Das Drehbuch

Drama. Sucht. Tragödie. Leben eben.

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Wut, Ärger, Ohnmacht. Diese verdammten Kopfschmerzen haben sich am frühen Morgen in seinem Schädel festgesetzt und trotzen jeder Medizin. Keine Tabletten, keine Umschläge, keine Meditation, kein autogenes Training – nichts hat auch nur den Hauch an bohrendem, schneidendem Druck genommen. Voller Verzweiflung war er schon fast auf dem Weg in die Kaufhalle, hätte beinahe seinem ärgsten Feind Tür und Tor und Kehle geöffnet. Wodka und Doppelkorn hatten früher zuverlässig dafür gesorgt, daß er wieder klar denken konnte. Nun gut, klar denken vielleicht nicht, aber zumindest schmerzfrei den Tag überstehen konnte er mit genügend Alkohol. Als jetzt auch noch das Telefon klingelt und er dem Geräusch nicht entfliehen kann, sinkt er im Flur auf den Boden. Da sitzt er, hält sich die Ohren zu und die Augen geschlossen. Ein kaum wahrnehmbares Wimmern tröpfelt mit dem Speichelfaden aus seinem Mundwinkel. Ihn hat die blanke Todesangst gepackt. Das ist schlimmer als die Kater waren, das ist viel, viel übler als damals der kalte Entzug von der Sauferei. Damals hatte er nämlich keine Todesangst, sondern Hoffnung auf ein abhängigkeitsfreies Leben. Irgendwie kommt er sich betrogen vor, weil er am Ende den Alkohol gegen eine ganze Reihe Medikamente eingetauscht hatte. Pillen, ohne die er kaum noch am Leben wäre. Pillen, deren Wirkung immer mehr nachließ. Bis heute.

Trotzdem. Trotzdem glaubt er, daß es genau das Wert war. All die Zeiten, die er noch erlebt hatte, all die Dinge, die er noch sehen riechen schmecken begreifen hören konnte. Im Suff hätte er davon nichts mitbekommen. Und nun ist es wahrscheinlich der richtige Zeitpunkt, daß er wieder mit einer Droge beginnt, einer Droge, die nicht legal ist und die ihm von seinem Hausarzt im Vertrauen empfohlen wurde. Er geht ins Wohnzimmer zurück und nimmt “Krieg und Frieden” aus dem Regal. Im Innern des präparierten Buches befinden sich alle notwendigen Utensilien; und zum ersten Mal in seinem Leben, in der Hoffnung auf die versprochene Schmerzlinderung, dreht er sich keine Zigarette …

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 14. August 2014 waren der leckere Kaffee, der sortierte Zettelhaufen.
 
Tageskarte 2014-08-15: Die Zehn der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Das Drehbuch

  1. Sofasophia sagt:

    ooOo? neue geschichte? wie es weiter geht? in cliffhanging bist du genial, im erzählen auch.

  2. Ganz super geschrieben, so traurig auch der Inhalt und Hintergrund sein mögen.

  3. wildgans sagt:

    Gerne würde ich mal in Deiner Zettelsammlung wühlen! Wäre alles gut lesbar?

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