Ein 2. “Waldschrat”-Märchen (Nº 264 #oneaday)

Des Waldschrats Nachtruhe

Es gibt bereits ein Waldschrat-Märchen hier: Waldschrats Augenpein
 
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Es begab sich an einem Tag, den man gestern “Gestern” nennen konnte, da kam der bärtige Waldschrat rechtschaffen müde vom Bäumefällen nach Hause. In seiner Wohnung im hohlen Baum tat er das Notwendige, wusch wohl auch noch das eine oder andere Hemd. Bald beschloß er, nach einem frühen Abendessen sich zu Bette zu legen.

So nahm er schnell ein Bad, um den Schweiß der Mühen des Tages abzuspülen, und trocknete sich und seinen wallenden Bart danach sehr gründlich. Im Schlafgemach dann öffnete er das Fenster und sah der Sonne zu, wie sie hinter dem Hügel mit den drei Ulmen versank. Und während es im Halltal langsam dunkelte, schlüpfte der Waldschrat in sein Nachthemd und dann unter seine wohlig-weiche Bettdecke.

Bald schon glitt der Waldschrat in einen Schlummer, der ihn ins Traumland bringen sollte. Doch oh Schreck! Plötzlich ertönten gar laute und furchterregende Trompetenstöße. Solche hatte der Waldschrat noch nie gehört! Doch erinnerten sie ihn an die Töne der Elephanten. Elephanten? Nein, auch die hatte er noch nie gesehen, geschweige denn gehört. Aber sein bester Freund berichtete ihm nach einer Abenteuerreise ins ferne afrikanische Troth-A, daß diese großen, grauen, zweischwänzigen Tiere Laute ausstießen wie jene, die der Waldschrat grad hörte. Wimmernde und quiekende Trompetentöne, grauslich durchsetzt mit Schnarchgeräusch!

Und wieder trompetete es, und die Töne stammten nicht aus seinem Traum. Dem Waldschrat wurde Angst und Bange. Weil er aber trotz aller Furcht wissen wollte, was derlei Fabeltiere wie diese Elephanten wohl in seinem Schlafgemach zu schaffen hätten, öffnete er vorsichtig seine Äuglein. Im dunklen Zimmer sah er nichts, deshalb nahm der Waldschrat all seinen gewaltigen Mut zusammen und zündete mit einem Streichholz sein Nachtlicht an. Nichts war zu sehen im Kerzenschein. Vorsichtshalber schaute der Waldschrat auch noch unters Bett und in seinen Kleiderschrank. Nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Und seit die Kerze brannte, waren auch die Elephantentöne verstummt.

Mißmutig und nur wenig beruhigt blies der Waldschrat die Kerze aus. Er wickelte sich wieder in sein Federbett, brummelte noch etwas in seinen Bart und schlummerte wieder ein.

Dann war da wieder ein Geräusch, das ihn nicht ganz einschlafen lies. Es war ein Schaben und ein Scharren, als grüben wohl einhundert Maulwürfe direkt unter seinem Bett. Auch diesmal träumte der Waldschrat nicht. Wieder zündete er mit einem Streichholz sein Nachtlicht an und sah sich um. Es scharrte und schabte, es kratzte und pochte zum Fürchten! Aber unter dem Bett war nichts zu sehen. Und plötzlich wurde es auch wieder still.

Also blies der Waldschrat seine Kerze aus, schlüpfte unter seine weiche Daunendecke und verstopfte sich noch zusätzlich mit den Enden seines Bartes die Ohren. Jetzt endlich würde er wohl schlafen können. Und schwupps! Kurz vorm Beginn seines ersten kleinen Traumes fing der Waldschrat zu schnarchen an.

Doch was war das? Was hörte er da durch Bart und Daunendecke hindurch? Es hämmerte und klopfte, als machten sich drei Dutzend Spechte an seinem liebsten Schlafstubenschrank zu schaffen! Am Erbstück, das sein Großvater eigenhändig im Ganzen aus dem Stamm einer mächtigen Tanne geschnitzt hatte. Welch ein Frevel!

Und um seinen Schrank zu retten, sprang der Waldschrat aus dem Bett, versuchte dabei wieder, sein Nachtlicht mit einem Streichholz anzuzünden. Als es ihm endlich gelungen war, vernahm er das Klopfen und Hämmern noch immer – doch keine drei Dutzend Spechte machten sich an seinem Schrank zu schaffen. Nicht einmal ein einziger Specht war zu sehen.

Aber hört! Das Geräusch war noch da! Da! Dort! Es kam vom offenen Fenster her, gleich neben dem Schrank! Vorsichtig, die Flamme der Kerze mit einer Hand vorm Wind schützend, trat der Waldschrat ans Fenster und sah hinaus.

