Das hofeigene Badegewässer (2017: 226)

Vor etwa 50 Jahren

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Planschender Knabe

Planschender Knabe

 

Ein blonder Junge in Badehose steht mit den Füßen in einer Zinkwanne, nicht die badewannengroße, nein, die, in der damals die Wäsche gemacht wurde. Lachend spritzt der etwa Fünfjährige Wasser in Richtung des Vaters, der ihn photographiert. Mitten ins Bild wurde der Sohn gerückt, weil er im Moment der Aufnahme das wichtigste ist. Hinter ihm trennt ein Zaun aus Netz den Entenstall – eine aus Bretterresten zusammengenagelte Art große Hundehütte mit Pultdach, links ist die Tür offen, in der Mitte ein zweiflügeliges, geschlossenes Fenster, rechts nochmal eine mit Folie verschlossene Tür, vielleicht 1,5 mal 0,5 mal 0,8 Meter groß – und den Auslauf für das Geflügel vom Rest des Hofes. Im Entengehege eingeschlossen ist die Fliederlaube, die immer so genannt wurde, obwohl der Dreiviertelkreis nie ein vollständiges (Blätter-)Dach hatte; doch in manchen Jahren standen darinnen Bänke und Tisch, die aus Birkenstämmchen und -ästen selbstgebaut waren. Einmal durfte der Junge sogar mit Hammer und Nägeln bei Reparaturen helfen, das gefiel ihm ausgezeichnet. Überhaupt durfte er beim Großvater auf dem Bauernhof vieles tun, was sonst nur Große machten. Auch am Lattenzaun, der das Entengatter zum Rest des Hühnerhofes abgrenzt, hat er mit genagelt. Selbst die runden Holzmieten baute er mit auf, und auch die Heumiete, die da zu sehen ist, hat er mit aufgeschichtet.

Links neben der Zinkwanne liegt das Handtuch im Gras. Auf der nicht ganz im Bild sichtbaren Waschbank liegt eine Decke, und darauf das Nicki des Jungen. Der genießt den Sommer auf dem Bauernhof ganz und gar. Und das Wasser in der Wanne, das er selbst mit einem Eimerchen von der Pumpe geholt hat. Damals, als das Bild gemacht wurde, 1968 oder 1969, gab es im Haus noch keinen Anschluß ans Trinkwassernetz, alles Wasser kam von der hofeigenen Wasserpumpe im hofeigenen Brunnen. Und zu trinken gab es etwas, nach dem er sich noch heute manchmal sehnt: selbstgemachter Sirup aus schwarzen Johannisbeeren. In deren Sträuchern hinter dem Holz- und Fahrradschuppen versteckte er sich gern. Unterm Schilfdach oben im Haus, neben der Tenne mit den Getreidehäufen und der Räucherkammer, in einem weiß gekalkten Zimmer stand ein altes Kastenbett. In dem lagen Heusäcke als Matratze. Und ein altes Buffet stand in dem Raum, hinter dessen Glastüren Bücher standen, in denen der Junge abends nach dem Zubettgehen noch blätterte.

Die Zinkwanne stand da, wo die Markierung auf dieser Karte hinweist (links oben auf Satellit umschalten). Der Junge in dem alten Schwarzweißfoto war, bin ich. Und zum letzten Mal war ich wohl vor etwa 40 Jahren auf dem Hof der Großeltern väterlicherseits, da war der Großvater schon tot.

 

Ob ich irgendwann, irgendwann nocheinmal in diesem Dorf zwischen Schloß und Schwanten ein paar Blicke in meine Vergangenheit werfen werde?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Ansehen und Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 14.08.2017 waren eine weitere fast fertige Szene, neue Shirts, getauschte Bücher.
 
Die Tageskarte für morgen ist X – Das Rad des Schicksals.

© 2017 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Das hofeigene Badegewässer (2017: 226)

  1. Kai sagt:

    Danke für diesen sympathischen Blick ins Familienalbum.

  2. offenblender sagt:

    Schönes Bild zum Bild…

    • Der Emil sagt:

      Altes Bild vor allem. Ob heute noch so fotografiert wird, ein Bild noch so „komponiert“ würde?

      • Sicherlich. Aber statt einem Foto würden mindestens 10 geknipst werden. Schade eigentlich – denn so ist der Moment beliebig. Deins dagegen hat den Charme des Besonderen erhalten …

      • offenblender sagt:

        Klar wird das heute noch so gemacht. Das Hauptmotiv ganz naiv mittig anzuordnen, wird ganz bewusst gemacht. Nutzt man doch nach Gestaltungsregeln den goldenen Schnitt. Ich würde es in das Genre der Reportage/Dokumentation einordnen. Dokumentiert es doch eine typische Szene aus der Zeit. Heute wird natürlich mehr geknipst. Speicherplatz für digitale Fotografie ist billig. Ein Film damals kostete echt Geld, musste entwickelt werden und danach ausbelichtet, was ebenso nicht kostenfrei und ohne Zutun war. Wer schonmal ein Bild in der Dunkelkammer entwickelt hat, weiß, welche Kunst es ist/sein kann, alle Parameter aufeinander abzustimmen – von der analogen Aufnahme bis zum fertigen Abzug.

