Blick in (m)eine Vergangenheit
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Heute vor 52 Jahren war der erste Tag nach dem Beginn des sogenannten “Mauerbaus”. Wie hätte wohl die Bundesrepublik reagiert, wenn der Strom der Flüchtlinge und der weggeschafften Waren in die andere Richtung gegangen wäre? Gut, die Frage ist rein rhetorisch und auch obsolet, aber es gab dennoch Zeiten, in denen ich darüber nachdachte. Schließlich kannte ich mein Heimatland DDR – die BRD ist es bis heute noch nicht geworden – nur mit gesicherter Grenze von meiner Geburt bis zur besonderen Zeit zwischen (kurz vor) der letzten Kommunalwahl am 7. Mai 1989 und dem Anschluß der DDR an das Geltungsgebiet des damals geltenden Grundgesetztes der BRD, also bis zum Ende des Staates. [Nein, für mich war es keine Vereinigung (dazu hätte es gleichberechtigter Partner bedurft), gleich gar keine “Wieder”-Vereinigung (dazu hätte das zu Vereinigende vorher schoneinmal eins gewesen sein müssen, war es so allerdings nie).] Nun aber lebe ich hier und erinnere mich an dort.
Es gab in der DDR, in diesem verschwundenen Land, richtig gute Musik: Klaus Renft Combo, Stern Combo Meissen, Jürgen Kehrt, Berluc, Stefan Diestelmann, Karat, Wind Sand und Sterne, Puhdys, Wilk & Friends, Silly, Kurt Demmler, Lift, Engerling, Biest, Transit, Fritzens Dampferband (die waren insbesondere live unglaublich), Bettina Wegener, Bobo in White Wooden Houses u.v.m. … Ja, manche von denen waren (zeitweise) verboten, ausgewandert, abgehauen – aber nicht alle. Viele blieben und machten ihre Musik (auch) auf den Dörfern, in Kirchen, privat. Und besonders wichtig an dieser Musik waren die Texte.
Manches davon wurde auf Kassette weitergereicht, immer wieder überspielt. So kam ich z. B. an einige Lieder von Wolf Biermann und Bettina Wegener (und auch Udo Lindenberg). Und natürlich an die der Klaus Renft Combo. Deren “Apfeltraum” und “Als ich wie ein Vogel war” waren Texte von Gerulf Pannach.
Und kurz vorm Abitur 1982 kam ich so auch an – nun, an eine Kassette, auf die die Schallplatte “Fluche Seele Fluche” von Pannach und Kunert überspielt worden war. Das Titellied komponierte Christian Kunert, den Text schrieb Pannach nach einem Gedicht von Erich Mühsam:
Weiter, weiter – unermüdlich
Erich Mühsam
(∗ 1878 – † 1934 von der SS im KZ Oranienburg ermordet)
Weiter, weiter, – unermüdlich!
Westlich, östlich; nördlich, südlich.
Suche, Seele, suche!
Suche nur, kannst doch nichts finden!
Sonnen strahlen, Sonnen schwinden.
Fluche, Seele, fluche!
Nördlich, südlich; westlich, östlich.
Such das Glück. Das Glück ist köstlich.
Suche, Seele, suche!
Suche, daß die Sterne stieben!
Wird dich doch die Welt nicht lieben.
Fluche, Seele, fluche!
Südlich, nördlich; östlich, westlich,
Himmel, Erde, schmuck und festlich.
Suche, Seele, suche!
Schönheit, Freuden, Räusche, Frieden
Sind dir, Seele, nicht beschieden.
Fluche, Seele, fluche!
Mit dem Fahrschein bahnbehördlich
Westlich, östlich; südlich, nördlich.
Suche, Seele, suche!
Siehst dein Glück vorübertreiben
Hinter Schnellzugsfensterscheiben.
Fluche, Seele, fluche!
Quelle Zeno.org.
Das Gedicht ist über 70 Jahre nach dem Tod von Erich Mühsam gemeinfrei.
Daraus machte Gerulf Pannach (u. a.) folgende Zeilen, die an so manchem Lagerfeuer gesungen wurden (sogar bei der NVA und als SED-Mitglied gab ich das Lied zum Besten, ohne jemals “Konsequenzen” erleiden zu müssen):
Ob im Osten oder Westen / wo man ist, ist’s nie am besten / suche, Seele suche / fluche, Seele, fluche.
