Wie Mann Unvermögen lyrisch verarbeitet
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Vor einiger Zeit hatte ich Lyrik aus DDR-Zeiten vorgestellt. Heute möchte ich das fortsetzen.
Nicht ganz ohne Grund, denn am Sonnabend auf dieser Geburtstagsfeier konnten die anderen Anwesenden und ich feststellen, daß wir die in Kindergarten und Schule gelernten Lieder noch immer (mit-)singen können. Und ich erinnerte mich am Sonntag Abend an etwas.
Dieses Gedichtchen löste bei mir Erstaunen aus:
Wald erleben
Hier haben wir nichts zu bestimmen
Die Bäume wachsen, wie sie wollen. Schonungslos
Steht über ihnen, die bald Stumpf sind
Der lange Rauch. Wie schön
Wir können uns nicht verlaufen, Gretl
Nur unsre Füße beben plötzlich
In den Stadtschuhn. Und du
Bindest ab die Uhr
Läßt runter den Himmel, verblichene JeansDoch ich kann nicht
Mehr im FreienAutor: Ralph Grüneberger, zitiert aus Temperamente. Blätter für junge Literatur. 4/1985 Verlag Neues Leben Berlin (DDR)
Im Büchlein liegt ein Zettel vom 10. Dezember 1985:
Die Natur wird als etwas vom Menschen unabhängiges genannt. So weit, so gut – und der Mensch soll auch nicht immer alles zu lenken versuchen.
Warum aber auf die Vergänglichkeit angespielt wird, grad so, als wär der Mensch dran Schuld?
Mit den richtigen Einstellungen kann man sich auch nicht verlaufen, denn man hat ja ein Ziel vor den Augen. Auch, wenn es neben oder hinter einem herläuft …
Ich verstehe aber nicht, warum im zeitlosen Zustand dann eine heruntergelassene Hose dem Himmel gleichgesetzt wird.
Und warum will der Dichter mehr im Freien können?
So notierte ich …
Hey, damals war ich 22 Jahre alt. Meine Fehlleistungen kann ich also nicht auf meine jugendliche Unerfahrenheit schieben.
Heute sehe ich in dem Text sicher etwas anderes. Denn auch die Anspielung vestehe ich jetzt: «… kann nicht mehr …»
Aber der Text, er berührt mich noch immer. Ist nicht in die Bedeutungslosigkeit zurückgesunken, korrespondiert vielmehr mit einem Gedicht, daß ich gestern erst las: erste Liebe, das herbst.zeitlosen in ihrem Blog Resignative Reife veröffentlichte. Denn auch in dem geht es auch um den Ort des Geschehens …
(Der Blog ist übrigens – zumindest für lyrikaffine Leser – meiner Meinung nach eine empfehlenswerte Adresse mit feinen Texten.)
Und mit dieser Empfehlung verabschiede ich mich diesmal.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
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wie interessant – ich habe gerade in Ralph Grüneberger’s Wikipedia gelesen: „1994: Stipendium des Landes Niedersachsen Künstlerhof Schreyahn“, im Wendland, gleich hier um die Ecke ist das.
Die Zeilenverschiebungen machen das ganze so schön mehrdeutig, daß man sich eigentlich gar nicht festzulegen braucht, ich finde auch die Option hübsch, Gretl bebe in den Stadtschuhen. Für meinen Geschmack gehen die meisten Menschen an Lyrik viel zu ernsthaft heran. Das mag vielleicht manchem Autor auch wirklich so ernst und eindeutig gewesen sein, aber sobald man mal aus der Schule heraus ist, wo im Lehrerheft die einzig wahre Interpretation vorgegeben ist, darf man denken, was man mag.
Ja. schön mehrdeutig. Und mein Zettelchen dazu – was hatte ich damals für eine Schrift!
Hach …
das mit der jeans ist für ddr-zeiten doch sehr revolutionär, oder? Ich bin ja selbst nur baujahr ´85 aber glaube jeans waren eher ein westprodukt nicht? Weiß aber das die stilnote des verblichenen einer art rebelion entsprechen und der himmel als religiöses erkannt wird – und das religöse als solches nicht sehr gefragt war in der ddr.
Insgesammt finde ich das es um allgemeine unabhänigkeit geht in dem text. die zeit wird abgelegt, die natur macht was sie will und man selbst läßt auch die hose runter – seine maske – oder eher, weil man in den see springen will um sich frei zu fühlen 🙂
Sogar in der JuMo gabs Wisent … und Boxer. Allgmein bekannt war, daß 90% der Wisent-Produktion zu Levi’s wurden …
Unabhängigkeit – ja, auch 😉
ich bin total baff. Das ist ein Gedicht der Freiheit.
„Doch ich kann nicht / Mehr im Freien.“
Der Zeilenumbruch macht’s möglich.
„Läßt runter den Himmel, verblichene Jeans “
*lach* oder *wein*
Und du – warst damals sehr beflissen in der Interpretation, herrlich!
Danke für diese Entdeckung!
Ja – und ich las erst Deine "erste Liebe" und nahm mir dann das alte Heftlein vor (ich sortiere grad mal wieder meine Schränke aus). Paßte irgendwie zusammen 😉
Manchmal kommt es mir vor als, wenn die alten Zeiten schon hunderte Jahre her sind.
Ich bin in der ehemaligen DDR geboren,aufgewachsen ,gearbeitet und gelebt.
Ich erinnere mich gern wie wohl jeder an seine Jugendzeit , aber das Jetzt ist so stürmig das mir kaum Zeit bleibt an schöne-mehr oder weniger-^^ vergangene Zeiten zu denken .
Wünsch Dir einen schönen Montag !
😉
Ich finde den Text beänstigend. Das gefällt mir nicht, wie kommt sowas!? Ich kann auch immer noch die ersten Gedichte und Lieder auswendig, aber nur die Positiven *grins*!
Liebe Grüße
Angie
Beängstigend?
Das kann ich nun überhaupt nicht verstehen. Aber Du hast bestimmt andere Erfahrungen gemacht … vielleicht deshalb.
Heutzutage les ich den Text mit einem Schmunzeln.
das Beängstigende ist vielleicht die besondere Wahrnehmung des Schicksals der Bäume? Zerstörung und Erotik so scheinbar gleichgültig miteinander verquickt könnte aus dem Mund eines „Hänsls“ eine sensible, naturliebende „Gretl“ dazu bringen, mental auf den Fersen ihrer Stadtschuhe kehrt zu machen.