Sieben Uhr (Nº 179 #oneaday)

Vergebene Chance?

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Sie sitzt einfach da auf der Bank und heult. Nicht sehr laut, nur so, daß ich es beim Vorbeigehen grad eben noch hörte. Früh kurz vor drei. Bis zur Straßenbahnhaltestelle sind’s noch knapp 200 Meter und genau sechs Minuten Zeit. Sie schluchzt. Ich kehre um.

“Guten Morgen. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?” Sie schaut auf und sieht mich: ganz in schwarz, wirrer Vollbart, schwarzes Kopftuch. Sie schnieft und zuckt mit den Schultern. Tränen laufen über’s Gesicht, das einer vielleicht 35-, 40jährigen Frau gehört.

Sie ist vernünftig angezogen, scheint auch nicht volltrunken zu sein. Ich versuche es auf englisch: “May I help you? Have you got any problem?” “Ich kann kein Englisch …” Also frage ich nochmal, ob ich helfen kann. Noch drei Minuten, dann fährt die Bahn, und die nächste im Nachtverkehr kommt erst 4.03 Uhr.

“Gut. Kann ich Ihnen helfen?” Sie weint noch immer, und die Straßenbahn fährt vorbei. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich warte. Stehe immernoch anderthalb Meter von der Bank entfernt und dreh‘ mir eine Zigarette. “Kann ich auch eine?” fragt sie. Und ich drehe eine zweite. Dann gehe ich näher ran und reiche sie ihr, und ich gebe ihr auch Feuer.

Beim Rauchen erzählt sie mir, daß sie jetzt etwa eine Stunde hier sitzt und noch niemand sie angesprochen hat. Dabei ist sie nicht schmutzig, nicht betrunken und überhaupt. Vorhin rannte sie zur Bahn und ist dabei umgeknickt. “Und jetzt tut der Fuß höllisch weh, ich trau mich nicht aufzustehen und weiß nicht weiter.” Ein Handy hat sie auch nicht und auch kein Geld fürs Taxi.

“Aber Ihr Portemonnaie haben Sie mit?” Ja, das hat sie dabei. Ich biete ihr an, daß wir mit der nächsten Straßenbahn bis zur Uniklinik fahren könnten und sie dort ihren deutlich geschwollenen Fuß untersuchen lassen kann. Die zehn Euro Gebühr darf sie ja später zahlen, wenn sie die nicht dabei hat. Krankenkarte, Personalausweis, Monatskarte für die örtlichen Verkehrsbetriebe sind tatsächlich alle im Portemonnaie. Und es muß auch niemand benachrichtigt werden, sie lebt alleine.

“Gut. Dann gehen wir jetzt langsam zur Haltestelle. Ich fahr mit Ihnen zur Notaufnahme und warte, bis Sie etwas Genaueres wissen. Zur Not können sie dann noch mit meinem Telefon irgendjemanden anrufen.” Tragen kann ich sie aber die zweihundert Meter nicht, also lege ich meinen Arm um ihre Hüfte und sie ihren auf meine Schultern. Auftreten kann sie nicht.

Dann hüpfen wir durch die Nacht zur Haltestelle, rauchen, sprechen über Gott und die Welt, damit die Zeit vergeht. Ich helfe ihr in die Bahn und von der Bahn zur Notaufnahme. Hoffentlich dauert es nicht wie bei mir vor zwei Jahren mehrere Stunden. Nein, sie meldet sich an, während ich mich in einige Entfernung zurückziehe. Sofort wird sie mit einem Rollstuhl zum Röntgen gefahren.

Ich warte lesend. Nach einer Weile wird sie im Rollstuhl wieder in den Wartebereich gebracht. “Nur verstaucht. Und ich durfte auch schon telefonieren, meine Tochter holt mich in etwa 20 min ab.” “Dann geh ich jetzt zur Bahn, die fährt in etwa zehn Minuten. Gute Besserung und: Kommen sie gut nach Hause.” Sie schaut mich mit großen Augen an. Ich nehme meinen Rucksack und geh zur Tür. Ehe die sich wieder schließt, höre ich noch ein leises “Vielen Dank übrigens. Und vielleicht …”

Keiner von uns weiß, wie der andere heißt. Ob ich sie in der Stadt wiedererkennen würde?

Ich bin müde. Wenn alles gutgeht, liege ich morgens um sieben Uhr im Bett.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

179 / 365 – One post a day (WP-count: 600 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Sieben Uhr (Nº 179 #oneaday)

  1. geknipselt sagt:

    Sie wird DICh wiedererkennen! Schnüfff….

