Der Klassiker

Nicht nur “Gesunder Menschenverstand” ist gut, aber unperfekt

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Nicht ganz korrekt erinerte ich mich all die Jahre an ein Zitat von Friedrich Engels, aus seinem “Anti-Düring”, das etwas über den gesunden Menschenverstand sagt:

 

 

Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt …

Hier zitiert von MLWerke – Stimmen der proletarischen Revolution.
MEW 1962, Bd. 20, S. 21

 

 

So weit, so gut. Bis hierher ein sinnfälliger Satz, einer, den wohl viele Leser und Leserinnen nickend lesen und von dem viele denken werden: Jaja. Aber er geht ja weiter und es geht in diesem “Anti-Düring” (F. Engels: Herrn Eugen Düring’s Umwälzung der Wissenschaft.) um eine Wissenschaft, die heute üblicherweise nicht mehr als eine solche angesehen wird (eher in die esoterische Ecke gedrängt wird), nämlich um die Metaphysik (die allerdings und glücklicherweise noch immer eine der Grunddisziplinen der Philosophie ist).

Metaphysik … Hinter/Jenseits der Natur. Fragen, die nicht gestellt werden könnten, die nicht gestellt werden sollten und doch beinahe jeden Menschen beschäftigen. Gibt es “Gott”? Wann beginnt und endet das Leben eines Menschen/Tieres? Was ist der Sinn des Lebens? Hat Leiden einen Sinn? Gibt es die Seele und wenn nein, wo? Metaphysik, über die es wundervolle Bücher von Immanuel Kant gibt. Metaphysik, die in der Form einer “metaphysischen Ebene” häufig mißverstanden und mißverständlich verwendet wird.

Das Zitat von Engels geht übrigens nach einem Semikolon so weiter:

«… und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Für alltägliche Fälle wissen wir z.B. und können mit Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert oder nicht; bei genauerer Untersuchung finden wir aber, daß dies manchmal eine höchst verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut wissen, die sich umsonst abgeplagt haben, eine rationelle Grenze zu entdecken, von der an die Tötung des Kindes im Mutterleibe Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den Moment des Todes festzustellen, indem die Physiologie nachweist, daß der Tod nicht ein einmaliges, augenblickliches Ereignis, sondern ein sehr langwieriger Vorgang ist.»

Weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, deren Veränderung, deren Bewegung vergißt; weil sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht: Diese Eigenschaften der Metaphysik sind doch Charakteristika des fehlerbehafteten Menschseins, des Unperfekten – daß nicht alles gesehen wird, etwas übersehen oder vergessen wird.Und so wundere ich mich, daß ein so unperfektes Wesen wie die Menschheit so perfekte Dinge wie Mathematik, Musik, Malerei, Chemie, Physik und Kosmologie fertigbringt …

Und so wundere ich mich, daß ein so unperfektes Wesen wie die Menschheit als Ganzes oder der Mensch als Einzelner so perfekte Dinge wie Mathematik, Musik, Malerei, Chemie, Physik und Kosmologie fertigbringt …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. Juli 2014 war die geschaffte Arbeit, der Abend.
 
Tageskarte 2014-07-24: Die Zwei der Schwerter.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Der Klassiker

  1. Sofasophia sagt:

    vielleicht ist ja der wunsch nach perfektheit einer unserer motoren, uns stetig weiterzuentwickeln?

    spannendes gedankenfutter!

    • Der Emil sagt:

      Ja, Marx und Engels und eine ganze Menge der „kommunistischen“ Klassiker haben die eine oder andere Überraschung zu bieten … (Wie auch die Bibel u.a. Bücher.)

      Perfektionionismus — ich habe ihn für mich durchaus als kontraproduktiv eingeordnet.

  2. Ulli sagt:

    und doch müssen auch die sogenannten perfekten Wissenschaften von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden, da wir immer nur so viel in Zahlen und Formen umwandeln können, wie unser Hirn es gerade eben vermag … es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, nur ihre Aufnahme in die Schulbücher dauert oft länger, als mir lieb ist- (ich denke dabei z.B. an die Quantentheorie, die ja so einiges auf den Kopf stellt.)

    hab einen guten Tag, lieber Emil
    herzliche Grüsse Ulli

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