Erinnern und Vergessen

Ein gescheiterter (?) Blick zurück

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Huch. Das Jahr ist ja fast vorbei? Morgen ist schon der erste Advent?! Und nun? Jetzt schon Rückschau halten? Hm. Ich versuch‘ es grad und entdecke in meinem Kopf nur wenige Erinnerungen. Sehr wenige Erinnerungen an Dinge, die in diesem zuendegehenden Jahr geschehen sind. Als wäre alles so an mir vorbeigeplätschert, als hätte ich nichts Wichtiges erlebt. Aber ich hatte doch genausoviel Zeit wie sonst. Ich habe elf Monate gelebt. Es muß also einiges Erinnenswertes passiert sein (außer dem Beginn meines Bundesfreiwilligendienstes). Löcher im Hirn wie bei Alzheimer? Ist Gedächtnis wie ein Schwamm aufgebaut, ganz viele Löcher mit “etwas” drumherum?

Vielleicht ist es das: daß ich einer geregelten “Arbeit” nachgehe. Was mir die Zeit so ereignislos erscheinen läßt. Oder aber es sind eher unschöne Dinge, die direkt auf besonders schöne folgten, das Positive nunmehr (v. a. wegen der zeitlichen Nähe) beinahe vollständig überdecken. Wie ein dräuender Schatten, der die zarten Pflänzelein in seinem Dunkel unsichtbar werden läßt? Oder ist Erinnerung eher ein Sieb, das nur die guten großen Brocken herausfischt aus dem ablaufenden Schlamm, der versickernden Jauche der vergehenden/vergangenen Ereignisse?

Seltsam, dieses Fehlen von Erinnerungen. Ich kenne das noch aus der Zeit der Depressionen. (Diesmal waren es aber keine – oder doch?) Da hatte ich wie in einem Nebel gelebt, in einem schwarzen Loch gesessen ohne Licht, konnte nichts von dem erkennen, was um mich herum war. Verständlicherweise. Dieses Jahr aber … Nichts Erinnerungswürdiges erlebt zu haben ist doch sehr unwahrscheinlich, oder? Wieder schwere Depressionen? Oder bin ich am Ende doch “nur” so sehr mit dem “normalen” Leben beschäftigt gewesen, daß ich vieles wieder vergaß, weil einfach zuwenig Kapazität zum Erinnern freiwar?

Diese Erinnerung(en). Dieser undurchschaubare Mechanismus der Erschaffung der eigenen Biografie. Dieses ständige Verändern der Geschichte(n). Dieses Verklären, dieses Verteufeln.

 

Dieses Vergessen …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 28. November 2014 war der bis zur letzten Sekunde ausgelesene Buchfink.
 
Tageskarte 2014-11-29: Der König der Stäbe.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Erinnern und Vergessen

  1. Bruder Indiana sagt:

    Die kurze Zeit des Lebens läuft einfach schnell. Aber der Stern der vor dir liegt ist doch schon zum Greifen nah. Jeder Tag,jeder Sonnenaufgang ist ein wunderbares Geschenk. Und dann die guten Erlebnisse, der Busfahrer der hält ausserhalb der Haltestelle und die vielen anderen Dinge die schon so schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Entscheidend ist doch der Punkt der vor uns liegt.

    • Der Emil sagt:

      Der Text war eine Momentaufnahme, ein kommuniziertes Gefühl; denn ich weiß ja, daß da Erinnernswertes war. Doch da war auch diese Ohnmacht im Angesicht der Leere, die ich – so völlig erschöpft, wie ich war – empfand. Das mußte raus …

  2. Ulli sagt:

    es rannte, dieses Jahr, schneller noch, als sonst, so erscheint es mir und auch ich fische in seinen Wassern und bin erstaunt was blieb und was nicht … ich bin froh, dass ich meine Bilder habe, sie geben mir eine gute Orientierung, Jahr für Jahr …

    • Der Emil sagt:

      Es verging wie im Flug. Vielleicht, weil ich mich trotz aller guten Vorsätze von der Hektik des „JETZT SOFORT“ viel zu oft mitreißen ließ?

      Du hast Deine Bilder, ich habe meine vielen Seiten beschriebenen Papiers und die Blogs … Viel zu wenige Tagebücher – in welcher Form auch immer – werden geschrieben und bleiben erhalten.

  3. Manchmal macht mich Deine Schreibe richtig traurig, und doch muss ich sie immer lesen, weil sie so toll geschrieben ist! 🙂

    • Der Emil sagt:

      Hättest Du statt traurig nachdenklich geschrieben, hätte ich mich still gefreut und gedacht: „Ziel erreicht“. Und jetzt? Jetzt bin ich gar nachdenklich …

  4. piri ulbrich sagt:

    Je älter ich werde, je schneller geht die Zeit vorbei – ein Phänomen das jeder beobachtet. Manchmal ist die Zeit gnädig, aber auch möchte man manchmal die schönen Stunden konservieren… Was ist besser? Zum Glück können wir das nicht beeinflussen.

    • Der Emil sagt:

      Wir können es doch beeinflussen, an was wir uns erinnern können. Ich z. B. muß doch nur DAS aufschreiben, an was ich mich in Zukunft erinnern will. Gut, dann kann ich mit meiner Auswahl unzufrieden sein, ja , und doch habe ich dafür gesorgt …

      Ich weiß nicht, ob die Zeit schneller vergeht oder ob ich nur besser werde in der Wahrnehmung der allgemeinen Verhektikung des Lebens …

  5. Michelle sagt:

    Hi Emil, du hast vollkommen recht. Wenn wir „arbeiten“, vergeht die Zeit oft ohne nennenswerte Zwischenfälle. Das Leben rauscht einfach so an einem vorbei. Aber wenn wir nicht arbeiten, dann geschieht an einem einzigen Tag meist so viel, dass wir es nicht mal alles im Detail in Worte fassen können. Und manchmal wird das echt zu viel. So halbe halbe, von jedem etwas, das wär das Beste. Hab schon so lange nichts mehr von dir persönlich gehört… liebe Grüsse and a big hug
    Michelle

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