Mal wieder: Wolf Biermann (Nº 163)

Irrung von 1977. Frankfurt am 1. Juni 2013.

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Nein, ich habe mich bisher nicht geäußert zu den Geschehnissen anläßlich der Blockupy-Demo (exemplarisch dieser Bericht von Niema Movassat). Über so manche Äußerung verantwortlicher Personen wunderte ich mich im Nachhinein sehr: Plakate und Regenschirme zählen zur passiven Bewaffnung, Sonnenbrillen und Kopfbedeckungen sind Vermummung. Wo sind wir denn hingeraten?

 
Jetzt klagen sie groß

Jetzt klagen sie groß über Terror
Und jagen uns mehr als vorher.
Und etliche sagen: Das kommt davon.
Aber wenige fragen: Woher.

Und die da noch offen was fragen
Mit denen ist schon was faul.
Und die es noch öffentlich sagen
Die kriegen eins vor das Maul.
Die kriegen das deutsche, das neue
Das Schandzeichen aufgebrannt:
Ach, das, was grad gestern noch Jud war
– das wird hier der Sympathiesant.

Jetzt klagen sie groß über Terror
Und jagen uns mehr als vorher.
Und etliche sagen: Das kommt davon!
Aber wenige fragen: Woher.
    O Mann, o Mann, das Kommt mich an!
    aber wenige fragen: Woher.

Wolf Biermann: Alle Lieder. S.291
2. Aufl., Ungekürzte Lizenzausgabe f. d. Bertelsmann Club GmbH Gütersloh
© 1991 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Im Nachwort zur 2. Auflage schreibt Wolf Biermann selbst zu diesem Lied: «Der Leser wird und soll zwei kranke Lieder finden. [ … ] Das zweite Lied schrieb ich im ersten Schreck nach meiner Ausbürgerung. Ich war damals schwer durchn Wind. Ich wußte weder wo ich war, noch wer ich nun war. Und ich wußte schon gar nicht wer ich bleiben und wer ich werden sollte. Es war die Zeit, als die selbstgemordeten RAFler in Stammheim starben. Über die Staatsterroristen in der DDR wollte ich damals nicht schreiben, also schrieb ich über diese terroristischen Bürgerkinder. Gefährlich flott dichtete ich
 
      Ach, das, was grad gestern noch Jud war
       – das wird hier der Sympathiesant.
 
Diese Hysterie war grad aus meinem Munde doppelt unerträglich. Einer wie ich hätte den feinen Unterschied zwischen dem Verbrechen an den Juden und der albernen Sympathie­santenhatz der Bundesrepublik des Jahres 1977 kennen müssen.»
(ebd. S.462 f.)

Und die Frankfurter Polizei? Die verantwortlichen Politker? Die machen sogar aus Spaziergängern, die zufällig an dem zum Polizeikessel vorgesehenen und umfunktionierten Ort waren, und aus Menschen, die ihr Versammlungsrecht, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung usw. usf. wahrnahmen, gewaltbereite, gewalttätige Rechtsverletzer!? Huch?

Ich erinnere mich knapp 24 Jahre zurück. Leipzig, Augustusplatz, nicht vorm Schauspielhaus, sondern vorm Gewandhaus. Chemnitz, Straße der Nationen. Annaberg-Buchholz, Am Emilienberg. Plauen, Theaterplatz. Die “Diktatur” war lange nicht so skrupellos wie das Kapital … Zumindest auf der Straße.

Und dann Wolf Biermanns Lied … Wird der “Sympathiesant” bald durch den Demonstrant ersetzt, und ist er das, was der IM erst gestern noch war?

(Nun, auch ich meine das hier nicht soooo ernst, nicht wahr?)

