. es ist sicher eine art „konzeptliteratur“, nenn ich das jetzt mal …

        ich finde beide bücher sehr gut, sehr anders allerdings auch. keine nur mal so- unterhaltung. und eben: geschmackssache … 🙂

        • Inch sagt:

          Ich auch Sofia, ich habe die Bücher auch mit großem Genuss gelesen. Vielleicht liegt das daran, dass ich sie als Bücher, als Geschichten wahrgenommen habe, unabhängig von seinem Blog, den ich nicht einmal kannte, bis plötzlich alle davon sprachen/schrieben und auch dann nicht gelesen habe. Aus Gründen. Und natürlich las ich seine Bücher vor seinem unnützen Tod

  2. Elvira sagt:

    Ich habe Tschick verschlungen, besser, es hat mich verschlungen. Die Gedanken dieses 14jährigen Jungen sind mir lange nicht aus dem Kopf gegangen, und ich erinnerte mich daran, wie nachdenklich Jugendliche in diesem Alter sein können. Würden sie ihre Fragen offen stellen, was sie sich häufig nicht trauen, denn dann wären sie ja nicht mehr so cool, und würde ihnen jemand bei der Suche nach Antworten helfen (die es so eindeutig ja nicht gibt), welch philosophisches Potenzial könnte sich auftun.

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