Lesung im Rauschickermann (#204)

Das Kunstraum-Wort – der Wortkunst-Raum.

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Am Freitag, vorgestern, machte ich wieder einen Besuch im Kunstraum Rauschickermann, dieser großen, bunten Verkaufsausstellung “junger Kunst” aus Halle. Fünfzig Künstler. Ein Raum. Viele Kunstwerke. Sehr viele Kunstwerke.

Mehrmals war ich dort, im Schnitt wöchentlich einmal. Miterlebt habe ich, wie nach und nach Skulpturen den Kunstraum verließen. Wie an den Wänden Lücken sich auftaten, wenn Zeichnungen, Malerei, Drucke oder Photographien abgeholt wurden von ihren Käufern. Und kurze Zeit später waren die verbliebenen Werke sanft neu arrangiert.

Ein ganzes Abteil – anders kann ich diesen nicht abgeschlossenen und trotzdem deutlich abgegrenzten Bereich nicht nennen – wurde sogar mehrfach komplett umgestaltet. Auch im Rahmen von Kunstaktionen. So erschien der feste, sich nicht verändernde Raum immer wieder verwandelt – wie eine Diva (im besten Sinne), die ihr make-up und ihre Frisur und ihre Garderobe der Tages- oder Jahreszeit anpaßt oder den verschiendenen Anlässen.

Und am Freitag war eine Lesung.

Das Wort

Am vorletzten Abend besuchte ich “Hotel Europa”, eine Lesung mit Gedichten und Erzählungen von André Schinkel und Mario Schneider. Zwei Herren – sie verzeihen mir hoffentlich die (rein optische) Assoziation mit “Laurel und Hardy” – saßen an einem Tisch, der aus der guten Stube meiner Großmutter hätte geholt sein können mit seinen gedrechselten Beinen, der grünen Linoleumeinlage auf der Tischplatte und dem Tischkasten.

Es gab kein Mikrofon, keine Technik außer einer zusätzlich noch neben den Tisch gestellten Stehlampe, deren Licht zunächst Mario Schneider sehr irritierte, schließlich aber gezähmt auf die Büchlein und A4-Seiten, auf die Texte der Autoren fiel.

Dann erschallte eine für den kräftigen Körper André Schinkels viel zu schwach scheinende Stimme: Gedichte strömten auf das Publikum ein. Die Stimme blieb – beinahe! – eintönig, einschläfernd fast und zwang mich, meine Ohren zu spitzen. (So unterschied sich diese Situation doch sehr von meinem Studium anno Tobak, da ein ganz bestimmter Dozent mich manche Vorlesung und manches Seminar im Dämmer überstehen lies.) Und der Übergang zur anderen, zu Mario Schneiders Stimme war, als würde der Kammerton A nun nicht mehr auf einer Bratsche, sondern weiter auf einem Violoncello gespielt.

Entführt war ich währenddessen in eine Welt jenseits der Kunstraumrealität. Das geschärfte Gehör trug die erzählten Szenen – «wir sprechen schon vom blick genesen – jedoch in der vergangenheit» – direkt in den Projektor und von dort auf die Leinwand meines Kopfkinos. Gambrinus rann im abgedunkelten Zuschauerraum durch meine Kehle. Und über der See zog ein Gewitter auf und schickte erste Blitze in den Sand am Strand des Atlantik. Dann stand ich vor einer Tür und klopfte, und ein alter, hakennasiger Portier öffnete deren rechten Flügel. Ich betrat die Eingangshalle mit dem unruhig mäanderndern Fußbodenmosaik im alten “Hotel Europa”

Ganz plötzlich war alles vorbei. Ich saß wieder auf dem Fußboden, am Pfeiler angelehnt, im Kunstraum Rauschickermann. Die Lesung war beendet. Das Wort entließ mich aus seinem Bann.

Mir hat’s gefallen. Und nun? Nun fehlt mir ganz persönlich ein Ziel in der Stadt. Ein Farbtupfer. Ein Raum der Ruhe und des Genusses.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. Juli 2012 war die Finissage im Kunstraum Rauschickermann mit sehr angenehmen Eindrücken und Gesprächen und einem guten Sänger/Musiker Florian Goldbach.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Lesung im Rauschickermann (#204)

  1. ach, bleibt diese Schilderung so kommentarlos? Mir hat die Lesung, in deiner Schilderung, gefallen und auch die Diva Rauschickermann mit ihren Verkleidungskünsten. Solche Räume braucht man, immer wieder. Ich grüße

    • Der Emil sagt:

      Vielleicht ist es nicht nacherlebbar / nachempfindbar genug? Zum Kunstraum gibt es auf der Projektseite auch ein (vielleicht sogar schon zwei) Video und einige Bilder …

  2. Kool Karl sagt:

    Eine Lesung von geschriebenem wieder mit Geschriebenem Vermitteln zu wollen ist auch nicht ganz selbstverständlich. Obwohl ich deinen Versuch gelungen fand, zumal ich eigentlich lieber lese als selbst auf Lesungen zu gehen.

  3. Pingback: Beispiel: Kurkonzert (#207) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

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