Erste Bestandsaufnahme
To get a Google translation use this link.
Da saß ich, ich Schriftstellerin, ich. Saß mit offenem Mund an meinem Eßtisch in meiner Küche, mit einem Bündel Geld in der Hand. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen? Ein echtes Happy End erschien mir in der Realität ziemlich weit entfernt. Vor allem in Anbetracht der Scheibwerkstatt-Unterlagen, die in den sieben Taschen und Beuteln unter dem Tisch standen. Was soll’s. Ich ging neben dem Tisch auf die Knie und sah mir das an, was sie Material nannte. Dabei fiel mir dieser Karton mit den Fotos auf, den ich vorsichtig aus einem alten Kunstlederbeutel heraushob und hinauf auf den Tisch stellte.
Seltsam. Ganz zuoberst lag da dieses eine Foto mit der beschriebenen Rückseite.
«Ihr Lieben / mal ein kleines / Andenken / von Euren Freunden / Kurt & Milda / [Name entfernt] / San Gabriel, Calif./ aufgenommen 1948»
(Der Querstrich über dem “m” zeigt die Konsonantenverdopplung im Wort “aufgenomen” an.)
Das war ja ein erster Hinweis, auch wenn er auffällig merkwürdig plaziert war. Und bei einem Griff in das Chaos von Bildern unterschiedlichster Formate fiel mir ein auf dicken, festen Karton aufgezogenes Foto in die Hand.
Vielleicht Großvater und Vater der drei Frauen, die auch Schwestern gewesen sein könnten? Denn auch diese drei wunderschönen Frauen waren im Karton zu finden. Auf der Rückseite des Bildes stand «Die drei Freundinnen». Zwischen den beiden Bilder liegen bestimmt zwanzig oder dreißig Jahre. Aber wie ich auch suchte, nirgends anders fand ich einen weiteren Namen, den ich in der Geschichte hätte verwenden können. Und es fand sich auch kein weiterer Name auf all den Bildern, die ich hastig durchwühlte, als hätte ich Angst vor der Entdeckung meines Tuns gehabt. Vielleicht sollte ich die Geschichte dieser seltsamen Frau mit der Suche nach diesem Photo-Atelier beginnen?
Verdammt. Schon zwei Stunden betrachtete ich diese alten, uralten Fotos und Postkarten und erbaulichen Sprüche aus den Evangelien in diesem alten, braunen Karton. Drei Stunden also, zusammen mit der knappen Stunde, die jene seltsame Frau mit ihrer Sehnsuch nach einem Happy End mich vom Beginn meines neuen Romans ablenkte. Die Schriftstellerin in mir rief zur Ordnung. So ließ ich alles stehen und liegen und stieg nachdenklich, beinahe zögernd die Treppe wieder hinauf zu den leeren Seiten einer vollkommen anderen Geschichte.
Ein weiteres Mal danke ich der famosen Jutta Reichelt für die wunderbare Anregung.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 12. Mai 2015 waren die erledigte Hausarbeit und dieser Text.
Tageskarte 2015-05-13: Die Königin der Schwerter.
© 2015 – Der Emil. Alle Rechte vorbehalten. Bilder aus dem Privatarchiv.







Gut gemacht, ich überlege noch.
Manchmal … Ach, manchmal da braucht es nur einen winzigen Anstoß, und eine solche Geschichte fließt einfach so aus mir heraus (der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, im positivsten Sinn).
Dieser Karton mit alten bis uralten (um 1900 herum, zwei sogar von 1898) Photograpien und anderem Zeug steht seit Jahrzehnten bei mir im Schrank und harrte seiner Verwendung …
Der Anfang ist gemacht…
Nein, eine Fortsetzung 😉
And now it’s your turn 😉
Da hast du Recht und das gleich doppelt…:-)
Sie machen es uns nicht leicht, diese zwei Frauen (Jutta und die Happy End-Wünschende).
Und du auch nicht – mehr, mehr, mehr …
;-)))
Ach Sofasophia. Da stapeln sich in meinem Hirn (und auf dieversen Papieren) so viele ungeschriebene Geschichten (auch noch eine ganze Menge Nachrichten von Lind Kernig sind dabei, Waldschratmärchen, Christoph und Katharina in Spanien/Portugal, und und und)!
Seit Jahren (beinahe 30) steht dieser Karton in meinem Schrank, die Bilder darin waren schon lange für den Scanner vorgesehen. Und als Jutta die Geschichte freiließ, sah ich schon, was daraus werden würde. Aber wahrscheinlich kann auch ich sie nur wieder freilassen, die Geschichte.
(Ja, diesmal habe ich schweren Herzens v.a. wegen der Bilder auf die CC-Lizensierung verzichtet — aber das sollte niemand davon abhalten, eine Fortsetzung/eine andere Fortsetzung zu verfassen.)
Oder eine Fortsetzung der Fortsetzung. Eine Ping-Pong-Geschichte? Wer weiß, was da noch draus wird. 🙂
Na hoffentlich: ein Happy End.
Ich habe grad in meinem Biografieversuch namens ¨Weiterlegen¨schriftlich über Happy Ends nachgedacht. Angestoßen von Jutta. Was immer es ist: Mir ist ein Happy Life noch fast wichtiger als ein Happy End – wenn ich das mal so platt sagen darf. 🙂
Da sprichst Du wahre Worte sehr fröhlich aus!
Es gibt einen klugen Aufsatz von Peter von Matt zum Thema „Happy End in der Literatur“ – aber vielleicht interssieren dich weniger die literarischen Fragen daran, als die allgemeineren, also philosophischen?! Viele Grüße!
Ach, Kompliment übrigens zum Text.
Die Bilder mag ich auch sehr.
Vielen Dank.
Lieber Emil, das ist wunderbar! Ich bin begeistert und Stimme aus vollem Herzen in den Chor ein: Ja! Bitte mehr! Sehr herzliche Grüße!
Oh. Vielen Dank. Aber ob ich mehr davon schaffe? Das weiß ich wirklich (noch) nicht.
Es gibt zu diesem Ideen-Geschichten-Problem ja einen ganz wundervollen Text, den ich erst vor kurzem entdeckte: http://bit.ly/1H2H71O 😀 Diese Geschichte hier war sozusagen sofort da.
Freut mich sehr – dass du ihn entdeckt hast und auch, dass er deine Zustimmung findet!
Pingback: Die Frau vor der Tür – wie geht es weiter? | Über das Schreiben von Geschichten