2. Türchen: Hannes‘ besondere Adventszeit (Nº 336)

Ein Geschenk ohne Geschenk

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind. Und ganz besonders schreibe ich meinen Adventskalender in diesem Jahr für eine Bloggerin.
 
Ich wünsche mir und Dir, Chaoskatze, eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für Dich und für alle Menschen, die Hoffnung brauchen.

 

 

Schon das zweite Jahr beginne ich die Adventszeit als Junggeselle – obwohl ich das längst nicht mehr bin. Geschiedener könnte ich mich auch nennen. Wie dahingeschieden fühle ich mich auch, seit ich im August des vorigen Jahres weggeschickt wurde. Weggeschickt aus dem erträumten Leben mit Frau und Kindern und Familie und Urlaub und Kleingarten und: Weihnachten. Nach nur acht Monaten war ich nur noch Störfaktor in deiner Familie. Einen Vorteil hat das allerdings. Der Einkauf für eine ganze Vorweihnachtswoche paßt in meinen Rucksack, ich muß nicht zwei- oder dreimal laufen. Alles andere ist fad, grau in grau.

Gleich bin ich wieder zuhause. Natürlich habe ich alles aufgebaut, was für mich zur Weihnachtszeit dazugehört. Der Adventsstern, die Schwibbögen, die Weihnachtspyramiden, alle meine Räuchermännchen und -häuschen, alle Leuchter. Sogar ein paar Fichtenzweige habe ich mir aus dem Wald geholt. Aber all das läßt keine rechte Weihnachtsstimmung bei mir aufkommen, also lenke ich mich ab, so gut es eben geht. Ganz routiniert öffne ich meinen Briefkasten, greife den Wust Prospekte und will ihn wie immer in hohem Bogen in die Altpapiersammelkiste des Hausmeisters werfen. Doch da ist etwas, etwas anderes, etwas besonderes. Obenauf liegt ein Brief an mich, den ich vorsichtig in die Innentasche meiner Jacke stecke. Dann erst segelt das Altpapier weg.

Während ich die Treppen hinaufsteige, schau ich mir den Brief an. Rot-grün kariert wie ein Schottenrock ist der Umschlag. Einen maschinengeschriebenen Aufleber mit meiner Anschrift und eine Briefmarke sehe ich. Doch es ist kein Absender zu finden, und der Poststempel ist nicht entzifferbar. Vielleicht ist es auch nur Werbung, denke ich, lege den Brief auf den Tisch und räume zunächst meinen Einkauf weg.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Erst spät am Abend, als ich aus der Badewanne steige, fällt mir der Brief wieder ein. Endlich dreht sich eine Pyramide, ein Räucherkerzchen verbreitet seinen Duft und im Radio wird irgendein klassisches Konzert gesendet. Ich öffne den “Schottenschriebs”. Auch nur ein Computerausdruck, das sehe ich noch bevor ich das Papier entfaltet habe. Dann bleibt mir das Herz stehen:

Lieber Hannes,
 
trauerst Du mir immernoch nach? Voriges Jahr im August habe ich Dich sehr verletzt, das weiß ich. Und ich konnte Dir auch nicht erklären, warum ich das tat. Weil … Weil niemand wußte, was in diesem Jahr nun geschah. Deshalb habe ich mich von Dir getrennt. Ich wollte nicht, daß Du das alles miterlebst.
 
Was genau das war und ist, das möchte ich Dir gern erzählen, Nicht am Telefon, nicht hier in diesem Brief. Denn ich habe in diesen sechzehn Monaten eines gemerkt, gelernt und begriffen. Du und ich, wir haben dieselbe Vorstellung vom glücklichen Leben. Und zu meinem glücklichen Leben könntest Du dazugehören.
 
Lieber Hannes, wenn Du mich und die Kinder und richtiges Weihnachten noch ein bißchen magst, dann lade ich Dich ein. Wenn Du möchtest und es Dir möglich ist, verbringe doch bitte die Zeit vom 20. Dezember bis zum 6. Januar mit uns, hier bei uns. Wir möchten keine Geschenke, wir wünschen uns nur, daß Du Weihnachten zuhause bist, bei uns zuhause.
 
Und wenn Du das jetzt gelesen hast und noch immer lebst und mich noch immer magst, dann ruf jetzt bei mir an! Ich glaube, ich liebe Dich; schonwieder immernoch. S.