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11. Juni 2013 war der sonnige Abend am Ententeich.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Mal wieder: Wolf Biermann (Nº 163)

  1. Sofasophia sagt:

    spannende gedanken!
    es spricht für biermann, dass er nachträglich relativiert hat.
    (was heisst denn IM in nicht-abgekürzt?)
    das mit den schirmen & co. gibt zu denken! *grmpf*

  2. Gudrun sagt:

    Ach Emil, auf dem Augustusplatz ging alles u.a. friedlich zu, weil ein Freund von uns mit Kollegen in seiner Wohnung saß und eine Erklärung an seine Dienststelle formulierte. Der Freund war Polizeioffizier, sollte nach der Wende übernommen werden. Er hat abgelehnt.
    Den Wolf Biermann mag ich leider nicht. Ich kann mich mit seiner Art einfach nicht anfreunden.
    Dass mit den Schirmen dient sicher nur der nachträglichen Rechtfertigung der überzogenen und wahrscheinlich von Angang an geplanten Vorgehensweise gegen Demonstranten. Oder sollten wir im verklemmten Land in Zukunft nackend zur Demo gehen? Diese Kleiderordnung erwarte ich dann aber von der Polizei auch. 🙂
    Als ich Orwells 1984 zum ersten Mal las, dachte ich noch: „Ach, wie gruslig. Bloß gut, dass es nur eine Geschichte ist.“ Heute macht man ja keinen Hehl mehr daraus, dass der große Bruder alles mit liest. Regt es wen auf?

    • Der Emil sagt:

      Gudrun, das war ja nicht nur aufm Augustusplatz, das war ja auch – bis auf wirklich wenige Ausnahmen, z.B. Dresden, als die Züge durchfuhren – überall anders so. Bei den „Organen“ waren Menschen, die mit dem Anlegen der Dienstkleidung nicht ihre Menschlichkeit ablegten – nicht alle, aber doch viele.

      Mit Biermann hatte ich früher auch meine Not, wurde ich doch 1979 wegen seiner Liedtexte zum EOS-Direktor und zwei weiteren Herren geholt. Hatte ich doch den Ausbürgerungsvorgang in meinem Abschlußaufsatz der 10. Klasse (mit dem Buch „Kein Ort. Nirgends.“ von Christa Wolf verknüpft) thematisiert. War ich doch danach gründlich davon überzeugt (worden), daß Biermann ein Arschloch sei. Und: Als ich das erste Konzert in Leipzig dann viele Jahre danach in voller Länge sah und auch seine Sicht auf die Dinge von 1977 kannte, tat ich Abbitte …

      Den Orwell muß ich mir endlich mal vornehmen, scheint eine eklatante Leselücke bei mir zu sein.

      Ja, und nochmal zu Ffm: Wieso waren schon wenige Minuten nach der Einkesselung Dixies vor Ort???

  3. Ja, und ich überleg noch, ob ich den nächsten Post auch als Hausmitteilung, exklusiv an die NSA titel, und so die zum Bildschirm verpflichteten Jungs und Mädels in Hawai und anderswo herzlich grüße. ^^

    Bin mir aber noch nicht sicher. Vllt. mach ich heut mal eine Pause und poste Titel morgen wieder.

  4. irgendlink sagt:

    Eben, als ich die Einfahrt zur Wohnung auf öffentlicher Straße gefahren bin – es ist eine schlimme Kurve, die gerne geschnitten wird, das ist bekannt und das Schneiden macht jeder und es wird allgemein toleriert – wurde mir die Gewichse-Gesellschaft bewusst. Die kleingeistige Intoleranz Gesellschaft. Dass die Menschen keinen Millimeter von ihrem – zu Recht – gegebenen Recht abweichen und nach kalten Mechanismen handeln, die sie nicht hinterfragen müssen erfährt man im täglichen Machtkampf auf den Straßen am Besten. Genauso: unhinzerfragt und trotzig wie Kindergartenkinder, stelle ich mir vor, muss sich das Innere so manchen Polizeieinsatzleiters / Politikers / Sonstwie-etwas-zu-sagen-Habers anfühlen.
    Regenschirme, ich fass es nicht! Sobald das erste Wattebällchen durchs Auge bis ins Hirn fliegt, eskaliert die Sache.

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