Heuchelei? (#321)

Oder Bosheit? Oder Ehrlichkeit? Oder was?

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Zum Nachdenken zitiere ich heute aus einem der Bücher, die ich gerade lese. Es geht um einen Professor, der seine Rede zu seiner Verabschiedung aus dem Universitätsbetrieb hät.

 

»Ich hörte einmal sagen«, fing er an, »daß man einen Menschen nach seinen Freunden beurteilen kann. Wenn das wahr ist«, er hielt inne, um das Publikum vielsagend zu überblicken, »dann muß ich in der Tat ein wirklich feiner Kerl sein.«

Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet
Deutschsprachige Ausgabe 2008. Seite 165. ISBN 978-3-442-75201-0
© btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH München.

 

 

Ziemlich mutig, soetwas zu sagen, oder? Und wie denken die unterschiedlichen Anwesenden darüber?

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. November 2012 war der Fortschritt beim Schreiben.

321 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 154 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Heuchelei? (#321)

  1. puzzle sagt:

    Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten: entweder, der Mensch täuscht sich in seiner Beurteilung des Charakters seiner Freunde, oder der Beobachter.

  2. Dass er das für sich so sieht, liegt in der Natur der Dinge. Wenn seine Freunde für ihn keine „feinen Kerle“ wären, hätte er sie nicht zu Freunden.

    Was mich allerdings irritiert, ist ein Teil des Buchtitels: „Wie man die Angst vor dem Tod überwindet“. Wie kann man vor etwas Angst haben, das man gar nicht kennt? Vor dem Sterben habe ich Angst und davor, mich weiter und weiter quälen zu müssen, obgleich ich längst gehen will. Aber vor dem Tod? Nein, davor habe ich keine Angst. Ich kenne ihn nicht und weiß dem entsprechend nicht, was er für mich parat hält.

    • Der Emil sagt:

      Hattest Du noch nie Angst vor dem Unbekannten? Das ist es doch, wovor die meisten Menschen Angst haben – das Unbekannte. Es geht den Klienten im Buch (und auch Herrn Yalom, er ist Pychotherapeut.) wirklich um die Angst vorm Tod, nicht vorm Sterben

      • Vielleicht Bedenken, manchmal eine Spannung, die sich zwischen dem Positiven und Negativen findet, aber Angst vor dem Unbekannten? Ich glaube nicht. Allerdings ist es insgesamt ein interessanter Gedanke, den man einfach mal in sich bewegen sollte, lieber Emil.

        Hab‘ ein tolles und inspirierendes Wochenende!

  3. Eine schöne Art seinen Freunden ein wenig Honig ums Mäulchen zu schmieren… 😉

  4. luzie sagt:

    Vielleicht meint er es ja auch eher ironisch? Das zumindest kam mir als 1. in den Sinn…

  5. Frau Momo sagt:

    Ich finde das so verkehrt nicht, wobei das ja immer subjektiv ist. Der Neonazi hält sich bestimmt auch für einen feinen Kerl, weil er so viele braune Freunde hat.

  6. Früher hatte ich viele „Freunde“. Aber irgendwann habe ich festgestellt, wenn du sie brauchst sind sie nicht da. Heute habe ich wenige Freunde, aber auf die bin ich auch stolz. Es geht nicht darum was sie beruflich tun, sondern wie sie ihr Leben leben, wie sie mit anderen umgehen.
    LG Gabi

    • Der Emil sagt:

      Ja, Freunde sind nicht nur „Freunde“. Und wer solche Freunde hat, baucht keine Feinde mehr.

      Die Zahl der Bekannten steigt auch bei mir – die der Freunde ist überschaubar.

  7. 7x7 sagt:

    Das ist definitiv freundliche Heuchelei. Das macht mir den „Kerl“ sympathisch.

  8. Inch sagt:

    Wieso? Der Mann hat offenbar das Glück, sehr feine Menschen seine Freunde nennen zu dürfen. Freunde, auf die er sich im Notfall verlassen kann. Und warum soll er dieses Kompliment an seine Freunde nicht auch mal öffentlich aussprechen dürfen?

