Traumfangen (#229)

Wie in Trance schreiben

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Beim Wachwerden, in dem Moment, da sich die Augen noch nicht so ganz öffnen wollen, war er noch da. Der Traum. Er war das Einzige und alles, was meinen Geist beschäftigte.

Ich stieg aus dem Bett, setze – dabei immer den Traum erinnernd – den Kaffee auf und mich mit dem Schreibzeug an den Küchentisch. Mit dem röchelnden Blubbern der Kaffeemaschine verschwand auch jegliches Bild und jedes Wort vom Traum.

Weg.

Ganz weg.

Überhaupt nie dagewesen.

Unwiederbringlich verloren.

Kein Traum wiederholt sich völlig identisch.

Das weiß ich.

Das dachte ich. Bis eben.

Bis ich schweißgebadet wieder erwachte und wußte, wußte, daß ich die exakte Wiederholung geträumt hatte. Ich wußte es. Absolut identisch geträumt. Und der Traum selbst war – wie vorzeiten mit Fleiß und Lust und Innbrunst auswendig gelernt – vollständig vorhanden in meinem Kopf.

So sitze ich jetzt am Tisch und schreibe auf, was mir träumte. Szene für Szene, und Satz für Satz, Wort für Wort auch das, was die Gestalten im Traum sprachen. Je länger ich schreibe, desto mehr Einzelheiten fallen mir wieder ein. Desto öfter blättere ich zurück und ergänze Kleinigkeiten auf den Anfangsseiten.

Figuren tauchen wieder auf, die im Traum nur halb sichtbar, nur erahnbar in den Schatten sich verbargen. Die flüsterten, warnten, anfeuerten. Auch ihre Gesichter kann ich beschreiben und ihre Kleidung und das Fahrrad eines Mädchens, das hinter mir vorüberfuhr.

Und ich schreibe. Schreibe. Schreibe. Schreibe. Blatt um Blatt mit Einzelheiten muß ich zwischen meine bisher 26 Seiten einfügen. Schneller. Schneller. Schneller. Immer flüchtiger, schludriger wird meine Schrift, obwohl ich weiß, daß ich den Traum nicht vergessen kann und werde, also alle Zeit der Welt – wirklich alle Zeit der Welt – hätte. Ich schreibe den Traum weiter auf und ergänze vorn immer mehr, gehetzt, wie im Fieber oder in einer Trance.

Als ich das sechste Ergänzungsblatt nach Seite sieben einhefte, klingelt mein Wecker …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. August 2012 waren der Workshop und das Treffen in Leipzig.

© 2012 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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229 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 378 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Traumfangen (#229)

  1. S(tef)unny sagt:

    Mist !
    Hatte ich mich so gefreut für Dich.
    Geniale Einfälle und Ideen träume ich und während des Wachwerdens, versuche ich es festzuhalten, aber sobald ich die Augen öffne …. verschwindet alles 🙁 und ich bin wieder durchschnittlich, ganz und gar ich.
    Seufz.

    • Der Emil sagt:

      Wieso? Der Träumer hat den Traum vom nicht festzuhaltenden, dann sich wiederholenden und leider doch nicht vollständig notierbaren Traum doch nicht nur geträumt, sondern auch aufschreiben können?

      Mittlerweile schreibe ich Träume auf, wenn ich aus ihnen erwache, oder ich sprech sie auf meinen OGG(MP3)-Player.

  2. Inch sagt:

    Ooh. Blödes Ende

    • Der Emil sagt:

      Die Endszenen von Träumen sind ebenso irreal wie der Traum selbst. Und wenn jemand träumt, daß ein Traum duch einen klingelnden Wecker beendet wird und dann diesen Traum noch aufschreibt … Also ich habe meinen Traum vom wiederholten Traum (ja, ich habe davon geträumt, daß ich einen Traum hatte) – na gut, ein paar Teile hab ich weglassen müssen – festhalten können. Daß mich der Wecker aus einem Traum reißt, habe ich nämlich geträumt! (Ja, sehr kompliziert; was würde ein Traumdeuter da nicht alles herauslesen können.)

    • nextkabinett sagt:

      Och! Ich habe sehr geschmunzelt. Mir gefällt das Ende.

  3. Sofasophia sagt:

    super geschriebene geschichte!

    dein träumer ist genial in worte gepackt. schöne sprache! und ja, das ende ist richtig gut.

    ich persönlich kenne beides, das nichtfesthaltenkönnen und das inwortenfesthaltenkönnen.
    und bei mir gibts diese mehrschichtigen träume auch oft: dass ich im traum erwache und auf der vermeintlich wachen ebene weiterträume. ich mag es, dass sich träume letztlich doch nie wirklich und nie ganz festhalten und interpretieren lassen. nicht mit dem besten buch und nicht mit den besten kenntnissen, weil jeder traum eine momentaufnahme ist.

    nun grinse ich, denn mir fällt ein, dass wir eine in der klasse hatten, die jeden aufsatz so beendete: und dann wachte ich auf und merkte, dass alles nur ein traum war.

    bei dir aber passt das. es muss sogar. es muss so. 🙂

  4. Gudrun sagt:

    Naja, und dann setz dich eben hin und träum nochmal. Das geht. Wetten?