Langsam lasse ich den Brief sinken, greife nach meinem Telefon und wähle die Nummer, die Du noch als P.S. mit der Hand daruntergeschrieben hast. Ich höre es tuten, und meine Stimme zittert, als ich ins Telefon sage: “Ich Dich auch, immernoch schonwieder. Vielen, vielen Dank für das allerschönste Weihnachtsgeschenk in meinem Leben.”

 

 

Eine friedvolle, besinnliche Zeit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 1. Dezember 2013 waren die restliche Weihnachtskramaufstellerei, zwei sehr nette Gespräche und eine Menge guter Nachrichten.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Antworten zu 2. Türchen: Hannes‘ besondere Adventszeit (Nº 336)

  1. Hui! 😀
    Da fehlen mir jetzt die Worte. Das ist ja wunderbar, da rückt alles Materielle an Weihnachten vollkommen in den Hintergrund. Ich wünsche euch eine wundervolle Weihnachtszeit und auch danach noch alles Gute! *schief* Das ging mir jetzt sehr ans Herz.
    Ganz lieben Gruß von Charly 😀

  2. Das wäre schön, wenn es wirklich passieren würde.

  3. Amelie sagt:

    Lieber Emil,
    heute an Tag zwei schon mal ein Danke für Deinen Adventskalender 2013. Ein Danke für alle Kerzen, Räuchermännchen und und und
    Als ich vor einigen Wochen nach meinem Weihnachtswunsch gefragt wurde, habe ich geantwortet: Ich wünsche mir Zeit mit Dir zusammen. Anders als die Jahre davor sollte Weihnachten werden.
    Mit okularer Feuchtigkeit trolle ich mich in den Tag
    Amelie

    • Der Emil sagt:

      Es braucht die Weisheit und die Erfahrung eines halben Lebens, ehe die wirklichen Weihnachtwünsche ausgesprochen werden (glaube ich) …

  4. Gudrun sagt:

    Es wäre nicht, es ist eine schöne Geschichte, so wie man sie sich wünscht. Das sind so diese Geschichten, die einen schon mal das Taschentuch suchen läßt. Hach, was für ein Glück! Das gönnt man einfach jedem.
    Manchmal tun solche Geschichten aber auch weh. Und dann muss man sie ein bissel umschreiben.
    Gruß von der Gudrun von nebenan

    • Der Emil sagt:

      Es ist eine Geschichte, ja. Und sie hat das, auf das wahrscheinlich viele Menschen in ihrem wahren Leben vergebens warten: ein Wunder (-volles Happyend) …

  5. Inch sagt:

    Ich freue mich einfach für Dich!

  6. Trotzdem Emil … alles Gute und viel Segen.
    Eine frohe Seele und ein lachendes Herz….
    Ich wünsche dir alles das, was deine Seele braucht um glückselig zu sein.
    HERZ-lichst
    M.M.

  7. Ulli sagt:

    ich heule …
    Emil, ist das jetzt wahr oder fiktiv, wenn es wirklich wahr ist, dann freue ich mich, dann sind meine Tränen Freudentränen
    liebe Grüße
    Ulli

  8. Elvira sagt:

    Und da sieht man mal wieder, auch ein nicht mit der Hand geschriebener Brief könnte ein wunderbares Geschenk sein. Schreibe ich einen längeren Brief mit der Hand so käme das einer Körperverletzung für den Empfänger gleich – möge der Inhalt auch noch so liebenswert sein. Das war eine schöne Geschichte. Aber Du weißt schon? Manchmal werden die geheimsten Träume wahr.
    Liebe Grüße von Elvira

  9. S(tef)unny sagt:

    Das ist die schönes Weihnachtsgeschichte des Jahres !

  10. Gabi sagt:

    Was für eine schöne Geschichte. Auch wenn nichterlebt, gibts ja bei Dir meistens einen Bezug zu Dir. Und solche Ereignisse wünschen wir uns doch alle mal. Sehr oft bleibt es aber doch beim wünschen.
    Bin auch sehr gerührt von der Geschichte und dass Du auch an andere denkst, denen es nicht so gut geht.

  11. Das wäre natürlich für dich wunderschön, aber …..

    es ist eine Geschichte die zu Herzen geht.

    Aber bitte was ist @ Schwibbögen @

    Lieben Gruß

    Kathrin

    P.S. schon wieder, ich würde gerne alle deine Geschichten lesen, aber ich habe einen kranken Kater und er braucht seine Medizin.
    Aber ich werde sie nach und nach lesen.

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