2021,046: Beziehungsweise

Ein absichtsloser und willkürlicher Griff ins Bücherregal.

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Ein Mensch kann einen anderen Menschen dadurch vernichten, daß er ihn nicht losläßt, ihn aber auch nicht ganz zu sich läßt, ihn an sich bindet und der Welt nicht rurückgibt, ihn aber zugleich nicht nah an sich heranläßt, keinerlei Bund mit ihm schließt. Wer so ausgewählt und von der Welt getrennt wird, geht zugrunde. Denn er bleibt allein und ist doch nicht allein, weil er in einer Art Gefangenschaft lebt, aber der Sklavenhalter kümmert sich nicht um ihn …

 
Szándor Márai: Die Möwe. S. 56, ungekürzte Taschenbuchausgabe 2010.
© der deutschsprachigen Ausgabe 2008 Piper Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-492-25899-9

 

Autsch.

Diese Sätze waren Volltreffer und setzen vor wenigen Tagen mein Denkicht in heftige Karussellbewegung. Immer im Kreis herum und dabei auf und ab, wie auf der Berg-und-Tal-Bahn. Hoffentlich habe ich nie einem Menschen genau diese Art Beziehung zugemutet oder angetan. Und waren jetzt eine oder mehrere meiner Beziehungen in der Art, daß ich zugrundegehen hätte können? Wie ist das mit meiner Fernaffäre, in der ich derjenige bin, der mich sich nicht aus ihr verabschieden lassen möchte? Was gibt eine solche Beziehung (wie sie in den Sätzen beschrieben wird) den beiden Beteiligten?

Manchmal erlebte ich doch schon Ähnliches: Da, wo ich jetzt bin, geht es mir sehr zwar beschissen, aber hier kenne ich mich echt aus, hier weiß ich wirklich, was ich zu erwarten habe, erwarten kann. Alles andere kenne ich noch nicht oder nicht mehr, da kenne ich mich nicht aus, das ist mir alles viel zu ungewiß. Solche »normalen« Situationen eben, völlig normale Situationen.

Vielleicht habe ich aus diesen paar Sätzen (ja, und aus dem Umfeld dieser Sätze, also aus dem Buch) auf meine alten Tage doch etwas gelernt, mit ihrer Hilfe etwas erkannt, besser gesagt vertieft: das Wissen, daß solche Situationen und meine Art, in ihnen zu handeln, eben nicht normal waren, sind und sein können. Wenn ich das nicht wieder vergesse, so habe ich für die Zukunft noch eine Ahnung von diesen Sätzen in mir. Und die kann mich bewahren vor dem Zugrundegehen, weil ich mich nicht aus der gewohnten Lage in etwas anderes begeben möchte.

 

Manchmal wundere ich mich darüber, wie zufällig aus dem Regal oder Stapel oder Haufen ausgewählten Bücher zu meinen jeweils gerade aktiven Denkichtdingen passen. Oder kommt mir das nur so vor?

Und: Das Buch würde ich nicht unter »leicht lesbar« einordnen, sowohl wegen der Sprache (eine mir sehr gut gefallende Arbeit der Übersetzerin aus dem Ungarischen, Christina Kunze, aber nicht leichthin zu lesen) als auch wegen einer Sache, die im Anfang des Buches eine große Rolle spielt, aber nie ganz aufgeklärt wird (was mich grummeln ließ); und auch Suizid spielt eine Rolle.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 15.02.2021 waren positiv endlich die eine Sache auf den Einkaufszettel gesetzt zu haben, Steak mit Setzei drüber, Rosenkohl dazu..
 
Die Tageskarte für morgen ist V – Der Hierophant.

© 2021 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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7 Kommentare zu 2021,046: Beziehungsweise

  1. Stefan Kraus sagt:

    Ich wollte es mir verkneifen, schreibe es aber nun doch… Wenn man nur diese Worte aus dem Roman betrachtet, würde man heute (der Roman ist ja schon älter) bei so einer Konstellation von emotionalem Missbrauch sprechen. Und der IST vernichtend. Wenn du darüber nachdenkst, ob du das einem Menschen zugemutet hast, hast du es nicht getan.

  2. piri ulbrich sagt:

    Liken kann ich das nicht – wollte nur kundtun, dass ich gelesen habe und manchmal dein Gedankenkarussell anhalten möchte.

  3. sabeth47 sagt:

    Bei wildgans heute „das szett“.
    Musste ich sofort an dich und deine handschriftlichen Erfahrungen mit der Kurrentschrift denken!

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