Artikel 1 und 2: Träumen erlaubt (#278)

Anläßlich des vergangenen Feiertages:
Der Entwurf für eine Verfassung

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Träumen soll ja auch weiterhin erlaubt bleiben.

 

 

Der Verfassungsentwurf wurde im Auftrag des Zentralen Runden Tisches von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern aller am Runden Tisch mitwirkenden Parteien und politischen Bewegungen unter Einbeziehung von Verfassungsexperten geschaffen. Er wird der Öffentlichkeit zur Diskussion übergeben.

 
Präambel

Ausgehend von den humanistischen Traditionen, zu welchen die besten Frauen und Männer aller Schichten unseres Volkes beigetragen haben,

eingedenk der Verantwortung aller Deutschen für ihre Geschichte und ihre Folgen,

gewillt, als friedliche, gleichberechtigte Partner in der Gemeinschaft der Völker zu leben, am Einigungsprozeß Europas beteiligt, in dessen Verlauf auch das deutsche Volk seine staatliche Einheit schaffen wird,

überzeugt, daß die Möglichkeit zu selbstbestimmtem verantwortlichen Handeln höchste Freiheit ist,

gründend auf der revolutionären Erneuerung,

entschlossen, ein demokratisches und solidarisches Gemeinwesen zu entwickeln, das

Würde und Freiheit des Einzelnen sichert,
gleiches Recht für alle gewährleistet,
die Gleichstellung der Geschlechter verbürgt
und undsere natürliche Umwelt schützt,

geben sich die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik diese Verfassung.

 

I. Kapitel
Menschen- und Bürgerrechte

1. Abschnitt
Würde, Gleichheit, Freiheit, Solidarität

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist oberste Pflicht des Staates.

(2) Jeder schuldet jedem die Anerkennung als Gleicher. Niemand darf wegen seiner Rasse, Abstammung, Nationalität, Sprache, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, seiner sozialen Stellung, seines Alters, seiner Behinderung, seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung benachteiligt werden.

 

Artikel 2

Vor der öffentlichen Gewalt sind alle Menschen gleich. Jede Willkür und jede sachwidrige Ungleichbehandlung ist untersagt.

 

Arbeitsgruppe “Neue Verfassung der DDR” des Runden Tisches:
Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Entwurf.
© BasisDruck Verlagsgesellschaft mbH; Staatsverlag der DDR; Berlin, April 1990.
ISBN 3-8613-002-8

 

 

Sieh an, sieh an. Was da noch in meinem Regal steht.

Den Unterschied zum GG Artikel 1 sehe ich vor allem in diesem Satz: «Jeder schuldet jedem die Anerkennung als Gleicher.»

 

Wenn aus dem Entwurf Realität geworden wäre …

Wenn aus dem Grundgesetz per Volksentscheid eine Verfassung geworden wäre …

Wenn das Volk hätte über die Einführung des € abstimmen dürfen …

Wenn das Volk Gelegenheit gehabt hätte, sich für oder gegen den Vertrag von Lissabonn zu entscheiden (in seiner jetzt ausformulierten Kompliziertheit wäre er von des Volkes Mehrheit sicher abgelehnt worden) …

Wenn das Volk von seinen Abgeordneten Rechenschaft fordern könnte …

Wenn das Volk um seine Stärke wüßte …

Wenn das Volk nur ein Volk wäre: Dann klänge der Ruf schon längst wieder auf den Straßen:

Wir sind DAS Volk!

Und ich ahne, wer davor erzittern würde …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Oktober 2012 war die fertig produzierte Sendung. Ach ja: Versprochen, morgen kommt kein Gedicht, keine Meckerei und nix Politisches.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Artikel 1 und 2: Träumen erlaubt (#278)

  1. Follygirl sagt:

    Ist das nun ein Schreibfehler..dann sag ich nichts.. ist das nun eine Anspielung? auf TRÄNEN und GRÄMEN? oder ist das einfach ein Freudscher Verschreispsler?

  2. Sofasophia sagt:

    was wäre wenn?
    ein schöner text. der leider in sich doch nicht wirklich konsequent ist. er spricht von gleichberechtigung und lässt die frauen sprachlich aussen vor. so schade.

    in meinem deutschen jahr bin ich echt immer wieder total erschrocken wie genderunsensibel die deutsche sprache daher kommt. die frau kommt nirgends vor. all die rückmeldungen, warum das so sei, vor allem von frauen, haben mich mal für mal schockiert. da hiess es: wir sind eben selbstbewusst genug, wir frauen, um uns vom wort „bürger“ auch angesprochen zu fühlen. (heisst das, das wir frauen NICHT selbstbewusst genug sind?). ich behaupte: eine ausrede, weil sie sich nicht blamieren, exponieren oder gar lächerlich machen wollen. oder einfach abgestumpft sind.

    aber hallo? ich bin zwar weder deutsche noch bürger gewesen, kann darum nicht wirklich meine meinung dazu sagen … nach meinem alltag in der schweiz, wo selbst in öffentlichen printmedien in der regel beide geschlechter angesprochen werden (ausser in der werbung leider), war ich dennoch mal um mal schockiert – besonders darüber, dass es ausser mir niemanden zu stören schien und scheint.

    bei diesem an sich sehr kraftvollen überzeugenden text oben musste ich deshalb einfach wieder leer schlucken. zumal ja der kommunismus in bezug auf geschlechtergleichstellung schon eine gewisse „vorrreiterrolle“ gespielt hatte (meines wissens).

