Möglichkeiten zum Aussteigen (Nº 217/2018)

Freiheiten.

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Wie oft bin ich von alltäglichen Dingen belastet, gelangweilt, eingeengt, genervt. Dabei denke ich, daß ich in meiner Situation zwar monetär arm, aber trotzdem wesentlich freier bin als jemand, der einer mehr oder weniger gewollten und interessanten Arbeit nachgeht. Dessen Tagesablauf ist durchreglementiert, die Wochen und Monate sind gefüllt mit “Muß” und “Soll”. Wenn dann noch Familie da ist, Kinder, dann sind auch die Wochenenden nicht frei, dann gibt es kaum Freiräme, freie Zeiten, Möglichkeiten, aus all dem wenigstens für kurze Zeit auszusteigen und den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Falls man die als voll­zeitarbeitende Mutter (zum Beispiel) überhaupt noch kennt, diese seltsamen “eigenen Bedürfnisse”

Es fehlen allüberall Möglichkeiten, aus dem Hamsterrad auszusteigen, für kurze Zeit, für ein paar Stunden oder Tage. Früher waren da die erweiterte Familie in der Nähe, Groß­eltern, Geschwister und Verschwägerte, die den Müttern und Vätern die Betreuung der Kinder abnahmen, falls das überhaupt notwendig war, denn Kinder waren oft draußen, beschäftigt, unterwegs. Wie schwierig die Situation gar für pflegende Angehörige ist, die, um das Überleben abzusichern, berufstätig sein müssen?! Oder Selbständige, selbst mitarbeitende Firmeninhaber. Für all diese Menschen … Für so ziemlich alle Menschen heutzutage.

Selbst Arbeitslose, Erwerbsfähige Hilfebedürftige (ALG II-Bezieher), Rentner: Oft fehlen Momente, die außerhalb dessen sind, was zum Alltag gehört. Ich müßte mich glücklich schätzen, daß ich trotz allem so viele verschiedene Dinge tun kann. Radio mach ich (ehrenamtlich), Schreiben tu ich (für mich), um Musik kümmere ich mich (ehrenamtlich), mit alter Handschrift beschäftige ich mich und übertrage sie in heute übliche Buchstaben (ehrenamtlich). Heute habe ich zum ersten Mal in einer Mittelaltertruppe Degen und Schwert und Kampfstock in der Hand gehabt und damit versucht, den Choreographien zu folgen. Naja, insbesondere beim Stock ist meine Beidhändigkeit ein Problem: Wenn ich nämlich während eines Kampfes plötzlich vom Rechts- zum Linkshänder werde, kann das gefährlich werden. Aber zurück zum Thema. Das alles sind genügend Möglichkeiten für mich, aus dem ermüdenden Alltag auszubrechen. Andererseits ist vieles davon schon­wieder so viel ermüdender Alltag, daß … Ach, was weiß denn ich.

Was ich aber trotzdem oder auch gerade deswegen nicht kann, im Normalfall nicht kann, ist einfach mal so aus allem aussteigen. Weil ich mich beim Amt abmelden und von dort die Genehmigung dazu haben muß, sobald ich länger als 24 Stunden aus der Stadt rauswill. Weil es für viele Dinge eben doch Geld braucht, das ich im Normalfall eben nicht habe. Ja, ich habe Freunde, die besuche ich manchmal; da ist sogar eine ehemalige immernoch schonwieder Affaire. Aber all das ist nicht das, was ich unter Ausstiegs­mög­lichkeiten verstehe. Mir fehlt wie viel zu vielen Menschen die Möglichkeit, ganz spontan einmal in die nächste große Stadt zu fahren oder ins Gebirge oder einfach mal Essen zu gehen oder ins Kino oder oder oder. Und weil ich das nicht kann, decke ich mich eben mit den ehrenamtlichen Tätigkeiten ein, damit ich nicht erst in die Verlegenheit komme …

 

Irgendwie habe ich jetzt die Kurve nicht so richig gekriegt, das vorgesehene Thema halbwegs verfehlt. Vielleicht hat doch jemand verstanden, was ich meine mit diesen ominösen “Möglichkeiten zum Aussteigen”: Kleine Auszeiten, in denen Menschen sorgenfrei Abstand nehmen können von ihrem Alltag. Mir gelingt es nicht wirklich, vielen anderen gelingt es auch nicht. Nicht mehr, denn ich habe den Eindruck, daß es früher einfacher bzw. überhaupt möglich war. Aber jetzt, nach diesen Worten hier, bin ich mir nicht mehr sicher, ob mein Eindruck stimmt und ob ich mich nur in den Wunsch­traum­möglichkeiten eines Bedingungslosen Grundeinkommens verirrt habe.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 05.08.2018 waren Spaghetti Carbonara, das Training mit Degen und Schwert, Hefeweizen am Abend.
 