        • Der Emil sagt:

          Der Fototgraf, bei dem das entwickelt wurde, existiert noch …

          Manchmal nehm auch ich noch meine Beirax oder Lomo zur Hand, mit Film.

          • offenblender sagt:

            Fein. S/W Film entwickeln ist gar nicht so schwer. Versuchs doch mal und entdecke ein weiteres Feld zum Experimentieren. Auch ich nehme hin und wieder die analoge Kamera (Kleinbild und Mittelformat) und entwickle die Filme selbst daheim. Vergrößern muss man ja nicht jedes Bild. Das kann dann durchaus das Labor des Vertrauens übernehmen und die eigenen Wünsche einarbeiten.

            • Der Emil sagt:

              Ach, ich hab früher selbst entwickelt. Hab hier sowohl Gerätschaften als auch fensterloses Bad — nehme meist aber Ilford XP2 (davon liegt ein erklecklicher Vorrat im Frost) …

  3. puzzleblume sagt:

    So eine grosselterliche Fliederlaube gehört auch zu meinen schönen Erinnerungsschätzen, und Aromen von Speisen und Getränken, die kein anderer genau so hinbekommt. Danke für’s Zeigen deines Schatzes..

  4. Ulli sagt:

    Deine Erinnerung mag ich sehr, danke, dass du sie mit uns teilst!
    So vieles, was ich ähnlich erlebte, allerdings durfte ich als Mädchen nie mit zimmern, leider…
    liebe Grüße
    Ulli

  5. ….. ich liebe alte Erinnerungen…. auch wenn es nicht meine sind……ich lausche gerne von alten Tagen, wo noch alles so einfach war……einfach schön, lieber Emil


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    • Der Emil sagt:

      Einfach … Für uns Kinder ganz sicher.

      Und für meine Eltern war die Welt damals sicherer als die heutige Welt (für mich auch, nur bemerkte ich das noch nicht).

  6. Weena sagt:

    Hachja, das waren noch Friedenszeiten *seufz*

    • Der Emil sagt:

      Stimmt. Die Zeit war friedlich. Wir hatten keine Angst vorm Nachbarn, fürchteten nicht Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Kriminalität usw.

  7. hummelweb sagt:

    Dein Bericht hat mich in meine Kinderzeit versetzt, als ich in den Ferien immer zu meinem Onkel August und Tante Paula nach Frankfurt durfte. Die hatten, weil die Familie einen Blumenladen hatte und der Onkel in einer Friedhofsgärtnerei arbeitete, einen riesengroßen Garten mit viel Blumen, Obst und Tieren. Alles, was ich aus Stadtkind nicht hatte. Und ich konnte den ganzen Tag draußen sein oder in den Gewächshäusern, wo mein Onkel unter anderen damals noch völlig exotische Fliegenfallen züchtete, die ich mit Ameisen fütterte, um sie beim Zuklappen zu beobachten.
    Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Was mir sofort wieder vor Augen stand, war 1. die Zinkwanne (so eine gabs da auch, und wir, mein Cousin und ich, haben Feldmäuse gefangen und ihnen darin eine Wohnung eingerichtet), 2. Wasserspiele (dank zahlreichen Bewässerungsschläuchen konnten wir jederzeit mit Wasser plantschen) und 3. der selbst eingekochte Johannisbeersaft von roten und vor allem schwarzen Johannisbeeren. In dunklen Flaschen mit roten Gumminoppen aus dem kühlen Keller gab das den leckersten Durstlöscher überhaupt!
    Das war wirklich eine unbeschwerte Zeit! Ich durfte übrigens alles, Bohnen schnibbeln genauso wie Nägel in Bretter kloppen.
    Und Angst mussten wir nur haben, den Bahngleisen zu nahe zu kommen, wo regelmäßig unter gehörigem Radau die Züge vorbeiratterten.
    Danke für diesen Erinnerungsschub, den du ermöglicht hast!

    • Der Emil sagt:

      Jaaaaa! Die roten (und schwarzen!) Gummikappen, mit denen die Flaschen verschlossen wurde! Hach!

      Dort in Mecklenburg waren die Rinder die einzige „Gefahr“: Wir schlichen uns auf die Weide (durch den Elektrozaun) und melkten uns unsere Milch unerlaubterweise. Na, und in den „Schwanten“ genannten Tümpeln war es ja auch soooooo gefährlich 😉

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