    ich bin mir bewusst, dass ich da immer wieder provoziere und (seltsamerweise auch besonders von frauen!) nicht verstanden und sogar belächelt werde, aber was solls. seltsamerweise bin ich in diesem punkt bei männern nachsichtiger, weil ich es von ihnen ja weniger erwarte. umso schöner, wenn sich ein mann (wie mein liebster) von sich auch gendersensibel verhält … (und das schon, bevor ich ihn kannte, wie alte texte zeigen).

    zu deinem text noch dies: basisdemokratie finde ich grundsätzlich genial. leider ist sie, wie es bei allen luxusgütern geschieht, irgendwann so selbstverständlich geworden, dass sie nicht mehr wirklich wergetschätzt wird. das heißt konkret, dass die schweizer stimmberechtigung nicht bei hundert prozent liegt, auch nicht bei neunzig oder so. ich glaube, durchschnittlich liegt sie bei knapp unter 50%! auch hierzulande gibt es viele, die frustriert sind und mit abstimmen und wählen aufhören, weil immer wieder ihre meinung eben nicht die der mehrheit war – doch genau diese stimmen fehlen dann für das realistische bild.
    aber ich bin sicher, würde in der schweiz diskutiert, das stimmrecht des volkes in bezug auf volksabstimmungen und auf wahlen der regierenden „kammern“ (die wiederum die bundesregierung wählen) abzuschaffen, wären alle dagegen. glaube ich jedenfalls.

    ich hoffe, für dein land auf eine einigung, auf eine lebenswerte entwicklung – da haben ganz viele was davon!

    herzlich, soso

    • Der Emil sagt:

      In vielem d’accord, aber als jemand, der Sprache mag und pflegt, finde ich diese -innen-Auswüchse ziemlich schrecklich.

      Es gibt das generische Maskulinum der deutschen Sprache, welches geschlechtsindifferent war und ist. Leider wird genau das von Feministinnen anders gedeutet (ja, “nur” gedeutet).

      Als Material zum Einlesen empfehle ich einen Artikel der Wienerin Ursula Doleschal aus «Linguistik online 11, 2/02».

      Aber ich glaube, das ist eine ziemlich akademische Diskussion 😉

      Im übrigen war zur Wende am Runden Tisch als Sprachgebrauch vereinbart, daß diese generisch männlichen Formen der Grammatik auch Personen weiblichen und anderen Geschlechtes benennen.

  3. Inch sagt:

    Habe ich mir auch aufgehoben, diesen Verfassungsentwurf

  4. Also, ich hatt mich zunächst ja nicht getraut, auch guck ich heut nicht den 2. Teil von dem Turm, weil auch schon die FAZ heut ja meinte, der Turm ist inzwischen überall, oder so ähnlich. Abär, ich kenn einen Witz, über den ich selbst schon bisschen lachen konnt. Nun gut, da du die Kommentare sowieso selbst erst kontrollierst, leg ich einfach mal los:

    Ein Pole, ein Türke, sowie ein Ost- und ein Westdeutscher haben bei einer Fee einen Wunsch frei. Da wünsch sich der Pole für sich und alle andern Polen einfach ein tolles Auto endlich vor die Haustür gestellt. Boah, ein Wunder, aber die Fee macht das klar. Ganz Polen ist happy, weil alle jetzt echt einen Super-BMW oder Merzedes vor zu Hause stehen haben. Was ein Jubel. Der Türke wünscht sich schließlich einen rischtich guten Harem. Auch nicht nur für sich, sondern für alle Türken. Jeder soll halt in den Genuß kommen dürfen. Gesagt, getan. Auch in der Türkei bricht, trütz aller andern Probleme großer Jubel aus. Da ist dann aber der Ostdeutsche an der Reihe, wie gesagt, ich hab den 2. Teil heut nicht eingeschaltet, weil ich ja weiß, wies ausgeht. Also, der Ostdeutsche wünscht sich angesichts der Lage wieder die Mauer zurück, und auch den Euro weg. Es sollt doch wieder so sein wie früher, vllt nicht ganz so, aber auch nicht mehr so schlimm wie heut.

    Da fragt die Fee den Westdeutschen: Ja, und was ist jetzt mit dir?? Sagt der, nunja, weil ich jetzt eigentlich schon einige meiner Sorgen los bin, muss ja keine Angst mehr um mein Auto oder meine Frau haben, auch finanziell gehts mit bald hoffentlich wieder besser, hätt ich gern einfach nen guten Cappuchino.

    ah, ich hoff, ich habs mir jetzt mir dir nicht verscherzt, den Witz hat sich vermutlich ein Westdeutscher ausgedacht, aber ich musst doch schmunzeln. Liebe Grüße, Claus aus Wiesbaden.

  5. nextkabinett sagt:

    Reblogged this on Rund um den Kabinettstisch und kommentierte:
    Eines der Motti von Germanys next Bundeskabinett: If I could dream … … Wenn ich träumen könnte … J’aimerais pouvoir rêver … Danke, bester Emil.

  6. snoopylife sagt:

    Ja, den Verfassungsentwurf ahbe ich auch noch. 1989 war ich zwanzig, und habe mir einiges erhofft von der Wahl am 18.3.90. Das Volk HATTE die Gelegenheit. Hätte nur sein Kreuzchen an anderer Stelle machen müssen. Sie haben es nicht getan. Seitdem erwarte ich mir vom „Volk“ nicht mehr allzu viel. Gruß in die Runde – Snoopy

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