18. Türchen: Einen Glühwein noch

Da am Rand des Weihnachtsmarktes sitzt er, auf einem langsam durchweichenden Pappkarton. Trotz seiner Pelzmütze und der dicken Jacke hat er ein ziemlich durchgefrorenes, bläuliches Gesicht. Es ist der Tag vorm vierten Advent.

Keiner weiß, wie lange er schon dasitzt. Niemand beachtet ihn wirklich. Diesen alten, wahrscheinlich versoffenen Bettler hinter der Blechdose mit den wenigen Münzen. Er spricht ja auch niemanden an.

Wenn dann doch einmal jemand im Vorbeigehen ein wenig Kleingeld herabfallen läßt, öffnet sich sein Mund vorsichtig zu einem Lächeln. Die Lachfalten um die Augen herum überdecken für einen kurzen Moment alle Sorgenfalten. Zumindest alle die, die nicht hinter seinem zerzausten Bart versteckt sind.

Da bleibt jemand stehen vor ihm. Eine ältere, nein, eine alte Frau, die auch nicht nach Reichtum aussieht. Sie kramt in ihren Taschen, holt ein Zwei-Euro-Stück heraus. Dann geht sie mühsam in die Knie, ist mit dem Mann auf Augenhöhe, als sie das Geld in seine Büchse legt.

Erstaunt, überrascht stammelt der Bettler ein “Dankeschön!” Die Frau hält ihm die Hand hin und meint, daß sie beide jetzt mal aufstehen sollten. Er packt die Münzen aus der Dose in seine Hosentasche und erhebt sich. Sie sieht ihn von untenherauf an.

“So alt bist Du ja auch noch nicht” meint sie, als sie sich mit seiner Hilfe wieder aufrichtet, “ich könnt ja Deine Mutter sein. Räum die Pappe weg, nimm Deine Sachen. Los, komm mit.”

Und dann führt sie ihn, der neu in der Stadt ist, zur Stadtmission, zum Mittagstisch. Und sie wartet auch, bis er frisch geduscht und gekämmt wieder zum Gehen bereit ist. Sie erklärt ihm einiges, erzählt von sich und erwartet nicht, daß er spricht.

Drei Stunden lang begleitet sie ihn. Zeigt ihm die für Arme wichtigen Punkte. Schließlich stehen sie wieder am Rand des Weihnachtsmarktes, “Ach komm, einen Glühwein noch bezahl ich uns.” Er folgt ihr mitten ins Getümmel, wärmt sich schließlich wie sie die Hände am heißen Becher.

Doch nach einer Viertelstunde ist der Glühwein getrunken. Die alte Frau stellt ihren Becher neben seinen. “Gib Du mal ab, dann hast Du noch vier Euro dazu. Ich wünsche Dir frohe Weihnachten und wirklich schöne Feiertage. Vielleicht treffen wir uns mal in einer Kirche.”

Dann ging sie langsam, mit dem für alte Frauen so typischen Gang davon.

Meinen Weihnachtsengel habe ich in der kurzen Zeit, die ich in XXXXX war, nicht mehr getroffen. Das Weihnachtsfest aber wurde wirklich ein gutes.

Danke fürs Lesen – und habt eine besinnliche Zeit.

© 2010 – Der Emil

Über Der Emil

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0 Kommentare zu 18. Türchen: Einen Glühwein noch

  1. Gisi sagt:

    Unglaublich schön geschrieben,
    mir kommen die Tränen, ja,
    weil es so viel Leid und Hilflosigkeit
    auf dieser unserer Welt gibt!

    Ist doch Scheiße, oder!!!

    Ich wünschste mir mehr Zusammenhalt,
    für alle!

    Danke Emil…und ich weine weiter.

  2. Bine sagt:

    Ja lieber Emil, auch mir sind gerade die Tränen im Augen.
    Es gibt viel zu viele egoistische Menschen auf dieser Welt.
    Leider, wie du auch weißt kenne/kannte ich einen davon recht gut.

    Ich wünsche euch allen hier ein wundervolles Weihnachtsfest
    mit viel Ruhe, Frieden, Besinnlichkeit und Herzensgüte.

  3. Audrey sagt:

    Wunderschön!

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  5. dergrund sagt:

    Eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte! Danke Dir sehr dafür!

  6. nextkabinett sagt:

    Ja, sehr anrührend und sehr ehrlich. Lieber Emil, Paul Celan sagt: „Die Kunst erweitern? Nein. Sondern geh mit der Kunst in die deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“
    Ich denke, Du bist auf einem guten Weg.

    LG,
    Renate

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