    • Der Emil sagt:

      Da siehst Du, wie sehr verdorben mein Weltbild schon/noch ist. Mißtrauen, hinter allem das Schlechte vermuten, Lob nicht akzeptieren können (kann ja nicht sein, daß ich was gutgemacht habe!) usw. usf. Dabei behaupte ich immer, daß ich zuerste an das Gute um Menschen glaube – und hier führe ich diese meine Meinung ad absurdum …

      • Inch sagt:

        Hm. Und Du siehst wie komplett anders ich gestrickt bin. Ich gehe immer zuerst vom Guten aus. Vom Positiven. Und wenn es dann doch negativ war, suche ich mir das Positive darin

        • Der Emil sagt:

          Das habe ich jahrelang auch getan, es gab nichts, was an anderen Menschen böse oder an ihren Taten böse war. Ja, das hat einige Klimmzüge beim Umdeuten erfordert, und es war durch die Depression verursacht. Jetzt bin ich häufig mißtrauisch – was mir überhaupt nicht gefällt.

          • Gudrun sagt:

            Das sollte man auch nicht sein, mißtrauisch. Manchmal wird das Wort Freund immer ganz hochtrabend definiert. Man sollte jeden, der einen nicht Böses will oder egozentrisch sein Ding durchzieht auf Kosten anderer, als Freund betrachten. Wenn ich mir im Haus einfach so eine Zwiebel borgen kann, dann ist das sehr freundlich.
            Wahrscheinlich ist erst dann alles eine Bereicherung, wenn man ohne Mißtrauen an seine Mitmenschen herangeht. Ich würde nicht mit jedem in die Oper gehen. Und auch nicht mit jedem zur Demo oder in halbzerfallene Fabriken. Nicht jedem würde ich alles erzählen, aber einigen schon. DEN einzigen Freund gibt es wahrscheinlich nicht.
            (Ach, das diskutieren wir mal wieder im Sommer auf dem Balkon aus, gell?)

  9. Herbstbaum sagt:

    Eingedenk, daß es sich um eine Übersetzung handelt und ich die Originalaussage nicht kenne, gefällt mir die Verbindung „feiner Kerl“. feinfühlig – feiner Kern – Kerl, männlich, kraftvoll.
    🙂 Ein guter Joke gehört wohl in eine Abschiedsrede und gleichzeitg lese ich daraus Freude auf die Zeit danach, weil man Freunde hat.

    • Der Emil sagt:

      Es ist eine Wendung, die langsam aus dem Sprachgebrauch verschwindet: «feiner Kerl». Etwa so, wie «ehrbarer Kaufmann»

      Vielleicht (ich muß unbedingt weiterlesen) war es der berühmte vorgehaltene Spiegel?

      • Herbstbaum sagt:

        Ich empfinde den Ausdruck auch als einen aus alter Sprache kommenden, den ich aber noch kenne. Er ist ganz eindeutig positiv besetzt für mich.
        Viel Freude beim Weiterlesen!

  10. Margot sagt:

    Ich glaube, hier sind nicht die Freunde fürs Leben gemeint, sondern Menschen, die für ihn Sympathie empfinden. Für mich bist Du, lieber Emil, ein feiner Kerl, auch wenn ich Dich nur aus Deinen Zeilen kenne. Sie tragen aber Deinen Charakter zu mir und somit Sympathie. Deshalb kann ich auch, ohne Dich persönlich zu kennen, diese Zeilen schreiben. (ohne Heuchelei)
    Ein schönes Wochenende, liebe Grüße, Margot

  11. Sofasophia sagt:

    ich habe jetzt die anderen kommentare nicht gelesen, darum einfach spontan: wenn das so wäre, müsste ich der tollste und glücklichste mensch sein. 🙂

    ich bin nicht so sicher, wie dieser mensch im buch, die aussag gemeint hat. dein titel ist da schon ein bisschen „subtil manipulativ“. es ist ein spannender gedanke, auf jeden fall werde ich ihn weiterspinnen. danke für den input!

  12. ullli23 sagt:

    Kann ja sowohl quantitativ als auch qualitativ gemeint sein…

  13. hm, da hab ich mich jetzt selbst gefragt, bin ich denn ein feiner Kerl?? Vllt. glaubt das mancher Freund von mir, nur können die sich auch täuschen, und ich weiß, ich habe schon einige enttäuscht. eija, wünsch dir was und erholsames Wochenende. lg claus

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