Nº 012 (2016): Vergangenheit und Sturm vor Stille.

Ein gerade gelesenes Buch regt an

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Vorgeschichte: Ich habe vor mehr als zwölf Jahren über Nacht, sozusagen ohne Vorwarnung und “grundlos”, meine damalige Familie (Lebenspartnerin, zwei Kinder) und meine Herkunftsfamilie (Eltern) verlassen. Ja, für mich selbst gab es einen Anlaß, das berühmte Wort zuviel, das alles änderte und mich gehen ließ. Und danach hatte ich fast zehn Jahre lang keinen Kontakt dorthin, habe alle Kontakte verweigert, war verschwunden, untergetaucht. Niemand hier in der Stadt wußte meinen Ausweisnamen, ich war (und bin immernoch) (nur noch) “Der Emil”.

Vor etwa vier Wochen lief ich in der Stadtbibliothek an einem Buch vorbei, das den Untertitel “Warum Menschen den Kontakt abbrechen” trägt. Oh, interessant, dachte ich, griff zu und nahm das Buch mit heim. Ich begann zu lesen.

 

Ach.

 

Ja.

 

Hä?

 

Aber nun wirklich nicht!

 

Wie blöd ist das denn?

 

Aber ich habe doch …

 

Meine Signale waren deutlich! Sehr deutlich sogar!

 

Okay, für mich. Nicht-Iche konnten das nicht begreifen.

 

Ach so.

 

Ja. Ja! Jaaaaa!

 

Autsch.

 

Daran dachte ich einfach nie.

 

Ein paar meiner Reaktionen, die beim ersten, zweiten usw. Lesen nur in unterschiedlicher Reihenfolge auftauchten. Aber sie waren da, diese zweifelnden, erkennenden, angepißten, ablehnenden, sogar mir selbst oft unverständlichen Reaktionen. Was ich nicht in diesem Buch fand: Den Grund meines Weglaufens, meines Kontaktabbruchs. Was ich doch in dem Buch fand: Etwas mehr von dem, das Selbstakzeptanz genannt wird. Und mit dem leichten Anstieg dieser Akzeptanz meiner eigenen Handlungen steigt auch mein Selbstwertgefühl. Jaja, ist so …

 

 

Das abrupte Ende einer Beziehung durch die Funkstille ist ein Zustand des Zusammenbrechens. Zwei Menschen sind auseinandergerissen – nicht durch Tod, sondern mitten im Leben. Mit dem Ende des » Wir « droht auch das » Ich « zu zerbrechen. Auch in langjährigen Beziehungen kennt man einander – und sich selbst – nie ganz.

Tina Soliman: Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen. S. 145
© 2014 J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94804-2

 

 

Genau so wars. Mein Ich, das Ich des Abbrechers, das verschwand mit diesem Tag; und die Künstlerpersönlichkeit/Kunstperson/künstliche (selbstgeschaffene) Persönlichkeit, die schon seit Jahren in mir steckte, übernahm die Vertretung nach außen und innen. Mit diesem einen Sonntag verschwand der, dessen Name in meinem Paß stand. Und ich hatte mich selbst geschaffen und freigelassen und begann zu leben, ganz zu leben. (Wirklich!)

Das Buch. Es hat ja – seltsamer Scherz des Schicksals? – einen Vorgänger, der “Funkstille” heißt, den normale Menschen vor dem Nachfolger gelesen hätten. Mich aber sprang zuerst das nachgeschobene, das Buch mit den Gründen fürs Weggehen, als erstes an. Und den Vorgänger hole ich mir auch noch.

Irgendwann, hoffe ich, bin ich in der Lage, meinen Weggang vielleicht nicht komplett zu verstehen, aber komplett – als zu mir gehörig – zu akzeptieren.

Ich bin auf dem Weg dahin.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 11. Januar 2016 waren das beendete Buch, Telefonate, Mut.
 
Tageskarte 2016-01-12: V – Der Hierophant.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Nº 012 (2016): Vergangenheit und Sturm vor Stille.

  1. petra sagt:

    Hast du deinen Weggang deiner Familie in irgendeiner Weise erklärt? Erklären können? Oder zumindest rechtfertigen können?

