Ein verstörender Leserbrief

Ohne Verpflichtung im Radio, Tag 6

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Ich glaube, ich wurde enttarnt, entdeckt, depseudonymisiert oder wie auch immer dieser Vorfall genannt wird. Unter anderem Namen schrieb und schreibe ich Pornographie. Wilde Sexgeschichten, die sich zum Teil aus meinem eigenen Erleben (auch in den entsprechnden Szenen) und zum Teil aus meiner unerfüllten (und erfüllten) Phantasie ergaben und ergeben. Aber nun, nun schrieb mir ein Leser. Der Verlag hat diesen einen Leserbrief für so wichtig gehalten, daß er nicht vom angestellten Leserbriefbeantworter bearbeitet, sondern an meine Privatadresse weitergeschickt wurde.

Ich bin mir sicher, daß auch der Absender ein Pseudonym ist mit gefälschter Adresse. Der Schreibstil, die Sprachverwendung, die Satzmelodie – all das paßt nicht zu einem männlichen Leser. Der Brief muß von einer Frau sein. Damit kenne ich mich ja aus. Mein Pseudonym ist schließlich auch weiblich, und ich als Mann schreibe die Ferkeleien aus Frauensicht im Frauenstil. Wahrscheinlich ist es umgekehrt einfacher: Als Frau unter Männerpseudonym zu schreiben, die einfachere, simple Sicht des Mannes auf den Sex zu nutzen, zu schildern, auszuschmücken. Was ich dagegen für jede Geschichte an Gehirnverschraubwindungsakrobatik benötige, um aus einem einfachen Fick eine leidenschaftliche, feministinnenkompatible und trotzdem als Geschichte geilmachende Liebesnacht zu kreieren …

Der Leserbrief jedenfalls, den eine sich als Mann ausgebende Frau schrieb, betraf die Geschichte über eine orientalische Nacht im Swingerclub in L. “Er” und ich hätten dort gemeinsam an der Bar gesessen, “er” hätte mit mir Prosecco getrunken und wäre dann mit mir zusammen im SM-Gemach gewesen. Ich erinnere mich noch genau. Da saß eine Frau mit mir an der Bar, ja, wir tranken Prosecco. Und ja, auch der Raum ist richtig. “Er” nennt mich in seinem Brief Schriftstellerin, die unter Pseudonym schreibt. “Er” nennt die weibliche Form meines echten Vornamens als den, den ich als Schriftstellerin nichtpseudonym tragen würde. Das macht mich stutzig.

Draußen vorm Haus hält ein Auto, ich hörte es gerade. Ich gehe zum Fenster; vorsichtig spähe ich durch einen Spalt zwischen den Lamellen der Jalousie auf die Straße. Es ist dunkel, und knapp außerhalb des Lichtkreises der Straßenlaterne steht ein dunkler Kombi, den ich aus der Wohngegend hier nicht kenne. Ich bin nervös, der Brief gleitet aus meiner Hand zu Boden. Ich will ihn wieder aufheben, werde aber mitten im Bücken vom schrillen Klang der Klingel gestört. Ich halte ein, wage kaum zu atmen. Da klingelt es wieder. Leise gehe ich zur Tür, schaue durch den Spion und sehe im Haus nur Dunkelheit. Erneut klingelt es, schrill, lang. ich greife zum Hörer der Wechselsprechanlage, nehme ihn vorsichtig ab und hauche ein “Ja?” hinein.

“Ich habe hier ’ne Pizza al forno für M. – und wir entschuldigen uns für die verspätete Lieferung mit einer Flasche Chianti gratis bei Ihnen! Macht dann nur 6.80 €.” “Neunter Stock, rechts” sage ich, betätige den Türöffner und hänge den Hörer wieder ein.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 27. August 2014 waren das Bild, die fertige Flickarbeit.
 
Tageskarte 2014-08-28: VIII – Die Kraft.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Ein verstörender Leserbrief

  1. Sofasophia sagt:

    merke: mit der pizzakuriernummer kommt man immer und überall rein.

    (fiktiv? erlebt? im reader gibts keine tags. so briefe? klingt spannend! könnt ich nicht.)

  2. wildgans sagt:

    Oha, meine höchsteigenen Schreibsehnsüchte erwachen an dieser Stelle, mir wird`s ganz heiß, oh, oh!

    • Der Emil sagt:

      Es widerstrebt mir, jetzt einfach drei Fragezeichen hier zu hinterlassen.

      Es gibt keinverlag und literotica und und und …

      auch ich hab es eines Tages einfach versucht (soviel zu «“fast völlig“ frei erfunden»).

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