Dialektik (#138)

Glaucha’sche Hochadelssprache und Giebichensteiner Zungenschlag

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Es gibt keinen sachsen-anhaltinischen Dialekt. Alleine in Halle an der Salle sind meines Wissens viele ursprüngliche “Sprachen” bekannt. Es gab u. a. das Giebchensteiner und den Glaucha’schen Hochadelsdialekt (Glaucha war früher der Vorort der Gesetzlosen). Und natürlich Rottwelsch.

Spätestens mit der Besiedelung von HaNeu und anderer Neubaugebiete in Halle selbst vermischte sich alles weiter. Bis auf ein allgemeines Verschleifen und Verschlucken und eine gewisse Weichheit in der Aussprache und eine übliche Nörgeligkeit sind nur wenige Eigenheiten noch feststellbar.

Allerdings habe ich bewußt einige alte Hallische Worte eingebaut: die Ische (Mädchen, Freundin, weibliche Person), der Scheeks (Kerl, Freund, männliche Person), maiumen (regnen) und schmuhsen (sprechen, quatschen, reden). Noch etwas ist wohl typisch für Halle: Jede und jeder wird mit “Meine” oder “Meinor”angesprochen, zumindest zur Begrüßung und zum Abschied.

 

Nu gugge mah, siehst ooch immer de selwen, die hier sitzn duhn. Jrade hier vorm Bahnhof.

Un wennde jenau hinguggn duhst, siehste ooch de Underschiede. Da sinn de Drinker, dortn de Dschankiehs, hier haste de Banker mid ihre buntn Haare.

Das da? Das Pärchn dort? Die sinn gehn Pärchn.

Nee, de Ische gommd von Jiebchensteen, hat nu ooch gehn mehr un seid e paar Wochn is dor Fernseher ooch noch kaputtjegangn. Nu sitztse immer da.

Un der Scheeks danehm, das is der – nu, den gennsde ooch. Den genn’n viele in dor Stadt, der hadde ja immer is Obdachlosnblatt vertriehm. Ja, dem jehts awor janz bescheidn.

Wär ich bin? Ooch eener, der stännich hier is. Jeld willch nich hamm, lassema steggn. War schon scheene, das De mit mir hast ma jeschmuhst.

Mache jut, Meinor! Un Haubdsache is maiumt nich seehre!

 
 

Oh Gott. So ähnlich habe ich gestern einen kleinen Vortrag belauscht, als am Bahhof ein ortsansässiger Trippelbruder einen gerade angereisten kurz unterwies. Den hiesigen kenne ich seit Jahren. Ich nehme mir immer wieder mal Zeit für einen kleinen Plausch mit ihm.

Auch mit anderen pflege ich immer wieder Kontakt zu halten. Einen habe ich Ende 2011 mehrmals wöchentlich auf der Überwachungsstation besucht: Eine Lungenembolie und ein Darmverschluß hatten ihn dann sogar über Weihnachten zum Dortbleiben gezwungen.

Manchmal bekomme ich dann eben solche Ansagen wie: Nein, kein Geld. Es ist viel wichtiger, daß jemand mit uns spricht.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 16. Mai 2012 war der an mir vorübergegangene, heftige Regenschauer – ich stand mitten auf einem Feld und 50 m weiter pladderte es gewaltig.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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22 Kommentare zu Dialektik (#138)

  1. Follygirl sagt:

    „Meinor“..klingt irgenwie ungewohnt…das kannt ich noch gar nicht… überhaupt eine teilweise unbekannte Sprache da bei Dir.
    Oh… wat reunt de Osnik?–Ich muß dann erst los.
    LG,P.

    • der_emil sagt:

      wat reunt de Osnik – reunt: zeigen, schauen? Osnik: Uhr. Klingt nach Platt, Saarländer Platt?

