Vorbuchliches Denkicht (Nº 201/2018)

Die letzte Stunde.

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Heute werde ich beginnen, ein Buch zu lesen. Eines, das ich mir aus der Bibliothek geholt habe, weil es mich mit der auf dem Schutzumschlag abgebildeten Kladde optisch ansprang. Dieses Buch wird mich, ich ahne es mit ziemlicher Gewißheit, sehr beschäftigen, und ich weiß noch nicht … Ach, ich lese es erst einmal. Die ersten Worte jedenfalls beeindrucken mich schonmal sehr:

 

 
Orientierung
 

Fast alles in der Zukunft unseres Lebens ist unsicher. Die letzte Stunde ist fix. Wir bereiten uns auf alles genau vor, nur nicht auf unsere letzte Stunde. Dabei ist die letzte Stunde das Wichtigste. Sie entscheidet über unser ganzes bisheriges Leben. Alles was wir vorher gelebt haben, ist Bestandteil unserer letzten Stunde. Warum scheuen wir dann unser Leben lang davor zurück, uns damit zu beschäftigen? Die Antwort ist ganz einfach: Es ist unsere Urangst vor dem Tod und die Ungewissheit über das Danach.

Jede ernsthafte Beschäftigung mit der letzten Stunde führt unweigerlich zu einer Frage: Warum schätzen wir unser eigenes Leben wider jede Einsicht der Vernunft so wenig, solange wir es nicht bedroht sehen?

 

 

Die ersten zwei Absätze des Buches, das ich heute beginne. Andreas Salcher: Meine letzte Stunde. Ein Tag hat viele Leben. (S. 11, © 2010 Ecowin Verlag, Salzburg, ISBN 978-3-902404-96-1).

Aha. Die Geringschätzung des eigenen Lebens. Mein Thema. Schon lange. Vielleicht sogar das Thema vieler Menschen, ohne daß das jemals thematisiert wird, aus Angst, aus mangelndem Selbstwertgefühl, wegen fehlender Selbstsicherheit. Oft von außen genau so induziert: Das einzelne, eigene Leben ist ja nichts wert, wenn es nicht dazu führt, daß in der Wirtschaft ein Erfolg erzielt wird, daß eine Nützlichkeit für die Gesellschaft erreicht wird. Oder?

Und wieso, frage ich mich, soll die letzte Stunde über unser, über mein ganzes bis dahin gelebtes Leben entscheiden? Und wie überhaupt? Und was, frage ich mich, wäre die Konsequenz daraus für mich, wenn ich meine letzte Stunde ohne Bewußtsein verbringe? Fragen über Fragen, die ich an dieses Buch stellen werde. Weil ich bisher nur die erste Seite gelesen habe, gab es mir noch nicht eine einzige Antwort. Und wer weiß, vielleicht gibt mir das Buch gar keine Antwort, sondern läßt mich selbst nach all diesen Antworten suchen oder macht meine Fragen einfach obsolet, überflüssig, weil die Fragen sinnlos sind und die Antworten darauf ebenfalls sinnlos wären?

Das Buch liegt seit zehn Tagen hier bei mir zuhause. Seit zehn Tagen denke ich über das Buch und über die letzte Stunde und über mein Leben nach. Zehn Tage scheute ich vor dem zurück, was ich im Buch zu finden hoffe.

Ich weiß nicht, ob ich je in meinem Leben ein Buch wie dieses in der Hand hatte, eines, das mich vor dem Lesen so sehr beschäftigt; jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 20.07.2018 waren Ausschlafen, der weggebügelte Berg Wäsche, der Buchfink..
 
Die Tageskarte für morgen ist VII – Der Wagen.

© 2018 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Vorbuchliches Denkicht (Nº 201/2018)

  1. Nati sagt:

    Ich hoffe du wirst über die Lesefortschritte berichten.
    Es klingt auf jeden Fall sehr interessant. Ich wäre so neugierig und hätte es quasi verschlungen.

  2. Ulli sagt:

    Ich bin gespannt was du berichten wirst. Ich beschäftige mich schon lange und immer mal wieder mit der letzten Stunde und habe einmal entschieden, dass ich mir in dieser Stunde, wenn dann alles rückwärts läuft (sagt man ja immer wieder), dass ich nichts bedauern, nichts vermissen will, dass ich mir ins Gesicht schauen will, nach dem Motto: soweit du es wusstest ist es gut gewesen; wobei „gut“ ja erst einmal nichts sagt, außer wenn ich das Bedauern, Vermissen, Schämen davor stelle – ob mir das gelingt? Keine Ahnung, gerade eben habe ich so meine Zweifel.
    herzlichst, Ulli


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  3. petra sagt:

    Was in der letzten Stunde passiert, passieren könnte, passieren wird, können wir doch alle gar nicht wissen. Es heißt, dass unser Leben an uns vorüber zieht – ja, und? Ich sehe es pragmatisch, wenn ich sterbe, kann ich nichts ändern und beeinflussen. Das ist gut so!

  4. wildgans sagt:

    Erotische Eskapaden. Der Tod und Wege dorthin. Wie mag ich die Vielfalt in diesem Blog!

  5. Arabella sagt:

    Selbst empfinde ich anders.

    Geringschätzigkeit des eigenen Lebens… anders als du, verarbeite ich vergangene Traumata.

    Du willst ein Beispiel… schlechte Zähne lasse ich nicht zu mit der Begründung…“ das sind meine Zähne“

    Immer nur nach vorn, mein Freundm

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  7. frauholle52 sagt:

    Du bist so mutig, so ein Buch überhaupt zu kaufen. Meine Güte. Ich ertappe mich immer öfter dabei, an mein Sterben zu denken. Vielleicht sollte ich dieses Buch auch…..Vielleicht. Mal sehen.

    • Der Emil sagt:

      Es ist ein schwieriges Buch. Alleine die Einleitung hab ich jetzt dreimal gelesen.

      (Und immer wieder: Meine Fresse, wie gut geht es mir eigentlich …)

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