  2. ladyschaft sagt:

    Also falls ich mal eine nächtliche Bank zum Weinen brauche, such ich mir eine in Deiner Nähe aus 😉

  3. fudelchen sagt:

    Immer hilfsbereit und gerade m richtigen Ort und ich denke ebenfalls, dass sich dich wiedererkennen wird !!

    GLG Marianne ♥

  4. Veit Keller sagt:

    Solche Geschehnisse sind genau das, warum man „immer“ offenherzig und hilfsbereit sein muss! Wenn man nichts erwartet, kommt alles von selbst 🙂

  5. kreadiv sagt:

    Weißt Du, was ich zuerst gelesen hab? Die Frau hätte einen Vollbart, da hab ich mich doch etwas gewundert 😉 Das kommt vom schnellen Lesen.
    Toll reagiert von Dir, würde ich sagen! Gut und tröstlich, dass es noch hilfsbereite Menschen gibt 🙂

  6. Pantoufle sagt:

    die Guten treffen sich immer zwei mal

  7. colorsigns sagt:

    ob nun fiktiv oder wirklich, zur geschichte ist ja schon alles oben gesagt,
    noch bin ich am abzählen der worte ( 600 ) wo steht bei dir
    die nächste bank ?

    • der_emil sagt:

      Die nächste Bank? Gleich 50m um die Ecke, mitten im Grünen …

      (Ich laß WP zählen, wollte mal unter 300 Worten je Beitrag bleibe. Manchmal schaff ich’s. LibreOffice zählt sogar 630 Worte …)

  8. bauchundnase sagt:

    Jeden Tag eine gute Tat!

    Mir fehlen die Worte! Hach! Alles was mir einfällt klingt profan.
    Nur eines: wenn ihr beide wollt, dann werdet ihr euch wieder sehen, denn du weißt doch: man trifft sich immer zwei Mal im Leben!

  9. Ilona Form sagt:

    Moin Emil, sniif, soviel zum „Versager“ !!!! Bist ein ganz toller Mensch. Ach hoffentlich bist
    Du das nächstemal in der Nähe,wenn ich mich wieder mal langlege;;;;;
    Danke Emil !!!!! schnüüff Ilo.*******

  10. Gut gemacht! Das meine ich ehrlich. Ist leider so, dass die Menschen sich tot stellen oder wegschauen. Als mein Mann mal vor Jahren einem schreienden Mädchen, dass von einem Mann verfolgt wurde, zu Hilfe eilte, schauten alle aus dem Block, in dem wir damals lebten, zu. Und am nächsten Tag fragten mich alle, was denn los gewesen wäre. Aber nicht einer hatte auch nur die Idee, wenigstens mal bei der Polizei anzurufen.
    Und als ich vor drei Jahren die Polizei rief, weil meine 84 jährige Nachbarin um Hilfe schrie und die Tür dann von der Feuerwehr aufgebrochen werden musste, kamen am nächsten Tag nur Beschwerden über den ruhestörenden Lärm nachts zwischen 2 und 6 Uhr.

  11. Das ist eine schöne Erzählung! Und weißt Du was? Wenn sie das nächste Mal jemanden sieht, der in Not sein könnte, wird auch sie stehen bleiben und helfen, wenn es geht.

    Das hast Du prima gemacht!

  12. Gudrun sagt:

    Ich glaube, du bist in Halle zu finden, wenn man das denn will. Unauffällig bist du ja nicht gerade, lieber Emil.
    Weißt du, es ist einfach schön, dass es Menschen wie dich gibt.

    Liebe Grüße

  13. Vallartina sagt:

    …..Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen. ….
    Na, davon schleichen muss Du wirklich nicht, Emil!
    Gerne gelesen, weil gut geschrieben! Danke und Gruss

  14. colorsigns sagt:

    du
    danke , es ist der vorletzte Tag im Urlaub . Du hast mir eine sehr große Freude gemacht ich habe dir unter deinen Kommentar bei mir noch
    eine Kleinigkeit dazu geschrieben.
    Ich möchte dich noch etwas Fragen
    soll ich meine Seite schließen ? Danke das Du ein Freund bist.

    Christin

  15. danny sagt:

    Ich finde deine Geschichte sehr schön. Auch das du einfach so geholfen hast ist sehr bemerkenswert. Viele andere sind mit Sicherheit einfach vorbei gegangen.

  16. tolle Geschichte 😉

  17. mayarosa sagt:

    Edler Samariter. Wow. …. und wie wäre es denn, wenn du zu dir selber mal so milde, geduldig und hilfsbereit bist, wie zu fremden Frauen mitten in der Halleschen Nacht? Ist ja alles da. LG

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