Mein Gehalt steigt, ich habe es zu etwas gebracht. Den letzten Auftrag konnte ich wider Erwarten doch noch zufriedenstellend beenden – es war ja auch keine schlechte Idee, den Kunden mit dem Hinweis auf die zukünftigen Nachbarn zu ködern. Jetzt kann ich mich zurücklehnen und alles noch einmal an mir vorbeiziehen lassen.
Alles begann damit, daß die Firma eine eigentlich unverkäufliche Immobilie übernahm. Lage: Am Stadtrand, mitten in einem Abrißgelände. Nur dieses Haus ist durch ein Vermächtnis vor dem Abriß geschützt und bleibt in alle Ewigkeit dort stehen. Die ersten Inserate brachten keine Reaktion. Mittlerweile begann ringsum der Abriß, ich fuhr täglich zum Haus (ich mußte ja das restliche Gelände auch vermarkten) und es erschien mir täglich interessanter. Und jeden Tag stand es ein wenig einsamer, verlassener inmitten der Schutt- und Trümmerberge ringsum.
Die zweite Anzeigenserie lief mit verringertem Preis. In der Zwischenzeit suchte ich alle verfügbaren Informationen über "mein" Haus – Bauverlauf, Liste aller Bewohner, Liste aller Eigentümer und aller jemals im Hause ansässigen Geschäfte usw. Der Verkauf der Nachbargrundstücke verlief äußerst erfolgreich, nur ein Fetzen der Gemarkung blieb als "nicht verkäuflich" zurück – mein Haus. Ich wendete mich persönlich an den einen oder anderen bedeutenden Kunden, versuchte, alles mögliche in dieses Haus hineinzuversprechen – kein Erfolg. Endlich – ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben – ein telefonisches Kaufangebot. "Hallo? Sie verkaufen doch das Haus in der …straße?" "Sicher, aber ich muß …" "Ich schlage Ihnen vor, daß wir uns morgen 13.00 Uhr im Restaurant … treffen, einverstanden?" "Ja, aber wer …" "Ich werde Sie nicht verfehlen, den Rest besprechen wir morgen." "Ja, natürlich, aber …" "Also dann bis morgen!" Knack. Seltsames Gespräch.
Ich war pünktlich zur Stelle, betrachtete die Anwesenden (‚Der dort mit der Nickelbrille – oder nein, der da hinten seinen Aktenkoffer gerade abstellt …‘), als mich ein freundliches "Guten Tag!" aus meinen Gedanken riß. Ein unscheinbarer Mann, Typ mäßig erfolgreicher undurchsichtiger Geschäftsinhaber stand an meinem Tisch. Ich kannte den Interessenten nicht, obwohl er mich sehr gut zu kennen schien. Der Rest ist schnell erzählt: Ich pries das Haus in den höchsten Tönen, spielte mit meinen Informationen aus seiner Vergangenheit. Endlich kam ich meinem Ziel näher. Daß ich das Haus verkauft hatte, war mir bald klar, es war nur noch die Frage des Preises.
Der Käufer nannte mir unverhofft eine lächerlich geringe Summe. Nein, all meine Träume schienen in diesem Moment zu platzen. Ich dachte, ohne es zu merken, laut vor mich hin: "Wenn der wüßte, daß rundum ein Friedhof entstehen wird, kann ich das Geschäft vergessen…" "Wie bitte, ein Friedhof?" "Ähm … also … das … 'tschuldigung. Diese Information ist keinesfalls … ähm … gesichert. Wenn Sie als neuer Eigentümer gegen die Baugenehmigung vorgehen …" Mist, jetzt war das Geschäft endgültig gestorben. "Wieso sollte ich dagegen vorgehen? Alles, was ich suche, ist Ruhe. Das kann ich in einer Stadt wie dieser hier doch nur in der Nähe des Friedhofs finden. Also mein zweites Angebot sollte eigentlich beweisen, daß ich wirklich interessiert bin, und Sie alle anderen Interessenten vergessen lassen." Er nannte eine neue Summe und fünf Minuten später war der Kaufvertrag perfekt. Am nächsten Tag schon waren alle restlichen Formalitäten erledigt und ich übergab dem Käufer die Papiere und die Schlüssel.
Nun ist "mein" Haus verkauft …
Erstveröffentlichung 1999 (als Versuch einer „shortstory“)
Der Emil


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