Da erblickte er, woher all die Elephantentrompeten, das Maulwurfsscharren und das Spechtehämmern kamen: Am Schienenlindwurm waren viele fleißige Zwerge mit gar sonderlichen Maschinen dabei, dessen Fahrweg auszubessern! Ja natürlich! Darüber hatte der Waldschrat ja sogar im Forstboten gelesen gestern morgen!

Da ward dem Waldschrat alle Angst genommen. Er schloß das Fenster, stopfte sich die Enden seines Bartes wieder in die Ohren. Und als er endlich das Lichtlein gelöscht hatte und wieder unter seiner weiche, warmen Daunendecke lag, hörte er die Geräusche nur noch wie aus ganz, ganz weiter Ferne.

Nur zwei Stunden Schlaf blieben dem Waldschrat in dieser Nacht, und am nächsten Tage war er mehr als müde. Doch wenn er weiterhin die Enden seines Bartes in die Ohren stopft vor dem Zubettgehen, so wird er sich auch nicht alle Barthaare ausreißen vor Wut über den nächtlichen Lärm. Und friedlich und erholsam wird der Waldschrat schlafen bei geschlossenem Fenster, bis die Bauarbeiten wohl beendet sind.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 20. Septembber 2011 war mein Sprung über den eigenen Schatten: Ich habe den Brief mit diesem Absender selbst aufgemacht und gelesen.

P.P.S.: Ich “danke” der Deutschen Bahn und ihren Bautrupps vor meinem Fenster für die Inspiration …

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Ein 2. “Waldschrat”-Märchen (Nº 264 #oneaday)

  1. anniefee sagt:

    „Doch wenn er weiterhin die Enden seines Bartes in die Ohren stopft vor dem Zubettgehen, so wird er sich auch nicht alle Barthaare ausreißen“
    *kicher* wie praktisch so ein Bart ist, beneidenswert

  2. colorsigns sagt:

    So schön ! Danke ! Schade nur das Du die Nacht so schlecht geschlafen hast .. drück dich lieb
    Christin

  3. Dr. Manhattan sagt:

    Und ein Märchenerzähler also auch noch… So langsam kann ich die Geschichte mit der Physik nicht mehr ganz glauben. Erst die Tarot-Karten, dann Märchen und als nächstes wird wohl noch von den Taten als Greenpeace-Aktivist berichtet. *lach*

    Da scheint ja jemand in vielfältiger Hinsicht sehr versiert zu sein. Gibt es denn da noch etwas, was nicht im Fähigkeitenprogramm enthalten ist? *lach*
    Wobei der Vergleich mit einem Waldschrat in psychoanalytischer Hinsicht sehr interessant sein dürfte, ist da etwa die Intention vorhanden den geneigten Lesern damit etwas sagen zu wollen?

    In diesem Sinne, mit besten Grüßen
    Dr. Manhattan

    • der_emil sagt:

      *lautlach* Nein nein, nicht Greenpeace oder attac oder sowas. Dazu bin ich zu … zu … zu … vielseitig vielleicht.

      Ich selbt komm aus einem bewaldeten Mittelgebirge, bin nicht groß, aber dick, trage Bart und kann (!) ziemlich kratzbürstig/garstig sein … Der perfekte Waldschrat, oder?

      • Dr. Manhattan sagt:

        Zu vielseitig.. Das soll gehen?

        Ein perfekter Waldschrat? Sollte das nicht eher ein verschrobener Einsiedler mit weltentfremdetem Blick, mürrischem Wesen und nur noch 3 Zähnen sein? Obwohl ja das mit dem Bart bereits ersichtlich war.. *auf das Foto schielend*

        Allerdings wäre Greenpeace oder ähnliches dennoch passend für einen solchen „Hinterwäldler“, immerhin kennt man doch die meisten Provinzler als wahre Fanatiker, was die Erhaltung IHRER Natur angeht und ein Waldschrat wäre in diesem Fall wohl der Gipfel des Naturschutzes, oder?

        Nunja, so möge er sich ruhig wieder in seinen Wald zurückziehen, wenn es denn noch einen gibt im Halltal..

        In diesem Sinne, mit besten Grüßen
        Dr. Manhattan

  4. Wunderschön. Ein Märchen wie sie nur das richtige Leben schreibt – wenn es eine redselige Feder findet, die es aufzeichnet. Bitte mehr davon!

  5. minibares sagt:

    Wer will fleißige Handwerker sehn?
    der muss nur nach Halle gehn.
    Armer Emil, so kann es gehen, wenn die db mal arbeitet.
    Schlaf gut am Wochenende ♥

  6. Pingback: 23. Türchen (Nº 357 #oneaday): Ein Weihnachtsmärchen | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

  7. nextkabinett sagt:

    Hast Du gut gemacht. Dickes Lob. Ich schließe mich meinen Vorschreibern einfach mal an …

    PS.: Stimmt die Datumsangabe ‚September‘ in Deinem PS.?

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