Ein Märchen
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Eine Riesin trampelt um das kleine Herz herum. Sie berührt da ein Bild, dort ein Wort, hier eine Blume, da eine Frucht, dort einen Strauch. Sie greift den Rechen, fuchtelt mit dem Spaten durch die Luft und trötet schreckliche Töne auf der alten Gießkanne. Manchmal nimmt sie einen der herumliegenden Träume und bläst ihn auf, bis er platzt. Das kleine Herz sitzt auf der Bank in seinem Garten und zittert. Denn die Riesin ist nicht nur riesengroß, sondern sie wirft auch riesengroße Schatten. Und in denen wagen sich die Angsttrolle aus ihren Verstecken und geifern das kleine Herz an. Jetzt steht die Riesin vor dem kleinen Mutbäumchen und zieht an dessen Krone, als wolle sie es ausreißen. Da stürzt sich das kleine Herz dazwischen, umklammert das zarte Stämmchen, hält fest, so fest es nur kann. Und blickt der Riesin endlich ins Gesicht.
“Dummerchen”, sagt die Riesin, “ich tu Dir doch nichts.” Und wirklich, als sich das kleine Herz umsieht, ist alles im Garten noch so wie zuvor. “Aber von meinen Träumen hast Du ein paar platzen lassen!” “Das stimmt. Aber haben die Dir wirklich gefallen? Werden Dir die wirklich fehlen?” “Ich weiß nicht”, sagte das kleine Herz, “ich habe sie lange gepflegt. Vielleicht waren es gar nicht meine oder keine guten?” “Siehst Du”, erwiderte die Riesin, “und wenn Du genau hinsiehst, wirst Du ein paar neue Träume entdecken, die ich hie und da gepflanzt habe. Kümmere Dich um sie, damit sie wachsen und wahrwerden können.” Sie ließ das Mutbäumchen los, das durch ihr Ziehen bestimmt einige Meter gewachsen war und nun schon beinahe wie ein richtiger Baum aussah. Die Arme des kleinen Herzens reichten auch kaum noch um den Stamm herum, also ließ es den Baum los, sah der weggehenden Riesin hinterher und rief: “Danke! Ich weiß aber nichtmal Deinen Namen?”
Die Gestalt, die ständig größer zu werden schien, drehte sich um. “Du weißt es doch längst. Ich bin die Sehnsucht und werde Dich von nun an viel öfter besuchen.”
Und das kleine Herz steht in seinem Garten und weiß nicht, ob es sich freuen oder fürchten soll.
Viele Grüße auf das einsame Gehöft!
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 29. Januar 2016 waren die geschaffte Arbeit und die Phantasiereise.
Tageskarte 2016-01-30: Die Sechs der Münzen.
© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Danke für das Märchen,auch wenn bei mir die Sehnsucht eine ständige Begleiterin ist…
Das wird sie wohl für das kleine Herz von nun an auch sein.
Jaha, diese Riesin … sie ist auch oft bei mir zu Besuch.
Klasse, deine Parabel.
Liebgrüß vom einsamen Gehöft – wieder zu zweit.
Oh, danke.
Und sag: Kam sie nach ihrem ersten Besuch auch immer öfter zu Dir?
Hm, gute Frage … kann ich so nicht sagen. Sie kommt und geht wie es ihr passt … 😉