Kaffeetassenphilosophie (Nº 249)

Für einen süßeren Rest

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Beim ersten Blinzeln ein Blick auf die Uhr. Der innere Zetmesser schien tadellos zu funktionieren, denn es lagen ziemlich genau sieben Stunden Schlaf hinter mir. Der Nachtspaziergang brachte mich um fünf heim. Ich hatte einige Zeit gebraucht, um “runterzukommen”. Gegen halb sieben sah ich zum letzten Mal auf die Uhr.

Es war nun also genau 14.07 Uhr. Geweckt wurde ich von einem Anruf mit unterdrückter Nummer. Ich erfuhr nie, wer da anrief. Ehe ich das verflixte Telefon in die Hand bekam, hatte der Anrufer bereits aufgelegt.

Feststellung 1: Noch zweieinhalb Stunden bis zum Termin.

Feststellung 2: Mein Traum! Ich habe meinen Aufwachtraum nicht geträumt!

Feststellung 3: Die Blase drückt.

Bad, Kaffeemaschine in Gang setzen, Radio einschalten. Dann saß ich am Tisch und sah den dampfenden Kaffe in meiner Tasse. Ich roch ihn sogar und mußte an eine uralte Fernsehwerbung denken, in der das Kind am Sonntagmorgen zeitig loswollte und deshalb mitten in der Nacht Kaffee kochte. Die Duftwolken wurden als Nebel in den Film hineingezeichtnet und krochen unter der Schlafzimmertür durch über die Bettdecke bis in die Nase der Eltern.

(Sogar an die beworbene Kaffeemarke kann ich mich erinnern, es ist eine von denen, die ich nie kaufte, heute noch nicht kaufe, weil ich eine Abneigung gegen den Mutterkonzern der Kaffeerösterei hegte und hege.)

Die Tasse vor mir, mit ihrem Inhalt, war wie ein Bild meines Lebens. Schwarz und frisch und bitter und ruhig und ungenießbar heiß. Ich gab Milch hinzu und es hellte sich auf, Wirbel bildeten sich, Wölkchen. Die Temperatur nahm ab, die Bitterkeit wurde ein wenig gelindert. Ob der Kaffee dadurch wirklich besser wurde, beurteilt der Kaffeetrinker nach seinem Geschmack. Ob mein Leben besser wurde, das versuchten Freunde und Bekannte und Verwandte und Behördenmitarbeiter und Ärzte und und und zu beurteilen.

Als ich das erkannte, war der Zeitpunkt gekommen, da ich beschloß: Mein Leben kann ich nur selbst leben und beurteilen.

Und zu diesem Zeitpunkt begann ich trotz Diabetes, in meinen Kaffee drei Stück Würfelzucker zu geben.

Aber umrühren, umrühren hielt und halte ich für unnötig. Je weiter mein Leben zur Neige ging und noch gehen wird, desto süßer ist der Rest.

Ach so. Ja – nein: Es ging ja um Kaffee …

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. September 2013 war ein klärendes Gespräch unter Männern.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Kaffeetassenphilosophie (Nº 249)

  1. Elvira sagt:

    Ich schmecke förmlich das Herantasten an den süßen Grund. Das hast Du bildlich sehr schmackhaft dargestellt – auch im übertragenen Sinn!

    • Der Emil sagt:

      Was da noch wichtig ist: Für den Kaffee muß ich mir dann Zeit lassen, sonst bleibt der Zuckerschlamm am Grund der Tasse. Eklig suß. Zu süß für meinen Geschmack.

  2. burakumi sagt:

    Man sollte sich immer die zeit nehmen für einen Kaffee 🙂

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