Sprache, Melodien und Dialekt (#139)

Die Musik der Mundarten

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Sprachen, insbesondere Mundarten, sind wie Musik für mich. Stundenlang kann ich ihnen lauschen – und es ist mir dabei meist egal, ob ich tatsächlich verstehe, was ich höre. Mund-Art: das ist für mich auch Kunst, die aus den Mündern kommt.

Nach kurzer Zeit des Zuhörens erkenne ich die Melodie, die einem Idiom zugrundeliegt, die einen Dialekt bestimmt. Unabhängig vom Sprecher ist die erspürbar, aus dem Wortschwall filterbar.

Das Norddeutsche Plattdeutsch zum Beispiel: Hamburger Platt unterscheidet sich vom Mecklenburger nicht nur in den Worten und im Satzbau und der Aussprache bestimmter Lautkombinationen: Hamburger Platt fließt ganz anders als Mecklenburger Platt, beide sind sozusagen wie zwei verschiedene Beethoven-Sinfonien.

Oder wenn ich an das Kowwelenzer Platt denke: Es gab in dem kleinen Hotel am Entenpfuhl unten im Restaurant eine Wandmalerei mit einem Spruch (Mi Kowwelenzer Börjerschleit, mi trinn de Kupp stets huu! –keine Garantie für die richtige Schreibung). Und das, was in Kölln von alten Köllnern zu erlauschen ist: Köstlich.

Als kleines Kind wurde ich von meinen Eltern – Mutter Erzgebirgerin, Vater aus Pommern zugewanderter Mecklenburger – zu wirklich gutem Hochdeutsch angehalten. Erst mit dem Umzug aus dem Wismutkumpelort Schlema in ein benachbartes Dorf, mit dem täglichen Kontakt zu den erzgebirgischen Großeltern färbte sich meine Sprache erzgebirgisch.

Das Plattdeutsch habe ich sehr früh gelesen, schon zum Ende der ersten Klasse las ich Fritz Reuter (in Fraktur gedruckt) und habe mich köstlich dabei amüsiert. Die Mecklenburger Großeltern hatten seine gesammelten Werke im Schrank stehen.

Vielleicht war ich deshalb früher auch so gut in Russisch. Nachdem ich ein Semester lang im Studentenwohnheim einen Leningrader als Raumteiler hatte, war auch mein Umgangsrussich ganz gut (eine Moskauerin bezichtigte mich allerdings eines furchtbaren Leningrader Diaklektes – bis dahin wußte ich nicht, daß es auch im Russischen Dialekte gibt).

Selbst das Bayerische und Fränkische oder der mir nur aus einer Dokumentation über zwei alte Frauen und ihre Sägemühle bekannte Dialekt der Schwäbischen Alb haben in meinem Ohr, in meinem Geist ihre besonderen Melodien.

Und mit dem Schwäbischen verbinde ich immer die Erinnerung an Hank Häberle, einen Country-Musiker, der im schwäbischen Dialekt sang. So klingt das Schwäbische in mir eben nach ganz typischer Country-Musik.

Trotzdem bleibt mir das Hallesche Jemähre als selbstgesprochene Sprache fremd (und klingt in mir wie ein vom Leierkasten begleitetes Couplet). Das Erzgebirgische liegt mir im Blut, viele andere Mundarten auf der Zunge. Ich bedaure den schleichenden Verlust der Dialekte, das Verschwinden der regional begrenzten Mundarten.

Eine Folge des Mobilitätswahns. So, wie dieses unsägliche Denglish eine Folge der (falsch verstandenen) Globalisierung und Weltoffenheit ist. Mit dem Verlust des Idioms, der Mundart einher geht meiner Meinung nach nämlich auch ein Verlust der Identität, der Heimat.

Itze reichts oder aah. For heit is allis gesaht.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 17. Mai 2012 war schönes Wetter beim Spaziergang und ein herrlicher Sonnenuntergang.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Sprache, Melodien und Dialekt (#139)

  1. Herbstbaum sagt:

    Sprachen sind für mich auch Musikstücke, die ich gerne entschlüssele. Aufgewachsen in einem plattdeutschen Sprachgebiet in dem alle miteinander, aber nicht mit mir platt sprachen, bin ich Zuhörer geworden. Mit ca 4 Jahren habe ich der Gemeinschaft Kund getan, daß sie jetzt mit ihrer Geheimsprache aufhören könnten, ich könne sie jetzt verstehen. Was sie nicht taten 😉 und so habe ich einen Sprachenmix behalten. Sie sprechen ihre Muttersprache und ich antworte in meiner Sprache, die keine Muttersprache ist.

  2. Follygirl sagt:

    Den Film kenne ich, fand ich sehr interessant..so ein ganz anderes Leben.. (verstehen kann ich auch fast immer, nicht alles, aber es reicht immer für die Zusammenhänge)
    Ja, leider die alten Dialekte sterben aus, Platt wird auch hier nicht mehr gesprochen…
    LG, Petra

  3. minibares sagt:

    Ich war in meiner Kindheit und Jugend öfter an der Mosel.
    So habe ich mir auf dem langen Schulweg Sätze in deutsch, englisch und Moselanisch gesprochen. Das hat echt Spaß gemacht und den Weg irgendwie verkürzt.

  4. april sagt:

    Es ist so eine Sache mit dem Dialekt. Hier in Köln gilt das Kölsche als Sprache der einfachen Leute, der niederen Bildungsschichten und wer möchte schon dazu gehören? Ich aber finde es sehr schade, dass es auszusterben scheint. Meine Söhne können es schon nicht mehr (ich noch, durch meine geliebte Großmutter mütterlicherseits), aber es wird nicht mehr gesprochen. Allerdings ist unser Hochdeutsch sehr rheinisch gefärbt (Kölsch met Knubbele). Ich würde es eher umgekehrt bezeichnen: Hochdeutsch mit Knubbeln.
    Auf der anderen Seite gibt es natürlich Bestrebungen, ‚unsere‘ Sprache lebendig zu erhalten: das Hänneschen-Theater (Stockpuppen), die ganzen Typen und Bands im Karneval und auch sonst, die du sicher auch kennst: Bläck Föös, Höhner, Brings, BAP, …
    Nun wird’s zu lang hier mit dem Kommentar. Maach et joot 😉

  5. Gabi sagt:

    Dialekte finde ich interessant, nur leider kenne ich mich zu wenig aus.
    Hast Du auch ein bisschen Erfahrung mit österreichischen Dialekten?
    LG Gabi

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