      • Follygirl sagt:

        Oh nein.. das ist Masematte…wird in Münster gesprochen von den Ganoven!
        Wobei das münsterländer Platt auch sehr ausdruckstark ist..
        „wu laat häv wi dat?“ der gleiche Satz in Platt (wobei ich nicht weiß ob er ríchtig geschrieben ist, so spricht es der beste aller Ehemänner, he kümpt vom Dorp…)
        Jetzt haben wir gerade viel Spaß, um die Antwort zusammenzustoppeln…

  2. Herbstbaum sagt:

    Ich höre und lese gerne andere Sprachen und Dialekte. Die Frage, ob Geld wichtiger ist als menschlicher Kontakt, beschäftigt mich auch gerade in einem anderen Zusammenhang.

    • der_emil sagt:

      Geld … Ich bin eher für direkte Begegnung. Wenn, dann helfe ich mit Tat und nur äußerst selten mit Geldspenden. Irgendwann schrieb ich schonmal: Selbst Geburtstagsgeschenke sind oft von mir versprochene Hilfestunden beim Bügeln, Kochen, Putzen, Tapezieren, Autowaschen, Rasenmähen usw. usf.

      Geld kann einfach nicht wichtiger sein als der menschliche Kontakt. Es kann nicht …

  3. Frau Momo sagt:

    Ich verstehe nur Bahnhof 🙂 Obwohl ich mal eine Freundin in Glauchau hatte.
    Das Reden oft wichtig ist, erleben wir auch, wenn wir Weihnachten in der Obdachlosentagesstätte ehrenamtlich dabei sind. Leider immer nur Weihnachten, weil uns sonst einfach die Zeit fehlt, aber da werden immer besonders viele helfende Hände gebraucht, weil es auch dort dann besonders schön zugehen soll. Ich komme so im Alltag aber oft mit meinem Stammverkäufer des Obdachlosenmagazins ins Gespräch, kenne seine ganze Lebensgeschichte und er gehört einfach zu meinen Runden durch’s Viertel.

  4. Elvira sagt:

    Schade, dass Du das nicht vertont hast! Aber so hatte ich die Chance, es mehrere Male zu lesen, bis sich der Sinn langsam erschloss.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  5. Amelie sagt:

    Schnongse ist noch ein typisch Hallenser Wort für mich :o)

    Ich habe Deine Niederschrift mit Vergnügen gelesen. Ja so reden sie, die Hallenser und Hal(l)unken.

    • der_emil sagt:

      Ick hebb dat platt snacken liernt (pommersch un meckelbörgisch), Berlienahn kann ick ooch. Und so geht es mit vielen Dialekten. Aber dieses Hallische Gemenge, das will nicht richtig klappen.

      Schnongse, Kleechen und Toffeln und noch viele mehr …

  6. Sofasophia sagt:

    hab überlegt, ob ich den text in meinen heimatdialekt übersetzen soll. wäre auch mal was. ich verstehe lesend fast alles, als schweizerin. aber du würdest wohl mein schweizerdeutsch nicht verstehen? *lach* oder doch?

  7. der_emil sagt:

    Ach Du Schreck! Ich hab mir grad die Übersetzung angesehen – grauenhaft, zumindest für die Mundart. (Ich gebe zu, ich habe über die Unzulänglichkeit der Übersetzung herzhaft gelacht.)

  8. Gudrun sagt:

    Also, Meinor, ich danke dir für deinen Beitrag.
    Als eine Wirtin mich mal vor einiger Zeit verabschiedete: „Mach’s gut, Meine.“, war ich etwas verwirrt. 😀

  9. Li Ssi sagt:

    suppi, als ich den text las, „hörte“ ich eine gute bekannte von mir schwatzen… super hingekriegt – das ist das eine- das andere ist, dass es mich freut, dass du in kontakt gehst- in berlin hatte ich auch so meine „freundInnen“ der straße, da gab es flüstertüte… die schon morgens vor dem laden auf mich wartete und mir immmer zuraunte: „mäuschen… mäuschen… hastde ma ne kippe?“ – später waret dann milch oder seife, die sie im cefe nebenan verhökert hat. und dnn, plötzlich, ward sie nie mehr geshen. seltsam war das. und niemand wusste…

  10. Li Ssi sagt:

    verzeih meine vielen tippfehler, bissken schnell abgeschickt… nur für heute ;o)

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