  2. Sofasophia sagt:

    Danke.

  3. Simmis Mama sagt:

    Abbruch zu deiner Herkunftsfamilie oder zu der von dir gegründeten? Ich frage weil das ja ganz unterschiedliche Rollen sind und Machtverhältnisse. Antwort nur wenn du magst

  4. Arabella sagt:

    Immer führt ein Weg zurück.
    Alles ist ein Kreis.
    Zurück ist genauso wie nach vorn.

  5. Elvira sagt:

    Auf manche Fragen im Leben gibt es keine Antworten. Ich für mich habe die Erkenntnis gewonnen, dass Dinge in der Vergangenheit, die ich heute vielleicht anders er-leben würde, damals dennoch richtig von mir entschieden wurden. Allerdings hatte keiner dieser Entscheidungen einen so heftigen Schnitt zur Folge. Darum verstehe ich die Frage nach dem Warum. Eine Antwort würde vielleicht zum Selbstverstehen beitragen. Für mich steckt die Antwort allerdings schon in Deinem Text. Du schreibst von einem ganzen Leben und setzt in Klammern noch das bestätigende Wirklich. Wenn Du vor dem Bruch das Gefühl hattest, nicht wirklich zu leben, nicht Du selbst zu sein, dann hast Du nur den Mut bewiesen, aus dieser Erkenntnis die richtige Konsequenz zu ziehen.

  6. Ulli sagt:

    Du schreibst am Anfang den Grund: zuviel, dann kommt die Passage, in der du sagst, dass dir das Buch in der letztendlichen Frage nach dem warum keine Antwort geben konnte, das kann wohl kein Buch der Welt, nur du selbst … so, wie ich dich lese, suchst du noch den Frieden mit deiner Entscheidung von damals?

  7. Momfilou sagt:

    Danke, lieber Emil,
    nicht nur für die Offenheit, denn ich selbst neige dazu, nachdem ich offen war, zu glauben, dass ich wieder zu sehr offen war und mich dadurch für neue Beurteilungen und Verletzungen von anderen Leuten entblößt habe.
    Nun, ich danke Dir für die Titel der Bücher und Deine Überlegungen dazu, schließlich ist mein letzter Abbruch der Beziehung erst drei Jahre her (nach 25 Jahren des Zusammenlebens). Allerdings haben meine Kinder aus der Ehe davor diesen Abbruch für sich nicht mitvollzogen. Mein Enkel nennt den Verlassenen Opa. Dadurch ergibt sich für mich ebenfalls ein loser Kontakt, der mir zuerst sehr schwer gefallen ist und mich immer wieder ungewollt zu Äußerungen „zwingt“, die ich untelassen müsste. Aber was kann ich denn dafür, dass ich den Menschen, mit dem ich 25 Jahre lebte anders kenne, als die nur ab und zu zu Besuch weilenden Kinder?
    Ich werde mir diese Bücher ebenfalls ausleihen und hoffe, darin „fündig“ zu werden, Selbsterkenntnis zu gewinnen und vielleicht ebenfalls eine Stärkung zu erfahren.
    Mach´s gut
    Gerel

    • Der Emil sagt:

      Jeder Mensch macht eigene Erfahrungen.

      Ich bin ganz froh drüber, daß ich erst das zweite (Sturm vor der Stille) Buch gelesen habe. Das erste (Funkstille) würde ich ohne wohl nicht verdauen können.

  8. Jane Blond sagt:

    Tiefer Einblick, lieber Emil.
    Werden Menschen je verstehen? Andere oder sich selbst?
    Manchmal bezweifle ich das, was für mich selbst schwer zu akzeptieren ist. Gehöre ich doch zu denen, die immer verstehen wollen. Alles und jeden, inklusive meiner selbst. Verstehen und akzeptieren sind verwoben. Um akzeptieren zu können, muss man (ich) verstehen. Hat was von einer Zwickmühle, oder?
    „Mit dem Ende des » Wir « droht auch das » Ich « zu zerbrechen.“
    Ein Satz, in dem mehr Wahrheit steckt, als mir schmeckt.

  9. wildgans sagt:

    Eine solche Aufrichtigkeit wie hier kaum je in einem anderen Blog gefunden!

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