Nahe dem Herzstillstand
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Über dem Teich steigt Nebel auf. Aus einer dichten Schicht, die etwa zwanzig Zentimeter über der spiegelglatten Wasseroberfläche liegt, lösen sich einzelne Fetzen, ganze Schleier und durchscheinende Wände aus fast leuchtend weißem Dunst. Die Fichten und Buchen ringsum lassen nur einzelne Strahlen der aufgehenden Sonne hier herunter durch. Es riecht nach feuchtem Laub, nach Harz, nach Sumpf und Moor. Oberhalb der Gummistiefel ist meine Hose an den Knien durchnäßt. Die Wattejacke aus NVA-Beständen ist innen noch trocken. Nur zwei oder drei Grad weniger, und ich könnte Atemwölkchen vor meinem Mund sehen. Meine Hände habe ich tief in den Hosentaschen vergraben, da ich jetzt hier stehe und verschnaufe von meiner halben Stunde Gewaltmarsch bis hierher.
Es ist beinahe paradiesisch still hier mitten im Wald. Nicht ein einziger Vogel singt. Es sind keine Geräusche zu hören, die sonst so untrennbar mit dem menschlichen Dasein verbunden sind: Radiomusik, Verkehrslärm, Maschinengeräusche, Gespräche. Nichts. Nur mein eigener Herzschlag und mein eigener Atem, die sich beide langsam normalisieren. Hinter mir knackt es im Unterholz. Nochmal. Quatsch, hier ist nichts und niemand außer mir. Doch. Da, schonwieder. Vorsichtig wende ich den Kopf, drehe meinen Körper in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Da drüben, da wackeln Zweige. Bei Windstille. Ich versuche, den drängenden Hustenreiz zu unterdrücken. Als ich es nicht schaffe und in ein Bellen ausbreche, kracht es laut. Direkt neben mir springt ein Reh aus dem Gebüsch, springt mich beinahe an und fliegt an mir in einer Armlänge Abstand vorbei ins nächste Dickicht. Mein Angstschrei beendet den Hustenanfall abrupt.
Für eine Weile lehne ich mich an den nächsten Baum, gehe mit zitternden Knien in die Hocke. Wische mir den Schweiß aus dem Gesicht. Mein Puls ist weit über 180 und sinkt nur langsam. Zittrig drehe ich mir eine Zigarette – das Rauchverbot im Wald ist mir jetzt scheißegal. Langsam inhaliere ich zwei oder drei Züge, aber es schmeckt nicht und ich lasse den Glimmstengel in eine kleine Pfütze fallen, die sich im Abdruck meines Gummistiefels gebildet hat. Danach suche ich mein Messer. Mein Messer! Es ist weg. Hosentaschen und Jackentaschen durchsuche ich mehrfach, es bleibt verschwunden. Ich finde meinen Spankorb, den ich vorhin vor Schreck fallenließ, und hebe ihn auf. Ah: darin liegt auch mein Messer. Na gut, dann gehe ich jetzt endlich los und sammle Pilze.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 14. September 2013 war der Musikantenstadl als entspannendes Kontrastprogramm (obwohl er früher weniger “aufgepoppt” und daher wesentlich schöner war).
© 2013 – Der Emil. Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
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ooooh, pilze sammeln … ich dachte schon, du schreibst einen thriller 🙂
gute nacht und schlaf gut. hoffentlich wieder bei normalpuls!
^“Lesen Sie in Folge zwei: Wie die Giftpilze zubereitet werden. Folge drei: Der Gatte aß die Pilze nicht. Folge vier: Warum er doch mit eingeschlagenem Schädel tot aufgefunden wurde.“
du meinst, sie könnte ihn auf pilztrip erschla… oh weh und ach. oder wars vielleicht doch der gärtner?
(freu mich auf die fortsetzung!)
Neeeeeiiiiiiiiiiiiiiin. Es gibt keine Fortsetzung – jedenfalls nicht von mir.
(Ich übe grad Schreiben. Stimmung schaffen, Ambiente. Die Balance zwischen Kitsch, Andeutung und Detailverliebtheit zu halten. Zeitformkonsistenz.)
das ist dir hier gelungen!
Ihn hat dann wohl der Pfannenschlag getroffen. 🙂
Ach, Du kennst diesen alten Witz (Sketch aus dem Umfeld von Juhnke oder Hallervorden?) auch …
So ist es. 🙂
(Und ich hab mich immer gefragt, ob auch manchmal Gattinnen keine Pilze mögen.)
Gut geschrieben 🙂
Liebe Grüße
Stefan
Oh, danke!
Meine Güte, Emil! Ich habe mir schon beim Lesen fast in die Hose gemacht. Pilze suchen gehe ich in diesem Jahr nicht mehr!!!
Ich habe es heute versucht … Ach ja. ’s ist auch nicht mehr das, was es mal war.
Danke! 😉