(2017: 353) Das 19. Türchen

Adventszeit ohne Erinnerungen?

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für all jene, die Hoffnung brauchen.

 

 

Ich brauchte gerade drei Tage, um alle Weihnachts-CDs mehrfach gehört zu haben. Viele der Lieder konnte ich mitsingen, meist sogar mehr als nur die erste Srophe. War ich Sänger in einem Chor? Oder Musiker in einem Orchester, in einer Band? Dieses zum großen Teil fehlende Gedächtnis ist wirklich unangenehm. Ja, manches kehrt mit der Musik zurück. Aber weder weiß ich meinen Namen, noch meinen Beruf, noch erinnere ich mich an Familie, Freunde, meine Vergangen­heit. Selbst das, was wieder auftauchte, ist immer irgendwie etwas verschwommen, unscharf, unwirklich. Ich weiß auch nicht, ob das bei allen Erinnerungen “normal” ist oder meiner Kopfverletzung geschuldet. Sabine ist noch immer krank, erkältet, wie Kathrin mir sagt, jedesmal wenn ich sie nach ihrer Kollegin frage. Und das ist schade, denn ich werde jetzt gleich von der Überwachungsstation, auf der ich lange genug zubrachte, auf eine Normalstation verlegt. Ob ich sie dort wiedersehen werde, die Erzgebirgerin? Und wie soll ich all die geliehenen Dinge zurückgeben, den Schwibbogen, den Discman, die Kopfhörer?

Zwei Stunden später bin ich auf der normalen Station. Auch hier liege ich in einem Zweibettzimmer, allein. Und wie mir die Schwester gerade mitteilte, werde ich in diesem Zimmer auch alleine bleiben. “Sie sollen alle Möglichkeiten erhalten, sich an sich selbst zu erinnern.” Ich verstehe nicht, was mir damit gesagt werden soll. Aber die Schwester ist schonwieder im Zimmer, stellt mir ein Räuchermännlein – das Räuchermännchen, das auf Sabines Wagen stand! – auf den Nacht­schrank und zündet tatsächlich ein Neudorfer Weihrauchkerzchen an. Fragend schaue ich die Schwester an. “Ach, die Kolleginnen von der Ü 2 haben uns diesen Tip gegeben. Und ganz ehrlich: Sie müssen dort großen Eindruck hinterlassen haben!” Und schon ist sie wieder ver­schwunden und ich lasse mich in den Duft sinken.

Wach werde ich, als auf dem Gang der Geschirrwagen seine typischen Geräusche erklingen läßt. Es muß Zeit sein fürs Abendessen, draußen jedenfalls ist es dunkel. Ich schalte den kleinen Schwibbogen an. Der Bergmann mit seiner Erzstufe steht noch immer neben mir. Die Tür geht auf und: Schwester Sabine steht mit meinem Tablett in der Tür. Sie trägt keine Schwesterntracht, nein, das ist Zivil-, also Privatkleidung. “Na? Das Gesundschlafen ist bei Ihnen immernoch Programm, hörte ich gerade.” Ihre Stimme ist etwas angeschlagen, und dann verfällt sie in den Heimatdialekt. “Iech bie aah noch kraanklich, wollt oder aah aafach emol nooch Ihne saah. De Musik scheint Ihne gednfalls gefalln ze hamm.” Ich weiß auf Anhieb nichts zu antworten, bin platt vor Überraschung. “Wissen Sie, Sabine, daß Sie mit ihrer Idee …” Sie nimmt meine Hand. “Weihnachten, die Adventszeit: Das ist doch etwas Besonderes. Und wenn es jemandem so … so geht wie Ihnen, dann rührt mich das sehr. Ich möchte dann immer … helfen. Damit die Erinnerungen wiederkommen. Und bei vielen Menschen ist die Advents­zeit eben die, die mit den meisten Gefühlen verbunden ist und damit auch die meisten Erinnerungen … ”

Wir schweigen. Wir wollen gleichzeitig sprechen, bemerken es und belassen es beim Luftholen. Wir schweigen wieder. Mir geht ein Lied durch den Kopf. Ich summe die erste Strophe stumm vor mich hin und werde mit der letzten Zeile laut. Das Lied erklingt zweistimmig, denn auch Sabine summt genau dieses Lied, dieses eine, das in jedem Jahr das Fest eröffnet. Die zweite Strophe singen wir gemeinsam, ich im Tenor und Sabine mit einem Alt wie meine Frau.

Meine Frau? Ich habe eine Frau. Ich. Habe. Eine. Frau.

Habe?

Hatte?

Ich glaube, das spielt gerade keine Rolle. Ich sitze, liege hier in einem Krankenhauszimmer und fühle mich. Ich fühle mich! Ja, ich fühle mich; und ich fühle mich weihnachtlich. Und Hoffnung habe ich auch wieder, Hoffnung auf wiederkehrende Erinnerungen. Und darauf, das richtige Leben zu führen. So harmonisch wie diese Minuten gerade.

 

 

Dieser Text gehört – als Fortsetzung – zu “Abends am Fluß”, “Stimmen und grelles Licht” und zu “Immer wieder Überraschungen”, zum Patienten ohne Gedächtnis.

 

Euch allen wünsche ich eine Zeit voller glücklicher Momente.

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das täglich 24 Stunden lang bei der Versteigerung von #hand2hand tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

Der Emil

P.S.: Das Gute am 18.12.2017 waren ein Frühstück, ein ruheloser Vormittag, ein weiter Weg.
 
Die Tageskarte für heute ist das As der Schwerter.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu (2017: 353) Das 19. Türchen

  1. Danke

  2. wildgans sagt:

    Das Schreiben entfacht so viel. Lebenswillen, Kraft, kein Langeweilechillen.
    Irgendwo muss ein Hort der Geborgenheit sein…?

  3. Hallo Emil.
    Um deinen Beitrag zu lesen mußte ich erst wieder zu dir kommen. War ja schon einmal passiert, so wusste ich Bescheid.
    Komisch oder?
    LG, Nati

  4. Arabella sagt:

    Gelesen.

  5. sabeth47 sagt:

    Gelesen. Hoffnungstext.

    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

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