Reisen (Nº 286 #oneaday)

(Auch) Ein Lebensentwurf?

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Kurt Tucholsky

Die Kunst, richtig zu reisen

(Schlußteil aus «Die Kunst, falsch zu reisen»)

Entwirf deinen Reiseplan im großen — und laß dich im einzelnen von der bunten Stunde treiben.

Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt — sieh sie dir an.

Niemand hat heute ein so vollkommenes Weltbild, daß er alles verstehen und würdigen kann: hab den Mut, zu sagen, daß du von einer Sache nichts verstehst.

Nimm die kleinen Schwierigkeiten der Reise nicht so wichtig; bleibst du einmal auf einer Zwischenstation sitzen, dann freu dich, daß du am Leben bist, sieh dir die Hühner an und die ernsthaften Ziegen, und mach einen kleinen Schwatz mit dem Mann im Zigarrenladen.

Entspanne dich. Laß das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.

Kurt Tucholsky: Lerne lachen ohne zu weinen. Ausgewählte Werke Band 5, S. 558 f.
© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1960.
Berechtigte Lizenzausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin.
Printed in the German Democratic Republic. L.N. 302, 410/202/81
 
 

 

So schrieb Tucholsky 1929.

Wenn ich nun im ersten zitierten Absatz eine winzige Änderung vornähme? Wenn ich dort sagte (Konjunktiv): “Entwirf deinen Lebensplan im großen …” und im vierten Absatz “Nimm die kleinen Schwierigkeiten des Lebens nicht so wichtig …” und in den Überschriften das Wörtchen “reisen” jeweils durch “leben” ersetzte — wird das Wort des großen Dichters dadurch falsch?

Nicht in meinen Augen und Ohren. Ganz im Gegenteil, besonders in diesem Textstück scheint die Reise meiner Meinung nach nur eine Metapher für das Leben zu sein. Oder liege ich mit meiner Meinung da völlig falsch?

Experiment: Ich versuche in Zukunft so zu leben, wie es der von mir geänderte Text fordert und zuläßt. Ganz so, wie ich das schaffe. Und ich werde mich nicht grämen, falls es nicht 100%ig funktioniert.

Aber versuchen will ich es!

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 12. Oktober 2011 war ein rundum gelungener Besuch in einer Kirche, der von der übenden Organistin gekrönt wurde.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Reisen (Nº 286 #oneaday)

  1. Inch sagt:

    Also grundsätzlich versuche ich so zu reisen, wie oben beschrieben. Auf’s Leben kann man das natürlich auch beziehen. Nur ist es da manchnmal schwierig, die kleinen Dinge des Lebens nicht wichtig zu nehmen. Die erscheinen doch manchmal übermächtig groß, so sehr wir auch versuchen, sie nicht wichtig zu nehmen. Am Besten scheint mir aber, gelingt das, wenn man in der Gegenwart lebt. Ich mache mir grundsätzlich keine Sorgen über das, was kommt. Was mir manchmal vorgeworfen wird. Weil ich eben erst über Lösungen nachdenke, wenn die Probleme, Hindernisse oder was auch immer da sind. Das ist wahrscheinlich angeboren. Keine Ahnung.

  2. sucherin sagt:

    Mir gefällt die Idee Reise und Leben auszutauschen. Das Leben ist eine Reise und eine Reise ist Leben. Von daher passt es. Liebe Grüße

  3. anniefee sagt:

    Schönes Vorhaben, schöner Text.

  4. Elvira sagt:

    Es ist das Leben, zweifelsohne!

  5. Gudrun sagt:

    Neulich habe ich bei einer Bloggerin gelesen: Wir sind nur auf der Durchreise.

    Liebe Grüße von der Gudrun

  6. „wird das Wort des großen Dichters dadurch falsch?“ Das glaube ich nicht. Vielmehr nehme ich an, dass es den Dichter sehr freuen würde, wenn er Dich inspirieren konnte. Niemand hat den perfekten Lebensplan. Jeder kann nur aus seiner kleinen Warte Ideen dafür entwickeln. An jedem selbst liegt es dann, die weiteren Schritte für sich zu finden. Und dass das nicht bei allen Menschen die gleichen Schritte sind … na, zum Glück!

    Ich würde ja wetten, dass Tucholsky, wenn er Deine Worte liest, seine Arme verschränkt, kurz überlegt, dann anfängt zu nicken, lächelt und Dir eine gute Lebensreise wünscht! ;o)

  7. *Eva* sagt:

    Und noch ein großer Dichter hat über den Versuch zu leben geschrieben: Rilke

    „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
    die sich über die Dinge ziehn.
    Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
    aber versuchen will ich ihn. ….“

    Hier geht es zum vollständigen Gedicht:
    http://rainer-maria-rilke.de/05a002lebensringe.html

    Viel Glück !

  8. ja, schöne Verse. und du stellst dir auch immer wieder neue interessante Aufgaben, forderst dich sozusagen selbst, gegen die Verzweifelung.

    Mir fällt das ja eher schwer. mich selbst unter Druck zu setzen. ich bin überhaupt nicht diszipliniert. oke, berufsmäßig gehts vllt so einigermaßen, aber wg mir selbst mach ich nicht son Stress.bin ja froh, dass ich einfach so mal locker vom Hocker den Kommentar schreib. denn das tolle ist, also hab ich festgestellt, man muss sich auch selbst vertrauen können, wenn mans laufen läßt. einfach so undiszipliniert.

    wobei, jetzt denk ich schon wieder?? was schreib ich denn da? ah ich

  9. Pingback: Der Emil – Reisen (Nº 286 #oneaday) und Triloff | Urlaubsministerium & Botschaft für Reisewelten

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