Tja, leider fiel mir erst gestern Abend auf, daß das doch ein Thema gewesen wäre für einen 13. August. Nun, jetzt hab ich es nachgeholt und mich erinnert an Erich Mühsam, an Lagerfeuermusik, an die DDR, an eine geniale Zeit …
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 13. August 2013 war das problemlose CT mit Kontrastmittel (dessen Ergebnis ich erst irgendwann beim Hausarzt erfahre — ich liebe Ungewißheit —, nur bei extrem schlechter Diagnose hätte ich wohl gleich etwas erfahren).
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Großartig.
das mit dem CT: puh! da bin ich ja beruhigt. bis auf weiteres …
der text von mühsam ist voller sehnsucht. ich höre darin nicht in erster linie politisch gefärbte unzufriedenheit als einfach sehnsucht nach „mehr“, nach anders, nach frei … (meine andere herkunft lässt mich wohl einfach anders hören und lesen).
der text ist beeindruckend!
Auch der Pannach-Text ist nur vor dem Hintergrund „in’n Weste4n abgehau’ner DDR-Musiker“ politisch; sonst nur schnodderiger als das Original:
Fluche, Seele, Fluche
Ob im Süden oder Norden,
nirgends bist du froh geworden.
Suche, Seele, suche.
Such nur, wirst doch nichts finden,
siehst nur das Glück von hinten:
Fluche, Seele, fluche!
In ’nem D-Zug, ausm Fenster,
lehnst und glaubst an Gespenster.
Suche, Seele, suche.
Such nur, hinter Gardinen,
lauern schadenfrohe Mienen:
Fluche, Seele, fluche!
Ob im Osten oder Westen:
Wo man ist, ist’s nie am besten.
Suche, Seele, suche.
Freiheit, Freibier und Frieden
sind dir, Seele, nicht beschieden:
Fluche, Seele, fluche!
Oder?
oh weia, jetzt aber … 😉
scheint eine mir verwandte seele zu sein! 😉
leider kann ich noch immer hier keine Musik hören, aber das wird ab nächster Woche behoben, aber ich kann dich ja lesen und das wunderbare Gedicht von Mühsam … da nickt mein Vagabundinnenherz und freut sich auch, weil es sich (wieder einmal) nicht so allein mit seiner Unruhe fühlt-
was du eingangs schreibst berührt mich sehr, ich kann dir nur Recht geben, es war keine Wiedervereinigung, es war eine Übernahme und ich erinnere mich sehr gut an den 03.10.1990, als die Entscheidung fiel, ich fand es unfassbar und war sehr traurig- ja, lieber Emil, obwohl ich ja ein Kind der BRD bin, war und ist dieser Teil der Geschichte von D bis heute keine gute …
es ist eine kapitalistische Geschichte und was damals geschah heißt für mich, neben Übernahme, auch Ausverkauf, wen interessieren schon die Menschen, wenn es etwas für nen Appel und Ei zu kaufen gibt?
Hier höre ich lieber auf …
herzliche Grüße
Ulli
^°^ Danke.
Auch von mir.
gerade frage ich mich, ausgelöst von eurem Dank, wieviele sogenannte Wessis es eigentlich gibt, die, wie ich, das Ganze damals und heute empfinden … immer wenn ich es anspreche, rede ich mit den sogenannten Ossis – das macht mich jetzt doch nachdenklich …
herzliche Grüße
Ulli
Meiner Erfahrung nach sind es einige, die so denken. Die, die auch sonst eher interessiert sind an Politik und Weltgeschehen und die auch aktiv tätig sind. Und das geht von Linken über Grüne bis zu Liberalen, Konservativen und Erzkonservativen, hat also nicht viel mit Parteizugehörigkeit oder -sympathie zu tun … Es ist eine bestimmte Art von Klarsicht/Realismus vorhanden bei solchen Menschen, Offenheit.
Unter den Ossis gibt es auch genügend, die das Geschehen damals ganz im Sinne von Merkel, Kohl und Co. betrachten und bewerten (oder im Sinne „des Kapitals“?) und die meine Meinung für ein Sakrileg, für Blasphemie oder Geschichtsverleumdung halten.
Lieber Emil,
ein feiner Artikel, der uns ganz anspricht. Musik, zumal diejenige, die uns jeweils zu einer bestimmten Zeit begleitet hat, wird vermutlich immer in der Lage sein, bekannte, geschätzte oder verfluchte Gefühle heraufzubeschwören. Erinnerungen zu transportieren.
Lieben Dank für Deinen feinen Artikel.
mb und dm