Die Tageskarte für morgen ist der König der Stäbe.

© 2018 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Möglichkeiten zum Aussteigen (Nº 217/2018)

  1. wildgans sagt:

    Zum Thema „Freiheit“ wird dir immer viel einfallen – und manchmal gehst du ja auch einfach los…

  2. Arabella sagt:

    Freiheit beginnt im Kopf.

    • Der Emil sagt:

      Ja, da ist sie schon.

    • Karl sagt:

      Mag sein, dass sie dort beginnt. Nur sind in dieser Gesellschaft auch materielle Dinge nicht ohne Bedeutung. Was das für die Freiheit bedeutet kann man vermutlich nur nachvollziehen, wenn man sich längere Zeit in einer prekären Lage befunden hat.
      Wenn die Einkünfte nur zum ÜBERleben ausreichen und das über lange Zeit, dann wird es mit der realen Freiheit ziemlich schwierig.
      Wenn es über viele Jahre nicht für einen einfachsten Urlaub reicht, nicht für ein einziges Konzert, nicht dafür mal ins Kino zu gehen. Wenn der Ausfall einer Waschmaschine zur Katastrophe wird, dann mag immer noch die Freiheit im Kopf existieren, aber mit der ganz praktischen Freiheit des Alltags sieht es dann ganz schlecht aus.
      Und ich spreche aus Erfahrung.

  3. Ich muss da an eine Busfahrt (Linienbus) in Griechenland denken. Es ging über Dörfer und Niemandslande, plötzlich hält der Bus kurz vor Ausgang des Örtchens an einem Haus an, in aller Seelenruhe steigt der Fahrer aus, schlendert in das Gebäude das sich als Supermarkt herausstellt, und kommt nach vielleicht fünf Minuten wieder. Die Passagiere indes, von der Normalität dieses Vorgangs völlig überzeugt, träumten, schwatzten oder telefonierten einfach weiter. Und währenddessen ich mich fragte, wo in Deutschland so etwas wohl noch möglich sei und warum mir solch Erlebnis so fremd und wunderbar vorkäme, musste dies für den Fahrer wahrscheinlich das Normalste der Welt sein.

    • Der Emil sagt:

      Genau solche kleine Begebenheiten sind die Ausstiegsmöglichkeiten, die ich meinte. Das Durchbrechen der „erforderlichen, unveränderbaren“ Abläufe, die weitere Auslegung von Regeln, das Ignorieren unsinniger Einschränkungen …

  4. Freiheit: auch ein Thema – nur mit ganz anderen Hintergrund bei uns/mir. Eher Ausgrenzung, nicht mitmachen können aus anderen Gründen. Ich denke, ich werde (noch) einmal darüber schreiben.

    In jeder Hinsicht blöd, denn Menschen, wie du und die Junioren könnten partizipieren und beiden würde geholfen.

  5. socopuk sagt:

    Lieber Emil, bei mir selbst habe ich beobachtet, dass die Sehnsucht nach den Auszeiten wächst und die Auszeitvorstellungen “extremer“ werden, je weniger Freiheiten ich im Alltag habe.
    Dazu gehört schon, unterwegs das Notizbuch zu zücken und eine besondere Typografie abzuzeichnen, und deshalb für einen Weg 5 Minuten länger zu brauchen.
    Ich glaube man projiziert in die ersehnte “Auszeit“ oft mehr hinein als sie tatsächlich leisten kann. Was die Spirale nur noch schneller weiterdreht…

    • Der Emil sagt:

      Ich glaube, Deine letzten beiden Sätze sind wahr.

      Eines aber habe ich seit langem: genügend Zeit zwischen zwei „Terminen“, so daß mir auch einmal etwas Fotogenes o.ä. dazwischenkommen darf.

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