  5. Dina sagt:

    Emil, das war richtig toll.

  6. tom-ate sagt:

    Der Traum im Traum im Traum… So kommt mir das vor. Wie diese Matroschka-Puppen. Wer weiß, vielleicht sind wir alle irgendwie in einem Traumzustand und plötzlich klingelt der WAHRE WECKER. Was kommt dann?

  7. Frau Blau sagt:

    wunderbar geschrieben, lieber Emil,

    ich lernte, dass man auch träumen lernen kann, sprich das Bewusstsein dahin zu schulen die Träume bewusst wahrzunehmen und ja, sogar einzuschreiten, wenn es bedrohlich oder sonstwie unangenehm wird, aber ganz ehrlich, das klappte in der besonderen Lernsituation prächtig, aber während der AlleTage gelingt es mir selten. Nur heute habe ich noch einen sehr bunten Traum in mir und den werde ich jetzt auch gleich mal notieren.
    Einst erzählte mir ein Freund, dass es ein kleines Inselvolk gab oder gibt, das den wunderbaren Brauch hat/hatte, sich bei einem/einer zu entschuldigen, hat man schlechtes von ihm/ihr geträumt, oder zu beschenken, wenn es etwas schönes war…

    Und am Ende dieses Kommentars möchte ich noch die kleine Geschichte anbringen, als einst einer von einem Schmetterling träumte, als er dann erwachte, fragte er sich, ob er einer ist, der träumte ein Schmetterling gewesen zu sein, oder ein Schmetterling, der gerade träumt Mensch zu sein…

    herzliche Grüße
    Frau Blau

    • Der Emil sagt:

      Träumen lernen – nun, ich kenne das als programmiertes Träumen 😉 und es funktioniert.

      Irgendwo habe ich diese Inselvolkgeschichte auch schon gelesen …

  8. Frau Blau sagt:

    könnte grad…. mein Kommentar ist nämlich weg… also noch einmal grrrr…..

    gut geschrieben, lieber Emil, ich lernte einst, dass man selbst träumen bewusst erlernen kann, soll heißen, das Bewusstsein dahin zu schulen den Traum 1. bewusst wahrzunehmen und 2. auch einzuschreiten, wenn es unangenehm oder sonstwie vonnöten sein sollte. Ein weiterer Tipp war, gleich neben dem Stift, Buch und Taschenlampe bzw. Stirnlampe liegen zu haben, um beim Erwachen den Traum aufschreiben zu können. Ich machte es manchmal sogar mit geschlossenen Augen, das war zwar hinterher schwer zu entziffern, aber mein TraumTageBuch füllt sich. Leider sind meine AlleTage Zurzeit so dicht, dass ich es nicht (mehr)schaffe.
    Dann möchte ich dir noch von einem kleinen Inselvolk erzählen, das den Brauch hat/hatte sich bei dem Menschen zu bedanken oder zu entschuldigen von dem/der geträumt wurde, je nachdem ob es etwas Gutes oder Schlechtes war.
    Was mir zeigt, dass nicht alle Menschen denken: Träume sind Schäume-

    und zuletzt: es träumte einst jemand er sei ein Schmetterlin, als er erwachte,m fragte er sich ob er ein Mensch sei, der träumte ein Schmetterling gewesen zu sein oder ein Schmetterling, der träumt ein Mensch zu sein…

    in diesem Sinne wünsche ich dir einen schöööönen Tag uund grüße dich herzlichst

    • Frau Blau sagt:

      nu war er doch noch da… na ja… verstehe einer das Netz

      • Der Emil sagt:

        Kommentar da oder nicht da: Aus schlechter Erfahrung heraus moderiere ich alle Kommentare, d.h. sie erscheinen erst, wenn ich sie gelesen habe (Schutz vor brauner Mehlschwitze usw.) – es bedarf aslso nur eines Quentchens Geduld 😉

        Gegen die schwer erkennbare Schrift hilft ein Diktiergerät (oder ein Gerät mit entsprechender Funktion).

        Ich wünsche ebenfalls einen schönen Tag.

        • Frau Blau sagt:

          ich morderiere ach, normalerweise aber erscheint mein Kommentar bei dir mit dem Vermerk, muss erst noch moderiert werden… ich hatte gerade selbiges Problem bei Mützenfalterin, warum auch immer noch, Hauptsache du kannst nun meins lesen 😉

  9. Gabi sagt:

    Eine tolle Geschichte, die mich zum schmunzeln brachte. 🙂

    Mir ist, als träumte ich so gut wie nie. 🙁 Ich weiß ja, dass jeder Mensch träumt, nur ich weiß eine Träume nicht – also nicht nur, dass ich den Traum nicht mehr weiß, sondern ich weiß auch gar nicht dass ich überhaupt geträumt hatte. Nur in den recht seltenen Fällen, wo ich morgens aufwache und nochmals einschlafe oder wenn ich zu anderen Zeiten mal kurz einschlafe, z. B. nachmittags, dann träume ich und kann mich auch meist daran erinnern. Irgendwie komisch
    LG Gabi

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