Nº 280 (2019): Eine Wohltat

Etwas, zu dem ich mich zwingen wollte, ist mir ein Vergnügen.

To get a Google translation use this link.

 

Es beginnt mit einer Szene im Wald, die dem, der da vom Andern kontrolliert wird, einen Taler teuer wird, weil er eben nicht nur Bruchholz, d. h.trockene Äste und Zweige aufgelesen, sondern auch einen zersägten Trockenstamm im Handwagen hat. Es setzt sich fort mit dem Geschimpfe über die Frau, die nicht wie abgesprochen beim Blaubeersammeln war. Bei einem späteren Streit am heimischen Herd wird kaltes Wasser vergossen und es kommt zur handgreiflichen Fortsetzung, zur körperlichen Gewalt zwischen dam Strafzahler und der Hebamme, die wegen der soeben niedergekommenen Frau im Hause ist.

Er kam im Nebenzimmer bereits hinzu, begleitet von wohl ziemlich lauten Schmerzensschreien: der Sohn der Frau und des Holzdiebes. Ich wurde vorher bereits aufgeklärt über diverse Familiengeschichte. Und nun ist da ein Knabe, der den Namen Stanislaus erhalten soll und niemals Bodo heißen wird, ein Knabe, der nach der Meinung seiner dreizehnjährigen Schwester später in diesem Falle wohl nur “Laus” oder gar “Stangenlaus” genannt werden wird.

So fängt es an, das Leben und die Geschichte vom Wundertäter, jenem dreiteiligen Roman Erwin Strittmatters, dem ich mich in diesem Monat verschrieben habe. Für die ersten zwanzig Seiten brauchte ich gerade 25 Minuten. Und wie wohltuend doch die Sprache Strittmatters doch in mir klingt und schwingt, wenn ich sie mit der in Sibylle Bergs GRM vergleiche. Und wie abhängig vom Gefallens- und Wohltuensgrad der Sprache eines Buches mir doch die Lust am Lesen ist.

Ganz entgegen meiner Gewohnheiten lätterte ich bereits durch den ersten Band, ab und zu einen Blick auf eine Seite werfend. Aufgefallen sind mir dabei die sehr altertümlich wirkenden Überschriften über den Kapiteln, die immer eine kleine Zusammenfassung des folgenden Textes enthalten: “Stanislaus wird von der Menschheit verkannt und bereitet sich auf das Kreuzopfer vor.” Ein wenig erinnert mich das an die Buch- und Kapitelüberschriften der Bibel oder von Moritatengeschichten, an Aufzugbezeichnungen bei Theaterstücken usw. usf.

Bisher bin ich mit meiner Wahl sehr zufrieden. Und ich beneide Erwin Strittmatter – aber eben nicht nur ihn, sondern grundsätzlich alle Schreiber von Mehrteilern – um die Fähigkeit, die drei Bände so geschrieben haben zu können, daß sie 1957, 1973 und 1980 erscheinen konnten, diese Fähigkeit, über einen so langen Zeitraum sich im Innern diese Welt (des Wundertäters) erhalten zu haben und daran irgendwann weiterzuarbeiten. (Ich übe mich ja daran, ich übe wirklich. Doch zufrieden bin ich mit meinen diesbezüglichen Fähigkeiten durchaus noch nicht, nicht einmal ansatzweise.

“… wer gesegnet ist, muß wirken”

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 07.10.2019 waren positiv die Erinnerung an ein Land, das mir 27 Jahre lang Heimat war · ein (!) Birkenpilz, der schon zum Trocknen aufgefädelt wurde · ein bearbeitetes Behördenpapier.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Stäbe.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2019, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert